Pflege

Foto: Madsack Medienagentur

Warum ÜberMorgen?

Warum ÜberMorgen?

Dr. Heinrich Jagau, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Hannover bis Dezember 2019, über die Ziele des Projekts

Herr Dr. Jagau, Sie haben mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung das Projekt ÜberMorgen ins Leben gerufen. Was treibt Sie an?

Dr. Heinrich Jagau: Was muss anders werden, damit in Hannover zukünftig die Lebensqualität weiterhin stimmt? Diese Frage stellen wir uns. Beide Unternehmen haben großes Interesse daran, dass Hannover auch in Zukunft ein erfolgreicher Standort ist. Mit der Frage, wie viel Gesundheit wir uns übermorgen noch leisten können, beleuchten wir ein Thema, das viele Menschen in der Stadt und im Umland beschäftigt. Unser Gesundheitssystem wird immer teurer, doch die Ergebnisse werden nicht unbedingt besser, die Abläufe nicht effektiver. Wer ist schuld an der Kostenexplosion? Was müssen wir vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft in der Region tun, damit Gesundheit für alle bezahlbar bleibt? Wie müssen wir unser Gesundheitssystem umbauen, damit wir eine gute Behandlung und Pflege für alle leisten können? Fünf Veranstaltungen mit interessanten Podiumsteilnehmern und eine Webplattform geben Denkanstöße.

Warum arbeitet die Sparkasse Hannover hier mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung zusammen?

Dr. Heinrich Jagau: Die HAZ ist die größte Tageszeitung in der Region. Sie erreicht mit ihren Print- und Online-Ausgaben rund 503.000 Menschen. Wohlgemerkt, jeden Tag. Damit ist die HAZ das größte Forum für elementare Themen, die die Region bewegen. Die Sparkasse Hannover wiederum ist Marktführer unter den Kreditinstituten in der Region. Wir sind mit rund 690.000 Kunden und mit einem Filial- und Digitalnetz regionalweit vertreten und außerdem seit fast 200 Jahren in der Region aktiv. Sparkassen verkörpern institutionalisiertes Zukunftsdenken. Schon als Witwen- und Waisenkassen boten sie eine Perspektive für die Absicherung im Alter, immer auch für die folgenden Generationen. Das hat sich bis heute nicht verändert: Es geht um die Beratung von Privatleuten, Unternehmern, Institutionen und Kommunen in deren Zukunftsfragen. Weil sie alle wissen wollen: Worauf muss ich mich heute einstellen, damit ich Marktentwicklungen, Rentenentwicklungen und gesellschaftliche Megatrends nicht verschlafe?

Zentral für beide Partner ist die Fokussierung auf den regionalen Raum? ­

Dr. Heinrich Jagau: Richtig. Und da ist unser Blick natürlich nicht nur auf die Gegenwart gerichtet, sondern auf das, was uns im Übermorgen bestimmen wird. Die digitale Transformation ist auch in unserem Geschäft in vollem Gange. Wir werden übermorgen das Verhältnis von medialen und persönlichen Begegnungen mit unseren Kunden deutlich verändert haben. Weil sehr, sehr viele Dienstleistungen über Medien und sehr viele komplett durch Technologie erbracht werden können und von den Menschen auch so genutzt werden. Bei Beratung in komplexeren Fragen, die Investitionen und Absicherungen betreffen, Unternehmernachfolgen oder Auslandsgeschäften – da werden Algorithmen nicht die menschliche Urteilskraft und das fundierte Know-how eines guten Beraters ersetzen. Das ist wie mit dem Qualitätsjournalismus: Die Suchmaschinen liefern Ihnen vermutlich die meisten Fakten. Für eine richtig gute Story braucht es eine Verstehmaschine, die Recherchen anstellen und Verbindungen herstellen kann: Und das ist der Mensch!

Sie betonen auch stets Ihren öffentlichen Auftrag.  

Dr. Heinrich Jagau: Dieser besteht auch darin, Zukunftsentwicklungen für diese Region mitzugestalten. Dazu gehören Infrastrukturprojekte, Wirtschaftsförderung, Förderung von Sport, Umwelt-, Kultur, Gesundheits- und Sozialprojekten. Die Zukunftssicherung dieser Region ist, wenn Sie so wollen, unsere Rendite.

Darum also engagieren sich zwei Unternehmen, die seit vielen Generationen in der Region Hannover fest verwurzelt sind, gemeinsam im Projekt ÜberMorgen?

Dr. Heinrich Jagau: Wir stehen mit Hunderttausenden von Menschen in der Region tagtäglich in Kontakt. Deren Erfolg wird ebenfalls von der Entwicklung dieser Region bestimmt. Wir sind daher geradezu prädestiniert, eine innovative Plattform zu den Themen von übermorgen zu schaffen: Wir wollen damit Menschen aus unserer Region zusammenbringen, die Entscheidungen prägen, die an Zukunftsaufgaben arbeiten und die schlicht an Zukunftsthemen interessiert sind.

Das digitale Herz ist uebermorgen.haz.de?

Dr. Heinrich Jagau: Auf der Projekt-Multimedia-Seite uebermorgen.haz.de legt die Redaktion den Finger in die Wunden. Wir fragen nach der Zukunftsstrategie für unser Gesundheitssystem im Hinblick auf medizinische Versorgung, Pflege, Digitalisierung, Prävention sowie Eigenverantwortung jedes Einzelnen. Zehn Monate lang gehen regelmäßig neue Themen online und liefern Einblicke, Visualisierungen, Aha-Effekte und Hintergrundwissen mit hohem Nutzwert. Wir heißen damit alle willkommen bei ÜberMorgen und wünschen ihnen viele Denkanstöße und Impulse!

Roboter im Pflegeeinsatz

Ein Roboter, der Witze macht: Pepper ist in der Lage, mit Heimbewohnern auf einem einfachen Niveau zu kommunizieren.

Roboter im Pflegeeinsatz

Autor: Oliver Züchner
Fotos: privat/Entrance Robotics

Den großen grauen Kater mit dem Flauschfell hat er immer im Auto. „Wenn man ihn streichelt, wackelt er mit dem Schwanz. Wenn man ihn nicht streichelt, fordert er Aufmerksamkeit“, sagt Gesundheitsforscher David Matusiewicz, der den possierlichen Begleiter aus Japan mitgebracht hat. Dort sind die Tiere in Alten- und Pflegeheimen längst gang und gäbe. Die Anschaffungskosten liegen bei nicht einmal 100 Euro. „Die Batterie muss man alle Tage mal wechseln. Aber das war’s auch“, sagt er.

Robotern fehlt noch die Intelligenz

Der Flauschekater ist ein Roboter, der angesichts der immer älter werdenden japanischen Gesellschaft die Pflegekräfte entlasten soll. Roboter, die tatsächlich wie ein Mensch die Pflegebedürftigen waschen oder im Bett wenden, also Pflegetätigkeiten ausüben, gibt es auch dort noch nicht. „Dafür fehlt Maschinen – noch – die Intelligenz und das händische Geschick“, erklärt Matusiewicz, der an der FOM Hochschule in Hannover Gesundheitsmanagement lehrt.

Gesundheitsforscher David Matusiewicz mit digitaler Flauschkatze.

120.000 Pflegekräfte fehlen in Altenheimen

Wer daher glaubt, Roboter könnten die rund 120.000 Pflegekräfte ersetzen, die nach einer aktuellen Studie der Universität Bremen allein in Deutschlands Altenheimen akut fehlen, liegt schief. Wohl gibt es einzelne digitale Lösungen wie den Kreiselhandschuh gegen den Tremor in den Händen. Mehr zu dem Thema

Es gibt fahrerlose Transportsysteme (FTS), die Betten bewegen und Wäschesäcke von den Stationen in den Keller fahren und dabei die Aufzüge benutzen. Mit Robotik aber hat das alles noch nichts zu tun. „Mittel- und langfristig bieten Roboter zwar neue Perspektiven. Kurzfristig brauchen wir schlicht mehr Personal – viel mehr Personal“, sagt der Wissenschaftler. Denn auch in Krankenhäusern würden zu viele Stellen unbesetzt bleiben und der Pflegeschlüssel, also das Verhältnis von Pflegepersonal zu Patienten, sei zu niedrig. „Wenn man berücksichtigt, dass Menschen den Pflegeberuf aufgrund des harten Arbeitsalltags aufgeben, andere in Rente gehen, fehlen in der Bundesrepublik in Summe geschätzt bis zu 300.000 Pflegerinnen und Pfleger über die kommenden fünf Jahre“, so Matusiewicz.

Roboter für soziale Interaktion

Was heute tatsächlich möglich ist, sind „soziale“ Roboter, die in tier- oder menschenähnlicher Gestalt Emotion und Kommunikation befördern können: Sie erzählen Witze, machen Späßchen und stellen Quizfragen. Damit können Roboter die Stimmung der Patienten verbessern, Angst, Schmerz und Einsamkeitsgefühle reduzieren und die Schlafqualität verbessern. „Das ist ein therapeutischer Nutzen, der sich nachweisen lässt“, sagt Matusiewicz und krault seinem Kunststoffkater das Fell. „Leider sind die Roboter nicht billig.“ Rund 5000 Euro kostet etwa Paro: Die Pflegerobbe ist Vorreiter unter den sozialen Robotern. Sie erkennt Stimmen und Verhaltensmuster und kann sich auf einen Menschen einstellen. Mehr als 4000 Exemplare sind mittlerweile weltweit in Kliniken und Heimen im Einsatz, darunter in mehr als 40 deutschen Einrichtungen. Ziel ist vor allem die Begleitung Demenzkranker, aber auch von Patienten in der Palliativmedizin – allerdings nicht als Pflegeersatz, sondern als begleitendes Instrument.

Software macht Pepper wandlungsfähig

2015 kam Pepper auf den Markt. Der Roboter des japanischen Herstellers Softbank, von dem weltweit bislang mehr als 12.000 Stück abgesetzt wurden, ist nicht ursprünglich für die Pflege entwickelt worden. Von knapp 100 Pepper-Robotern, die bis März 2020 durch Entrance Robotics, einen der Vertriebspartner der Humanoiden, in Deutschland abgesetzt wurden, gingen zwei Dutzend in den Pflege- und Gesundheitsbereich, zuletzt zwei in eine Kölner Privatklinik und einer in ein Altenheim im sauerländischen Plettenberg.

Seine Software macht Pepper wandlungsfähig. Forscher der Uni Siegen und der FH Kiel programmierten ihn 2017 für die Betreuung der Bewohner eines Seniorenheims in Siegen. Mit einer etwas anderen Software schickte Entrance Robotics einen weiteren Pepper im August 2019 für ein Testprojekt ins Seniorenzentrum Schleswiger Straße nach Hannover. Dort machte Pepper das, wofür Mitarbeitern im kurzatmig getakteten Heimalltag kaum Zeit bleibt: Er stellte Rätselaufgaben, erzählte Märchen und Witze, animierte zu Gehirnjogging und mit seinen gelenkigen Armen zu Bewegungsspielen – Gesundheitsprävention, die Spaß macht. „Allerdings sind uns die Kosten mit 35.000 Euro für ein reines Kommunikationsinstrument zu hoch“, sagt Walter Richter vom Pflegeheimbetreiber, dem AWO-Bezirksverband Hannover. Die Krankenkassen helfen in dieser Frage nicht weiter. Für Pepper zahlen sie bislang keinen Zuschuss. Für Pflegerobbe Paro übernehmen sie die Kosten wiederum nur in Einzelfällen. So scheuen die Heime nicht zuletzt den bürokratischen Aufwand. Hier geht zur den Beiträgen: HAZ Universität Siegen

Unterhält sich auch mit mehreren Heimbewohnern: Pepper ist bundesweit in 15 Einrichtungen im Einsatz.

Aktuell in 15 Seniorenheimen im Einsatz

Vielleicht relativieren sich die Kosten, wenn die Roboter etwas komplexere Aufgaben übernehmen können – so wie Pepper, der seit Ende 2017 auch im Kundenzentrum des hannoverschen Energiedienstleisters Enercity eingesetzt wird. Dort nimmt er Aufträge zum Umzugsservice an, erklärt Produkte und Verträge – und unterhält mit Spielen und Animationen. Eine ganz ähnliche Aufgabe soll der Pepper erhalten, der seit diesem März im Düsseldorfer Marienhospital die Runden dreht. „Er analysiert den Gesichtsausdruck des Gegenübers und bietet ihm dann eine darauf abgestimmte Kommunikation an“, sagt Alexander Pröll von Entrance Robotics. So dient Pepper als zuweilen als fahrender Kummerkasten. Oder er erklärt Besuchern den Weg und führt sie zum Beispiel direkt zur Cafeteria. Sobald die datenschutzrechtlichen Voraussetzungen gegeben sind, könnte der Roboter Besucher auch direkt zu jedem gewünschten Patienten begleiten. Die Integration von Pepper in die Steuerung der Aufzüge ist ebenfalls geplant. Dann wird der Roboter jede Etage direkt anfahren können. Bis es so weit ist, soll Pepper ältere Menschen zum Bewegungstraining in der Gruppe animieren. Die Software wird in diesen Tagen ausgerollt. Aktuell ist Pepper in 15 Seniorenheimen in Deutschland im Einsatz.

Digitalisierung in der Pflege

Entlastung für das Pflegepersonal

Es könnte so einfach sein. Der Wäscheschrank ist leer und sofort setzt sich ein autonom bestückter Trolley von alleine im Keller in Bewegung. Nebenan schickt die Zentralküche den für die Station besetzten Warmhaltewagen los, während sich oben auf Station alle Pflegekräfte um die Menschen kümmern können. Denkbar wäre das. Auch technisch ist das alles längst keine Utopie mehr. Nur die Umsetzung stockt.


Autorin: Rebekka Neander
Fotos: iStockphoto.com/Obencem/metamorworks/Moussa81

„Die meisten Krankenhausflure sind heute lediglich darauf ausgelegt, dass zwei Patientenbetten gut aneinander vorbeikommen“, sagt Martin Meywirth. „Für ein autonomes Fahrzeug ist da kein Platz mehr.“ Meywirth ist am Klinikum der Region Hannover mit dem Projekt Mobidoc betraut. Es ist im KRH-Sprachgebrauch der Name für die (fast) vollständig digitale Patientenakte. Statt handschriftlicher Notizen und überquellender Ordner zeigt die digitale Patientenakte auf dem Computerbildschirm alle Informationen über die erkrankte Person, die für die Behandlung und Pflege wichtig sind: Warum ist sie im Krankenhaus? Wie lief die Operation? Welche Medikamente gab es zuletzt? Was zeigen MRT, Röntgenaufnahme und endoskopische Untersuchung?

Digitale Unterstützung schafft Zeit für Tätigkeit nah am Menschen

Mobidoc bekommt bald Zuwachs. Spot-Monitor, so Meywirth, heißt ein weiterer digitaler Assistent. Ein rollbarer Wagen, bestückt mit Blutdruckmessgerät, Fieberthermometer und einem sogenannten Pulsoxymeter für die Sauerstoffsättigung im Blut. Die damit gemessenen sogenannten Vitalwerte wandern automatisch in die digitale Patientenakte. Wieder wird damit Zeit für andere wichtige Tätigkeiten gewonnen.

Sich wieder dem Menschen zuwenden: Pflegekräfte könnten dank digitaler Helfer künftig wieder mehr Zeit dafür gewinnen.

Automatisierte Assistenten als nächste Stufe

Automatisierte Assistenten, die tatsächlich Handgriffe direkt am Patienten abnehmen, sind dagegen bislang nur eine Vision. Pepper, der kindgroße „Robotergefährte“ der Wuppertaler Entwicklerschmiede Entrance, hat zwar bereits den einen oder anderen Präsentationsauftritt in hannoverschen Pflegeheimen hinter sich. Mehr als eine experimentelle Ergänzung ist er jedoch (noch) nicht. Und selbst dies auch nur für jene, die ihn sich leisten können.

Roboterkatze schnurrt für Patienten

Wohin die Reise mit den automatisierten Pflegeassistenten gehen könnte, ist unter anderem am Pflegepraxiszentrum der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) zu beobachten. Dieses testet mit Förderung des Bundesforschungsministeriums Innovationen aller Art, die der Pflege helfen könnten. „Wir haben beispielsweise eine mechanische Katze im Einsatz, die schnurren kann“, berichtet Iris Meyenburg-Altwarg. Sie leitet die hochschuleigene Pflegeakademie. Die Roboterkatze beruhige Patienten, die beispielsweise an Demenz oder Delir leiden und nach einem Eingriff im Bett liegen müssen.

Roboter für Desinfektion und „intelligente“ Betten

Ein mit UV-Licht agierender Desinfektionsroboter wird an der MHH nach der Entlassung von Patienten in deren Zimmer geschickt. „Das ultraviolette Licht hilft, Bakterien zu reduzieren“, sagt Meyenburg-Altwarg. Die sich anschließende Desinfektion und Reinigung des Zimmers falle entsprechend schneller aus. „Wir testen zudem gerade ein Bett, dessen Auflage aus würfelförmigen Elementen besteht.“ Diese erkennen, wo die höchste Gefahr für ein Druckgeschwür besteht, und entlasten dann gezielt an diesen Punkten. Andere Betten melden Ausstiegsversuche sturzgefährdeter Patienten oder verlagern sie automatisch in eine andere Position. Wenig überzeugend allerdings findet Meyenburg-Altwarg die bisher angebotenen Roboter, die beim Heben des Patienten helfen sollen: „Das taugt alles nichts.“ Die bisher bekannten Geräte seien allesamt nicht kippsicher. „Und wenn, dann sind sie viel zu groß und zu schwer.“

Digitalisierung in der Pflegeausbildung

Im Bereich der Aus- und Weiterbildung wiederum lockt die digitale Transformation mit neuen Lernmodellen. So haben in der Akademie des Regionsklinikums Anfang Februar zwei Medienpädagogen ihren Dienst angetreten. Ihr Ziel: alles, was Pflege wissen muss, in E-Learning-Einheiten zu gießen. Dieses „virtuelle Klassenzimmer“ mit gefilmten Fallbeispielen, spielerischen Ansätzen und der klaren Aufforderung an Auszubildende und Lehrkräfte, sich bei der didaktischen Gestaltung beispielsweise durch selbst gedrehte Filmchen einzubringen, ist der Region Hannover einiges wert. Die Eigentümerin des Klinikums finanziert den Aufbau in einem auf zwei Jahre angelegten Projekt mit insgesamt 600.000 Euro. Zum Lehrinhalt werden auch Mobidoc und Spot-Monitor gehören. „Aber eben auch der Umgang mit den Daten“, sagt der Medienpädagoge und Projektmanager Mirco Pietsch.

Programmierung von Assistenzrobotern

Auch das Bildungswerk des Diakovere-Verbundes in Hannover stellt sich dem Thema: Die Auszubildenden üben sich beispielsweise an der eigenen Programmierung von Nao, einem humanoiden Assistenzroboter, ebenfalls aus dem Hause Entrance, der beispielsweise auf Kinderstationen Spiele anbieten oder in Empfangshallen der Orientierung dienen kann.

„Wir sind dabei, entsprechende Konzepte für Patienten zu entwickeln“, sagt Diakovere-Sprecherin Diana Rose. „Aktuell haben wir die elektronische Patientenakte in fast allen unseren Häusern eingeführt.“ In der Alten- und Behindertenhilfe würden Menschen mit Beeinträchtigungen an Digitalisierungsprozesse herangeführt. „Das betrifft die digitale Steuerung von Assistenzsystemen oder die Schaffung virtueller Ausbildungsangebote für Menschen, die nicht mobil sind.“

Pflege als Motor für digitalen Wandel

Die Erwartungshaltung an derlei Angebote ist vielfältig. Ulf-Birger Franz, Wirtschaftsdezernent der Region, sieht vor allem die Beschäftigten und Auszubildenden als treibenden Motor für den digitalen Wandel in der Pflege. „Ihnen möchten wir mit dem virtuellen Klassenzimmer der KRH-Akademie ein attraktives Ausbildungsangebot eröffnen.“ Das kann die dortige Projektleiterin, Pflegepädagogin Sabine Vogel, nur unterstreichen.

Überdies aber erleichtere diese Unterrichtsergänzung auch ihre Arbeit. „Mithilfe dieses browsergestützten Systems kann ich die Lernfortschritte der Auszubildenden künftig auch von unterwegs kontrollieren.“ Bei zehn in der Region verteilten Standorten durchaus von Vorteil. So spielerisch das E-Learning für den Pflegenachwuchs auch sei, mahnt jedoch Yvonne Radtke, der Lehrstoff werde dadurch nicht weniger. Radtke, ebenfalls Medienpädagogin an der Akademie, hat etwas gegen falsche Hoffnungen: „Lernen muss man immer noch. Diese Arbeit nimmt einem kein Computer ab.“

Grenzen für digitalisierte Daten

Wer Daten sammelt, muss sie schützen. Martin Meywirth, im Zentralen Projektmanagement des Regionsklinikums unter anderem mit der digitalen Patientenakte betraut, macht deshalb auch keinen Hehl aus einem kleinen, vermeintlichen Anachronismus. So umfassend die Digitalisierung der Patientenakte vom Profil über die Pflege bis zur Mediation auch sein mag: Wer sich in eines der KRH-Krankenhäuser aufnehmen lässt, muss auch weiterhin viele bisherige Befunde auf Papier einreichen. „Wir dürfen keine fremden Datenträger ins System lassen“, betont Meywirth. Ausnahme bleiben von anderen Krankenhäusern oder Arztpraxen erstellte Bilder in digitaler Form. Was ein Patient privat gescannt hat, muss dieser wieder ausdrucken – um die Bilder in der Aufnahme wiederum erneut einscannen zu lassen. „Solange es die elektronische Gesundheitskarte nicht wirklich gesichert gibt“, so Meywirth, „wird das auch so bleiben müssen.“

Mit Musik gegen das Vergessen

Klang und Leben

Wenn Erinnerungen schwinden

„Wer sind Sie?“ Eine so kurze wie unschuldige Frage. Jeder darf sie stellen. Nur die Mutter ihrer Tochter nicht. „Mütter“, sagt Graziano Zampolin, „das sind die, die alles wuppen.“ Sie haben die ganze Arbeit erledigt, die Familie zusammengehalten, Wäsche gewaschen, Streit geschlichtet. „Wenn ein so nahestehender Mensch von Demenz betroffen ist, müssen wir die Rollen tauschen.“ Dann wird die Tochter zur Mutter, der Sohn zum Vater – und umgekehrt. „Doch das ist für die meisten Menschen schwierig zu verstehen“, so Demenzcoach Zampolin.

Autorin: Rebekka Neander
Fotos: Maike Helbig (3), iStockphoto.com/wildpixel

Demenzkranke verlieren nach und nach Fähigkeiten und Erinnerungen.

Graziano Zampolin weiß sehr genau, wovon er spricht. Er ist Lehrer für Pflegeberufe. Und – als Hobbygitarrist – Initiator und Mitbegründer des Musikprojekts Klang und Leben. Dessen Auftritte in Altenpflegeeinrichtungen holen Demenzkranke über die Musik ihrer Jugend wenigstens für den Moment ins Leben zurück. Und er ist Angehöriger eines psychisch Erkrankten. „Wenn ich früher gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich dem ganz anders begegnen können“, sagt Zampolin.

Was er meint, klingt banal. Und doch sind es weit klaffende Wissenslücken, die im familiären Umfeld oft zu Überforderung und damit einhergehend zu Aggression führen, wenn professionelle Hilfe fehlt. „Wenn wir über Krankheiten sprechen, und damit meine ich nicht nur Demenz, sprechen wir oft nur über Symptome“, klagt der ausgebildete Krankenpfleger, „aber nie über die Emotionen, die mit der Krankheit verbunden sind.“ Im Falle der Demenz: über die Angst, die der Verlust des Erinnerungsvermögens auslöst. Über die Verunsicherung ohne Ortsorientierung. Über die Aggression, die aus der Überforderung resultiert.

Graziano Zampolin ist Demenzcoach und Mitbegründer des Musikprojekts Klang und Leben.

Demenz löst Ängste aus

„Demenz ist nicht nur der Verlust des Kurzzeitgedächtnisses“, sagt Zampolin. Es ist auch das stetige Vergessen von Fertigkeiten bis hin zum Wortschatz eines erwachsenen Menschen. Wer in der Lage ist, sich in diese Situation empathisch und authentisch hineinzuversetzen, könne nachfühlen, in welcher emotionalen Welt sich erkrankte Menschen befinden. Dann kann Verstehen gelingen - und zum Beispiel die Erkenntnis wachsen, dass das Nichterkennen nicht persönlich gemeint ist. Dass sich das Gefühl, zu Hause zu sein, auch bei noch so guter Betreuung an keinem Ort einstellen wird, der nicht das frühere Elternhaus ist. „Und dass man diesen Menschen niemals böse sein kann, egal, was passiert.“

Zampolin hat eine Zeit lang in vielen der Pflegeeinrichtungen, die er mit Klang und Leben besucht hat, dank einer Spende der Sparkasse Hannover auch Fortbildungen für das Betreuungsteam angeboten. Die meisten Sozialarbeitenden erlebte er dabei verhältnismäßig gut ausgebildet. Defizite sieht er vornehmlich bei den jüngeren Pflegekräften, „die einfach zu wenig wissen über die Zeit, in der heute hochbetagte und an Demenz Erkrankte geistig zu Hause sind“. Biografiearbeit helfe viel. „Im Zweifel aber gelingt ein Abholen auch für Angehörige immer durch das Erzählen eigener Kindheitsgeschichten“, sagt Zampolin und lacht. „15-Jährige haben doch im Grunde zu jeder Zeit die gleichen Abenteuer erlebt.“

Oliver Perau singt mit Betroffenen und ebnet ihnen damit den Weg zurück zu verschütteten Momenten.

Das Musikprojekt Klang und Leben

Seit 2013 tourt das Musikprojekt Klang und Leben auf Initiative von Graziano Zampolin durch Alten- und Pflegeheime. Was in und um Hannover begann, hat sich aufgrund des großen Erfolges längst über Niedersachsen hinaus ausgedehnt. Inzwischen geben die Musiker um Zampolin und den Terry-Hoax-Sänger Oliver Perau rund 60 Konzerte pro Jahr. Finanziert wird das Projekt, für das ein Verein gegründet wurde, vornehmlich mithilfe von Spenden. So sehr den von Demenz Betroffenen die Musik in diesem Moment auch zugutekommt: Zampolin reicht dies nicht mehr. Er sucht nach einem Konzept, den Effekt der Musik nachhaltiger in den Pflegeheimen zu implementieren. „Ich würde mir deshalb wünschen, dass sich Sponsoren künftig auch gezielt für Schulungen der Betreuenden finden lassen.“

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Pflegekräfte aus Osteuropa

Pflegekräfte aus Osteuropa sind manchmal eine Lösung

Der Markt boomt

Dank Betreuungskräften aus Osteuropa scheint die Pflege rund um die Uhr im häuslichen Umfeld machbar. Den Angehörigen bietet das Modell Entlastung und sie wissen ihre Liebeb in vertrauter Umgebung. Der Vermittlungsmarkt boomt – doch nicht jedes Versprechen der Agenturen ist haltbar. Und so einfach, wie manche Familie sich das vorstellt, gelingt dies nicht.

Autorin: Rebekka Neander
Fotos: iStock.com/Obencem; monkeybusinessimages2

Pflegekräfte aus Osteuropa sind manchmal eine Lösung

Der Markt boomt

Dank Betreuungskräften aus Osteuropa scheint die Pflege rund um die Uhr im häuslichen Umfeld machbar. Den Angehörigen bietet das Modell Entlastung und sie wissen ihre Liebeb in vertrauter Umgebung. Der Vermittlungsmarkt boomt – doch nicht jedes Versprechen der Agenturen ist haltbar. Und so einfach, wie manche Familie sich das vorstellt, gelingt dies nicht.

Autorin: Rebekka Neander
Fotos: iStock.com/Obencem; monkeybusinessimages2

An den Grenzen der Belastbarkeit

Die Diagnosen kommen rasch und unerbittlich: Der aggressive Hautkrebs der Mutter hat Metastasen gestreut. Der Vater, selbst Krebspatient, bricht kurz darauf zusammen und muss für mehrere Monate in stationäre psychiatrische Behandlung. Auch den Sohn und die Tochter, beide familiär gebunden und voll berufstätig, bringt die Situation an die Grenzen der Belastbarkeit. Was tun? Selbst die Pflege zu übernehmen lassen Kraft und verbleibende Zeit nicht lange zu. Und ein Ortswechsel ist den Eltern kaum zumutbar.

Heute, einige Monate später, hat das Martyrium der Familie ein Ende. „Meine Schwester und ich“, berichtet der Sohn Bernd W., „haben am Anfang noch versucht, abwechselnd bei unseren Eltern zu übernachten und so sicherzustellen, dass unsere Mutter wenigstens ihre Medikamente nimmt. Aber das hat uns zerrissen. Physisch und emotional.“ Über private Kontakte schließlich landen die Geschwister bei einer Agentur für osteuropäische Betreuungskräfte. Die Rettung?

Hunderte Anbieter tummeln sich auf dem Markt

Bundesweit vermitteln heute mehrere Hundert Agenturen Kräfte für die sogenannte 24-Stunden-Pflege. Der Markt boomt. Als Stiftung Warentest 2009 erstmals deutsche Vermittlungsagenturen einem Test unterzog, stießen die Mitarbeiter bundesweit noch auf rund 60 Firmen, bei der Neuauflage des Testes 2017 waren es bereits 266 - Tendenz steigend. Wie viele Kräfte aus Osteuropa heute in Deutschland tätig sind, lässt sich schwer beziffern. Letzte Schätzungen gehen von rund 300.000 Kräften aus, schreibt Stiftung Warentest. Verknüpft ist mit ihrem Einsatz ein hehrer Wunsch: der Verbleib in den vertrauten vier Wänden, auch wenn dies nur noch mit einer Betreuung rund um die Uhr möglich ist.

Die Versprechungen der Agenturen lauten bundesweit ähnlich: Liebevolle Kräfte kümmern sich rund um die Uhr, kaufen ein, kochen, putzen und übernehmen die „Pflege“. Doch hier driften Hochglanzbroschüre und Wirklichkeit zum Teil weit auseinander: In Deutschland dürfen Arbeitskräfte dieser Art maximal 48 Stunden pro Woche arbeiten. Sie haben Anrecht auf einen freien Tag in der Woche. Solche Aufgaben, die hierzulande examinierten Pflegekräften gesetzlich vorbehalten sind, dürfen die aus Osteuropa vermittelten Frauen nicht übernehmen. Sofern sie überhaupt einen einschlägigen Berufsabschluss haben, wird dieser in Deutschland nicht automatisch anerkannt. Ohne einen ergänzenden ambulanten Pflegedienst sowie Familienangehörige oder eine Tagespflege-Einrichtung zur Entlastung der angestellten Kraft kommt ein erkrankter Mensch zu Hause nicht aus.

Agenturen im Test mit Lücken

Stiftung Warentest hat in einer umfänglichen Befragung von letztlich 13 bundesweit tätigen Agenturen keine gefunden, die ihre Kunden „gut“ informiert. Insbesondere bei rechtlichen und finanziellen Fragen bleiben Antworten aus, was für die Kunden fatale Folgen haben kann. Ist zum Beispiel mit dem im Vertrag genannten „Mindestlohn“ der deutsche mit aktuell 9,19 Euro pro Stunde gemeint oder der deutlich geringere polnische? Diffus sind zum Teil auch die Bezeichnungen für die vorhandenen Deutschkenntnisse. Und wer kümmert sich um den Transfer der Arbeitskräfte nach Deutschland?

Wie abwegig zum Teil jedoch auch die Ansprüche der Kunden sind, verrät Matthias Kindermann. Er vertritt in Hannover den klaren Testsieger von 2017, die Agentur „Pflege zu Hause Küffel“. „Wir führen mit den Interessenten zu Beginn ein sehr deutliches Gespräch“, sagt er. Die Erfahrung habe gezeigt, wie nötig dabei auch die folgenden Sätze seien: „Nein, das ist keine Sklavin. Ja, das Zimmer, das zur Verfügung gestellt wird, muss eine Tür haben.“ Und ein Bett, einen Tisch und einen Stuhl, einen Fernseher und Zugang zum Internet.

Was ist günstiger?

Die Vermittlungsagenturen werben gerne damit, dass die häusliche Betreuung durch osteuropäische Kräfte unter dem Strich günstiger sei als die stationäre Unterbringung in einem Alten- und Pflegeheim. Doch diese Rechnung geht nicht auf. Zwischen 2000 und 3500 Euro rufen die Anbieter pro Kraft pro Monat auf. Insbesondere die bereits vorhandenen Deutschkenntnisse treiben dabei den Preis.

Zwar können Betroffene durchaus das ihnen zustehende Pflegegeld nach Einstufung eines Pflegegrades dagegen rechnen. Doch dieses reicht bei Weitem nicht aus. So liegt der für die häusliche Pflege von den Kassen veranschlagte Satz beispielsweise für Pflegegrad 3 bei 545 Euro pro Monat. Kommt ein Pflegedienst ergänzend zum Einsatz, zahlt die Pflegekasse in diesem Fall bis zu 1298 Euro - jedoch nur an professionelle ambulante Pflegedienste. Der Satz für die häusliche Pflege mindert sich dann anteilig. Die vom Arzt verordnete sogenannte Behandlungspflege durch einen ambulanten Pflegedienst zahlt hingegen die Krankenkasse und reduziert das Pflegegeld nicht.

Sämtliche Kosten im Blick behalten

Wie halbseiden so manche Agentur an dieser Stelle agiert, zeigen deren aufgeführte Beispielrechnungen. So setzen sie bei der stationären Unterbringung in der Regel nicht nur Heimkosten im gehobenen Segment an. Viele Agenturen unterschlagen bei der Aufstellung der Kosten für eine 24-Stunden-Pflege die weiterhin anfallenden Kosten für den Erhalt der selbst bewohnten Immobilie beziehungsweise die Miete samt Nebenkosten und die Lebensmittel für den Betroffenen und die Betreuungskraft. Diese hat neben ihrem von der Agentur ausgezahlten Gehalt auch Anspruch auf freie Kost und Logis.