Medizinische Versorgung

Foto: Madsack Medienagentur

Warum ÜberMorgen?

Warum ÜberMorgen?

Dr. Heinrich Jagau, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Hannover bis Dezember 2019, über die Ziele des Projekts

Herr Dr. Jagau, Sie haben mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung das Projekt ÜberMorgen ins Leben gerufen. Was treibt Sie an?

Dr. Heinrich Jagau: Was muss anders werden, damit in Hannover zukünftig die Lebensqualität weiterhin stimmt? Diese Frage stellen wir uns. Beide Unternehmen haben großes Interesse daran, dass Hannover auch in Zukunft ein erfolgreicher Standort ist. Mit der Frage, wie viel Gesundheit wir uns übermorgen noch leisten können, beleuchten wir ein Thema, das viele Menschen in der Stadt und im Umland beschäftigt. Unser Gesundheitssystem wird immer teurer, doch die Ergebnisse werden nicht unbedingt besser, die Abläufe nicht effektiver. Wer ist schuld an der Kostenexplosion? Was müssen wir vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft in der Region tun, damit Gesundheit für alle bezahlbar bleibt? Wie müssen wir unser Gesundheitssystem umbauen, damit wir eine gute Behandlung und Pflege für alle leisten können? Fünf Veranstaltungen mit interessanten Podiumsteilnehmern und eine Webplattform geben Denkanstöße.

Warum arbeitet die Sparkasse Hannover hier mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung zusammen?

Dr. Heinrich Jagau: Die HAZ ist die größte Tageszeitung in der Region. Sie erreicht mit ihren Print- und Online-Ausgaben rund 503.000 Menschen. Wohlgemerkt, jeden Tag. Damit ist die HAZ das größte Forum für elementare Themen, die die Region bewegen. Die Sparkasse Hannover wiederum ist Marktführer unter den Kreditinstituten in der Region. Wir sind mit rund 690.000 Kunden und mit einem Filial- und Digitalnetz regionalweit vertreten und außerdem seit fast 200 Jahren in der Region aktiv. Sparkassen verkörpern institutionalisiertes Zukunftsdenken. Schon als Witwen- und Waisenkassen boten sie eine Perspektive für die Absicherung im Alter, immer auch für die folgenden Generationen. Das hat sich bis heute nicht verändert: Es geht um die Beratung von Privatleuten, Unternehmern, Institutionen und Kommunen in deren Zukunftsfragen. Weil sie alle wissen wollen: Worauf muss ich mich heute einstellen, damit ich Marktentwicklungen, Rentenentwicklungen und gesellschaftliche Megatrends nicht verschlafe?

Zentral für beide Partner ist die Fokussierung auf den regionalen Raum? ­

Dr. Heinrich Jagau: Richtig. Und da ist unser Blick natürlich nicht nur auf die Gegenwart gerichtet, sondern auf das, was uns im Übermorgen bestimmen wird. Die digitale Transformation ist auch in unserem Geschäft in vollem Gange. Wir werden übermorgen das Verhältnis von medialen und persönlichen Begegnungen mit unseren Kunden deutlich verändert haben. Weil sehr, sehr viele Dienstleistungen über Medien und sehr viele komplett durch Technologie erbracht werden können und von den Menschen auch so genutzt werden. Bei Beratung in komplexeren Fragen, die Investitionen und Absicherungen betreffen, Unternehmernachfolgen oder Auslandsgeschäften – da werden Algorithmen nicht die menschliche Urteilskraft und das fundierte Know-how eines guten Beraters ersetzen. Das ist wie mit dem Qualitätsjournalismus: Die Suchmaschinen liefern Ihnen vermutlich die meisten Fakten. Für eine richtig gute Story braucht es eine Verstehmaschine, die Recherchen anstellen und Verbindungen herstellen kann: Und das ist der Mensch!

Sie betonen auch stets Ihren öffentlichen Auftrag.  

Dr. Heinrich Jagau: Dieser besteht auch darin, Zukunftsentwicklungen für diese Region mitzugestalten. Dazu gehören Infrastrukturprojekte, Wirtschaftsförderung, Förderung von Sport, Umwelt-, Kultur, Gesundheits- und Sozialprojekten. Die Zukunftssicherung dieser Region ist, wenn Sie so wollen, unsere Rendite.

Darum also engagieren sich zwei Unternehmen, die seit vielen Generationen in der Region Hannover fest verwurzelt sind, gemeinsam im Projekt ÜberMorgen?

Dr. Heinrich Jagau: Wir stehen mit Hunderttausenden von Menschen in der Region tagtäglich in Kontakt. Deren Erfolg wird ebenfalls von der Entwicklung dieser Region bestimmt. Wir sind daher geradezu prädestiniert, eine innovative Plattform zu den Themen von übermorgen zu schaffen: Wir wollen damit Menschen aus unserer Region zusammenbringen, die Entscheidungen prägen, die an Zukunftsaufgaben arbeiten und die schlicht an Zukunftsthemen interessiert sind.

Das digitale Herz ist uebermorgen.haz.de?

Dr. Heinrich Jagau: Auf der Projekt-Multimedia-Seite uebermorgen.haz.de legt die Redaktion den Finger in die Wunden. Wir fragen nach der Zukunftsstrategie für unser Gesundheitssystem im Hinblick auf medizinische Versorgung, Pflege, Digitalisierung, Prävention sowie Eigenverantwortung jedes Einzelnen. Zehn Monate lang gehen regelmäßig neue Themen online und liefern Einblicke, Visualisierungen, Aha-Effekte und Hintergrundwissen mit hohem Nutzwert. Wir heißen damit alle willkommen bei ÜberMorgen und wünschen ihnen viele Denkanstöße und Impulse!

Gemeinsam gegen den Hebammenmangel

Hebammenzentrale schafft Abhilfe

Es war eine unhaltbare Situation, ein Engpass, der sich immer weiter zuspitzte. Im vergangenen Jahr schlug die Zunft der hannoverschen Hebammen Alarm: Bis zu 40 Anrufe mussten werdende Mütter damals tätigen, um für ihre Schwangerschaft eine professionelle Betreuung zu bekommen. Manche mussten lange Wege in Kauf nehmen, andere wiederum erhielten ausschließlich Absagen. Es musste etwas passieren in Sachen Hebammenmangel in der Region. Dabei haben Frauen bereits mit Beginn einer Schwangerschaft einen gesetzlichen Anspruch auf die Betreuung durch eine Hebamme. Die Kosten für die Hebammenhilfe während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett werden von den Krankenkassen übernommen.


Autorin: Susanna Bauch
Fotos: iStockphoto.com/ MachineHeadz /Hebammenzentrale Region Hannover

Wenn schon wenig Hebammen verfügbar sind, so sollen diese wenigstens möglichst sinnvoll auf schwangere Frauen verteilt werden. Und wenn es gar nicht reicht? Dann findet sich ein System, in dem sich Hebammen ihren Kapazitäten nach abwechseln und vertreten. Klingt nach viel Organisationsaufwand? Die Hebammenzentrale Hannover macht es möglich. Einer Schätzung zufolge erhalten 30 bis 35 Prozent der schwangeren Frauen in der Region Hannover aufgrund des Hebammenmangels keine Hebammenbegleitung. Der Runde Tisch „Frauen und Mädchengesundheit“ der Region Hannover beschloss daraufhin, gemeinsam mit dem Hebammenverband Niedersachsen an einer Lösung für dieses Problem zu arbeiten.

Rund 300 Hebammen in der Region unter einer Adresse

Zum April 2019 wurden drei Hebammen, Christina Aust, Christina Reinartz und Nina Obermeyer, angestellt. Christina Aust leitet die Hebammenzentrale der Region Hannover, eine Kooperation der Region mit Pro Familia Niedersachsen und dem niedersächsischen Hebammenverband. Angesiedelt ist sie bei Pro Familia in Hannover, Stadtbezirk Mitte, Dieterichsstraße 25. Herzstück ist jedoch die Website, die die Angebote der mittlerweile rund 300 Hebammen in der Region bündeln soll.

Was passiert mit den Gesundheitsdaten?

Genau das sieht Dr. Gerald Neitzke von der Medizinischen Hochschule Hannover kritisch. „Die Motivation zu gesundem Verhalten sollte aus dem Menschen selbst kommen“, ist der Medizinethiker überzeugt. „Außerdem hat jeder sein individuelles Risikoprofil. Jemand kann noch so viele Schritte am Tag gehen und dabei den perfekten BMI haben – wenn er eine Sportart mit hohem Verletzungsrisiko ausübt, geht er gesundheitliche und ökonomische Risiken ein.“ Neitzke findet es generell falsch, Menschen mithilfe von materiellen Anreizen oder – schlimmer noch – Sanktionen zu bestimmten Verhaltensweisen zu drängen. „Jeder hat das Recht, seine eigene Gesundheit zu erhalten oder zu schädigen. Wir alle gehen Gesundheitsrisiken ein, aber das Profil dieser Risiken ist individuell unterschiedlich.“ Hinzu komme, dass Internetriesen mit den gesammelten Bewegungsdaten nicht Gesundheit erhalten, sondern Profit machen wollen. „Wir wissen, dass Google Gesundheitsdaten sammelt. Wenn nicht für den Verkauf an Dritte, dann zumindest für die personifizierte Werbung. Wenn jemand diese Daten freiwillig zur Verfügung stellt, wird der Mensch selbst zur Ware.“

Vermittlungsquote von 82 Prozent erreicht

Bereits wenige Monate nach Einrichtung der Zentrale gab es kleine Erfolgsmeldungen. „In kürzester Zeit seit Beginn im August 2019 haben wir sehr viel Resonanz erfahren“, betonten die drei Expertinnen. So wurden im Zeitraum von August bis zum Jahresende 2019 328 Anfragen bei der Hebammenzentrale registriert. Hauptsächlich schwangere Frauen, Wöchnerinnen oder Stillende, die eine Hebamme suchten. „Die Vermittlungsquote lag bei 82 Prozent“, betont Obermeyer.

„Auch unsere Homepage www.hebammenzentrale-region-hannover.de wird nachgefragt. Frauen und Familien können auf unserer Seite eigenständig auf einer detaillierten Auswahlliste nach Hebammen suchen, die noch freie Kapazitäten haben“, sagt Aust.

Per Suchfunktion sollen Schwangere eingeben können, wann sie eine Hebamme brauchen. Dazu sollen sie sich über die Angebote, sei es in der Geburtshilfe, im Wochenbett, zur Stillzeit oder zum ersten Lebensjahr, orientieren können. Parallel dazu registrieren Hebammen sich mit freien Zeiten und Angeboten. 360.000 Euro gibt die Region für die ersten drei Jahre des Projektes.

Außerdem haben auch Frauen Kontakt aufgenommen, die auf der Suche nach einem Praktikumsplatz waren oder sich für den Beruf der Hebamme interessieren.

Lösungen für Versorgungsengpässe

Die Hebammenzentrale soll aber noch mehr ermöglichen: Auf der Internetseite ist in einem internen Bereich eine spezielle Kalenderansicht erstellt worden. Über diese soll es möglich werden, für Schwangere, die zunächst keine Hebamme finden, eine geteilte Betreuung zu organisieren. Die Idee: In Fällen, in denen die Versorgung nicht über eine einzelne Hebamme gewährleistet werden kann, wird geprüft, ob die Betreuungszeit auf mehrere Hebammen verteilt werden kann, die sich phasenweise abwechseln. Auch mögliche Urlaubs- und Krankheitsvertretungen der Hebammen untereinander sollen über diesen Bereich der Webseite gesteuert werden.

Auch direkte Angebote zu freien Plätzen in Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskursen nach der Geburt stehen zur Verfügung. Fachliche Beratungen gehören nicht zum Service, vielmehr werden Fragen zu Hebammenleistungen geklärt und die Suche nach einer Hebamme unterstützt. „Wartelisten führen wir aktuell nicht“, erklärt Obermeyer.

Kapazitäten und Ressourcen bündeln

Ein weiteres Aufgabenfeld der Hebammenzentrale ist die Beratung der Hebammenkolleginnen, die in die Freiberuflichkeit (wieder)einsteigen. „Wir konnten bislang vier neue Kolleginnen begrüßen“, berichtet Reinartz. Aktuell seien rund die Hälfte aller Hebammen aus der Region in der Zentrale registriert. „Für eine Optimierung der Versorgung wäre es allerdings wichtig, dass sich alle freiberuflichen Hebammen in der Region bei uns anmelden.“

Insgesamt, so die drei Hebammen, sei die Situation entspannter, da die Kapazitäten gebündelt einsehbar und so unkompliziert ein Überblick möglich sei, wer von den Hebammen in den jeweiligen Stadtteilen oder Kommunen noch Betreuungen für den gewünschten Zeitraum annehmen könne. „Für die Hebammen verbessert sich die Situation dadurch, dass sie nicht mehr so viele Anfragen von Frauen bekommen, die sie nicht annehmen können“, sagt Aust. Das Trio habe aber auch festgestellt, dass es in bestimmten Zeiträumen unmöglich sei, den Hebammenmangel durch die Zentrale aufzufangen. Das gelte vor allem für die Sommerzeit, in der viele Hebammen selbst Urlaub machen.

Telefonsprechstunde

Aber auch Frauen, die über die Internetseite nicht sofort die passende Hebamme finden, können Hilfe erhalten. Montags bis freitags, täglich sechs Stunden lang, gibt es in der Zentrale unter (05 11) 30 18 57 98 eine telefonische Sprechstunde, die Aust gemeinsam mit ihren beiden Kolleginnen betreut.

Notfallsprechstunden für Schwangere ohne Hebammenbetreuung

Schwangere Frauen, die keine Hebammen gefunden haben und Unterstützung brauchen, können sich an die folgenden Notfall-Sprechstunden und ambulanten Wochenbettbetreuungen wenden:

Medizinische Hochschule Hannover: Hebammensprechstunde (Schwangerschaft und Wochenbett); telefonische Voranmeldung unter (0511) 5 32 60 56

Hebammenpraxis Südstadt: Hebammensprechstunde, ambulante Wochenbettbetreuung; Telefon (0511) 31 06 12 77; www.hannover-hebammenpraxis.de

Perinatalzentrum Hannover Elternschule (DIAKOVERE): Wochenbettambulanz; telefonische Terminvereinbarung unter (0178) 7 31 42 04; www.elternschule-perinatalzentrum.de

Familienhebammen-Zentrum Hannover: Offene Sprechstunde und Sprechstunde mit telefonischer Anmeldung unter (0511) 123 148-10; www.fhz-hannover.de

Digitalisierung soll Hausärzte entlasten

Examinierte Pflegekräfte können statt des Hausarztes die Patienten zu Hause besuchen.

Digitalisierung soll Hausärzte entlasten

Die Pflegekräfte haben sich schon an den Rucksack gewöhnt. „Sie freuen sich über die neuen Aufgaben, die sie als echte Aufwertung ihres Berufsbildes erleben“, sagt ihre Chefin Bettina Tews-Harms und lächelt. Sie hat den Pflegedienst in Hankensbüttel bei Gifhorn aufgebaut. Seit August 2018 sind ihre Mitarbeiter mit dem Extragepäck unterwegs. Darin befinden sich ein Tablet-Computer sowie Geräte, um Blutdruck, Blutzucker und Sauerstoffgehalt des Blutes zu messen, außerdem ein Drei-Kanal-EKG. Dieses Gerät misst die elektrischen Herzaktivitäten. Ziel ist es, Hausärzte in ihrer Arbeit zu entlasten

Autor: Oliver Züchner
Fotos: iStockphoto.com/Pornpak Khunatorn, iStockphoto.com/Pornpak Halfpoint

Eigentlich gehören die Geräte in die Hand eines Mediziners. Doch den Hausarzt, der die älteren Patienten zu Hause ohne Zeitdruck bei Kaffee und Kuchen besuchen könnte, gibt es nicht mehr. „Mein Hausbesuch wird häufig zum Akutbesuch, wenn Probleme aus dem Ruder zu laufen drohen“, sagt der Gifhorner Allgemeinmediziner Dr. Armin Saak. Seine Arbeitsbelastung ist so hoch, dass er für Besuche außerhalb seiner Praxis kaum noch Zeit hat.

Arzt und Patienten profitieren

Das Telemedizin-Projekt „Delegation ärztlicher Leistungen“, das vom niedersächsischen Sozial- und Gesundheitsministerium angestoßen wurde, bedeutet für ihn eine deutlich Entlastung. Es bringt aber auch eine Verbesserung für die Patienten, die für viele Untersuchungen nicht mehr zum Arzt begleitet werden müssen und in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können.

So gibt Armin Saak den examinierten Pflegekräften nach Bedarf Anweisung, was bei welchem Patienten zu tun ist. Danach machen sich die Mitarbeiter, die für ihre neuen Aufgaben eigens geschult wurden, auf den Weg. Die Daten selbst werden vom Tablet aus über eine gesicherte Verbindung elektronisch in die Hausarztpraxis übermittelt. Braucht die Pflegekraft vor Ort einen medizinischen Rat, kann sie sich per Videochat umgehend mit dem Mediziner abstimmen.

In der Arztpraxis bewertet der Mediziner die gesammelten Werte der Patienten.

Modell mit Zukunftscharakter

Enge Abstimmung von Pflegedienst und Arzt, weniger Wege für das ohnehin belastete medizinische Personal, durchgehende digitale Dokumentation gesundheitlicher Daten: Das Projekt in Gifhorn zeigt, was Telemedizin heute leisten kann. Das sieht auch Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann so: „Wir verknüpfen hier hausärztliche und ambulante pflegerische Leistungen sektorenübergreifend. Das ist ein Modell mit Zukunftscharakter.“

Daran ändert auch das Coronavirus nichts. Im Gegenteil: Gerade jetzt ist es wichtig, den älteren, besonders gefährdeten Patienten den Praxisbesuch zu ersparen und dennoch den Kontakt zum Arzt sicherzustellen. Ausgestattet mit Mund-Nasen-Schutz und unter Beachtung aller hygienischen Vorsichtsmaßnahmen besuchen die Pflegekräfte daher auch weiterhin die Patienten, wenn immer es notwendig ist. Und auch nach Corona wird das Modellprojekt weitergehen: Laufe es gut, so Sozialministerin Reimann, strebe die Landesregierung ab 2021 eine Ausweitung des Projekts an.

Landesweite Modellprojekte

Finanziert wird das Telemedizinprojekt mit rund 80.000 Euro durch die „Gesundheitsregionen Niedersachsen“: In diesem Rahmen fördert das Land Niedersachsen seit August 2018 zahlreiche Projekte zwischen Nordsee, Harz und Heide mit jährlich 600.000 Euro. Dabei wird es von der Ärztekammer Niedersachsen und zahlreichen Krankenkassen unterstützt, die zusammen knapp 500.000 Euro dazugeben. Ziel: Die Stärkung der der wohnortnahen Gesundheitsversorgung, besonders in den heute schon betroffenen ländlichen Regionen.

Denn nach einer Studie des Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung (NIW) wird die Zahl der Hausärzte bis 2030 um 18 Prozent abnehmen und damit ein Fünftel unter dem prognostizierten Bedarf liegen. Es bräuchte damit, unter Berücksichtigung des demografischen Wandels, rund 1050 Hausärzte zusätzlich, um eine flächendeckende medizinische Versorgung zu sichern.

So schauen die Beteiligten auf die neuen Möglichkeiten, die Digitalisierung und Vernetzung bieten. In Diepholz und Nienburg sollen beispielsweise registrierte und qualifizierte Ersthelfer von der Leitstelle mittels einer Ersthelfer-App zusätzlich zum Rettungsdienst bei Notrufen mit Herz-Kreislaufversagen und Bewusstlosigkeit zum Einsatzort geführt werden. Ziel ist, die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes zu überbrücken.

Das Projekt, das wegen der Corona-Pandemie derzeit ruht, will aber nicht nur die Rekrutierung der Ersthelfer, ihre Qualifizierung und Betreuung optimieren. Es will auch eine Lösung finden, wie die zahlreichen bereits bestehenden, landes- und bundesweit eingesetzten Apps integriert werden können. Es darf nicht mehr sein, dass die Ersthelferinnen und Ersthelfer sich auf mehreren Apps registrieren müssen bei Überschreiten einer Landkreisgrenze nicht mehr erreichbar und damit einsatzfähig sind.

Operieren – ambulant oder stationär?

Operieren – ambulant oder stationär?

Karin Decker* schlägt die Augen auf und schaut sich um. Gerade als sie den Kopf zur Seite drehen will, kommt eine Krankenschwester zur Tür herein. „Wie fühlen Sie sich?“, will sie wissen. „Eigentlich ganz gut“, sagt die 52-Jährige mit gedämpfter Stimme. „Ein wenig schummrig ist mir noch.“ Die Krankenschwester nickt und beruhigt: „Das ist ganz normal und gibt sich bald. Einen Moment bleiben Sie bitte noch liegen.“

Autorin: Katrin Schreiter
Fotos: Diakovere (2), iStockphoto.com/Chinnapong

Ambulante OP: Erholung lieber daheim als auf Station

Karin Decker gehört zu den tausenden Patienten, die sich in Deutschland jährlich die Krampfadern entfernen lassen. Nicht immer ist eine Operation nötig, aber wenn die Beschwerden zu groß sind, wird die kranke Vene oder der Abschnitt entfernt. Karin Decker hat sich für eine ambulante Operation entschieden, nachdem sie sich gründlich hat beraten lassen von ihrem Facharzt. Erholen will sich die Patientin nach der Operation lieber auf dem eigenen Sofa statt in einem Krankenzimmer, das sie sich mit Mitpatienten teilen müsste. * Name von der Redaktion geändert.

Medizinischer Fortschritt macht immer mehr ambulante Eingriffe möglich

Die Zahl der ambulanten Operationen ist in den vergangenen Jahren in Deutschland deutlich gestiegen. Für Experten ist das eine logische Entwicklung. „Der medizinische Fortschritt verkürzt die Verweildauer der Patienten im Krankenhaus“, weiß Matthias Jochmann, Facharzt für Anästhesiologie der Praxisklinik Hoyerswerda und Vorstandsmitglied der Deutschen Praxisklinikgesellschaft. Das liege unter anderem an modernen Narkoseverfahren und schonenderen Operationstechniken, erklärt der Mediziner. In einer Praxis gehe es zudem relativ persönlich im Umgang mit den Patienten zu. „Da werden die Patienten in der Regel aus einer Hand betreut – von der Diagnose bis zur Entlassung. Außerdem ist im ambulanten Bereich eine geringere Infektionsrate zu verzeichnen.“

Bei all den Vorteilen, die Jochmann aufzählt, kann er nicht verstehen, dass „die Politik vor allem auf die Krankenhäuser schaut und die niedergelassenen Ärzte ins Abseits stellt“. Hauptsächlich finanziell: „Das Vergütungssystem benachteiligt eindeutig die niedergelassenen Ärzte“, meint Jochmann.

Wenn nötig, stationär statt ambulant operieren

Gleichwohl erklärt der Mediziner, dass es unter bestimmten Umständen notwendig ist, eine OP im Krankenhaus ausführen zu lassen: „Wenn zum Beispiel ein höherer Blutverlust erwartet wird oder der Patient unter einer schweren Grunderkrankung leidet.“ Darüber hinaus wünscht er sich, dass die Gesetzgebung demnächst für einen fairen Wettbewerb sorgt: gleiche Chancen bei der Erbringung operativer Leistungen.

Optimales Versorgungskonzept durch beide OP-Formen

„Ambulante und stationäre Operationen gehören bei uns zum optimalen Versorgungskonzept“, sagt Prof. Michael Fantini, Medizinischer Direktor der Diakovere gGmbH, hannoversches Gemeinschaftsunternehmen von Anna-, Friederiken- und Henriettenstift. Dabei seien in seinen Häusern „die Indikationen für eine ambulante Operation gestiegen“. Das Spektrum ambulanter OPs reiche von einfachen Kniespiegelungen über kleine Eingriffe an der Hand bis hin zur Implantation von Infusionspumpen. „Sowohl die OP-Techniken, als auch die Narkosetechniken haben sich deutlich verbessert“, erklärt auch der hannoversche Mediziner den Trend. „Außerdem ist es vor allem für die älteren Patienten gut, schnell wieder im heimischen Umfeld zu sein.“

Chancen und Risiken abwägen

Vor einer Operation würden jedes Mal die Risiken und Chancen abgewogen. „Wenn größere Eingriffe bevorstehen, wie eine umfangreiche Darmoperation, wird stationär behandelt.“ Auch Patienten mit einer schweren Herz- oder Lungenerkrankungen, bei denen eine intensive Nachbeobachtung nötig ist, bleiben stationär bei uns. Selbst, wenn der Eingriff an sich ambulant durchgeführt werden könnte.

Viele OPs sind ambulant möglich

Ob eine Operation beziehungsweise der Patient die Kriterien für eine ambulante Vorgehensweise erfüllt, muss für jeden Einzelfall individuell zwischen dem Betroffenen und dem Arzt im persönlichen Gespräch geklärt werden. Grundsätzlich können viele chirurgische Eingriffe in unterschiedlichen medizinischen Fachgebieten ambulant durchgeführt werden. Dazu gehören zum Beispiel die Operation des Grünen Stars und Eingriffe an der Netzhaut, aber auch die operative Korrektur des Hallux valgus (Fehlstellung der Großzehe), Gelenkspiegelungen mit OP, die Prostata-Biopsie oder die Gebärmutterausschabung. Wer sich einen umfassenden Überblick verschaffen möchte, findet eine Auflistung möglicher ambulanter Eingriffe auf der Website des Bundesverbandes für Ambulantes Operieren e.V. Nach Angaben des Bundesverbandes gelten in den medizinischen Gebieten der Narkose, Patientensicherheit und Hygiene dieselben hohen Standards wie bei stationären Eingriffen.

Zum Bundesverbandes für Ambulantes Operieren e.V.

Roboter – Helfer in der Medizin?

Mit dem Robotersystem DaVinci verfügen die Mediziner über modernste Technik im OP-Saal.

Roboter und Mediziner gemeinsam am OP-Tisch

Roboter übernehmen in der Medizin immer mehr Aufgaben. Sie kommen zum Einsatz, wo die Maschine präziser arbeiten kann als der Mensch. Die Entscheidung, wann sie assistieren müssen, treffen die Mediziner nach genauer Abwägung der Vor- und Nachteile.

Autorin: Rebekka Neander
Fotos: Klinikum Region Hannover

Eigentlich hätte er allen Grund zur Freude. „Die Patienten kommen ganz gezielt zu uns“, sagt Dr. Achim Elsen, „weil sie vom Roboter operiert werden wollen.“ An dieser Stelle verkneift sich der Chefarzt der Orthopädie und Unfallchirurgie am KRH-Klinikum in Großburgwedel regelmäßig eine kleine Korrektur. Natürlich werden die Patienten nicht vom Roboter operiert, sondern mit ihm. Jedenfalls noch. Während Elsen, der demnächst zum KRH Klinikum Robert Koch nach Gehrden wechselt, dies mit einem Schmunzeln erzählt, lauschen ihm mehrere Dutzend Frauen und Männer im Hörsaal des Nordstadt-Klinikums in Hannover. Elsen berichtet ihnen nicht ohne Stolz, dass in Großburgwedel eines von deutschlandweit nur elf roboterarmunterstützten Systemen aus dem Hause Mako steht - für den präzisen Einsatz von Knieprothesen.

Dr. Marc Schult, Chefarzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Nordstadt-Klinikum, sieht einen großen Nachholbedarf beim Einsatz von Robotern in der Orthopädie.

Wir hinken ziemlich hinterher

Im Publikum sitzen nicht etwa schmerzgeplagte Patienten. Die Gäste haben vielmehr aller Wahrscheinlichkeit nach an diesem Tag bereits selbst am OP-Tisch gestanden. Sie sind vom Fach. Und doch ist vieles, was an diesem Abend über die Leinwand des Auditoriums flimmert, für sie neu.

„Wir hinken ziemlich hinterher.“ Diesen Satz hat Dr. Marc Schult, der kürzlich gekürte Chefarzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Nordstadt-Klinikum, als Gastgeber des Abends als Anlass für die Zusammenkunft seinen Gästen ins Stammbuch geschrieben. Widerspruch gab es nicht. Mit „Wir“ meint Schult insbesondere seine eigene Fachdisziplin. Während Robotersysteme wie DaVinci in der inneren Medizin derzeit massiv auf die Überholspur gehen, „hinkten“, und bei diesem Wortspiel bleibt Schult konsequent, ausgerechnet die Orthopäden hinterher. Mehr noch: Schult fürchtet, sein Fach könnte den Anschluss in der digitalen Welt verlieren.

Experten nutzen „Nordstädter Nachmittag“

Um seine eigene Begeisterung für die Vorteile digitaler Assistenzsysteme auch bei seinen Kollegen zu wecken, hat er im großen Verbund des Regionsklinikums Mitstreiter gesucht und diese als Referenten für den „Nordstädter Nachmittag“ eingeladen. Dieser vierteljährlich organisierte Fortbildungsnachmittag, der auch für andere Krankenhäuser der Stadt offen ist, gerät an diesem Tag allerdings nicht zur reinen digitalen Werbeveranstaltung. Denn so schnell will die menschliche Chirurgie dem elektronischen Kollegen Roboter nicht das Feld überlassen.

Dabei klingen die Vorteile erst einmal ziemlich überzeugend. Die Maschine ermüdet nicht, sagt Dr. Heiko Aselmann, Chefarzt der Allgemein- und Gefäßchirurgie am KRH-Standort Gehrden. In alle Richtungen bewegliche Instrumente erleichterten die Arbeit im Vergleich zu den starren Stangen der Laparoskopie. Ergonomisch fragwürdige Körperhaltungen entfielen, feinstes Arbeiten verlängere zwar die Gesamtdauer der Operation. „Aber am Ende des Tages ist man nicht so fertig“, sagt auch Prof. Dr. Arya Nabavi. Der Chefarzt der Neurochirurgie am Nordstadt-Krankenhaus ist zugleich Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Computer- und Robotorassistierte Chirurgie.

Computer brauchen klare Aufgabenstellung

Für Nabavi liegt die Herausforderung für die Zukunft nicht in der Frage, was alles programmiert werden könnte, sondern in der (noch ausbaufähigen) Fähigkeit der Medizin, vorher die richtigen Fragen zu stellen. Wenn digitale Assistenzsysteme beim Auslesen von Röntgenbildern heute zwar einen Bruch erkennen können, nicht aber den benachbarten Tumor, dann hapere es an der Aufgabenstellung für den Computer, betont der Chef-Neuroradiologe am Nordstadt-Krankenhaus, Dr. Jörg Hattingen. „Der Computer kann immer nur das finden, wonach wir vorher gefragt haben“, sagt er. Unumstritten klar von Vorteil sei das schier grenzenlose Fassungsvermögen eines Computers. „Der kann mal eben das Bild mit Tausenden anderen vergleichen und seine Schlüsse daraus ziehen.“ Vom menschlichen Chirurgen geführte Roboterarme rechneten das Zittern der eigenen Hand weg, sagt Schult. Sie können - wenn es das Netz erlaubt - sogar über Kontinente hinweg ferngesteuert werden. Wenn die entsprechende Technik vorhanden sei, so Aselmann, könne auch ein erfahrener Chirurg bei herausfordernden Eingriffen den (noch) unerfahreneren Kollegen buchstäblich über die Schulter in den Patientenbauch schauen und beratend zur Seite stehen. „Sie könnten damit in einem MRT operieren“, sagt Nabavi. Oder in den unwirtlichsten Umgebungen. Die Technik, die dem DaVinci das Instrument führe, sei dieselbe, mit der auch der Roboterarm der Raumstation ISS bewegt wird.

Der Roboter kennt keine Ethik

Und die Nachteile? Da wären zunächst einmal die Kosten zu nennen. Ein Roboterarm aus dem Hause Mako kostet eine Million Euro. Hinzu kommen beispielsweise beim DaVinci pro Jahr allein für die Wartung von Gerät und Software Beträge im fünf- bis sechsstelligen Bereich, so Aselmann.
All diese Systeme seien ein Mittel der Abwägung, betont Elsen. Grundlage beispielsweise für die präzise dreidimensionale Vorlage der Knieprothese sei eine computertomographische Aufnahme - „mit entsprechender Strahlenbelastung“. Die Idee, das Verfahren, das eine enorm gute Standfestigkeit des neuen Gelenkeinsatzes ermöglicht, auch auf Hüftprothesen auszuweiten, habe daher einen Haken. „Das CT würde dann das gesamte Becken treffen“, sagt Elsen - also keine so gute Idee für junge Menschen mit Kinderwunsch.

Und: Ein Roboter kennt keine Ethik. „Da stehen wir vor denselben Herausforderungen wie beim autonomen Autofahren“, sagt Nabavi. „Wer wird verklagt, wenn vom DaVinci eine Klammer in den Bauch fällt? Die Chirurgie? Der Gerätehersteller?“

Die letzte Entscheidung, was zu tun ist, müsse beim Menschen bleiben. Darin sind sich an diesem Nachmittag alle Referenten einig. Eine vollkommene Autonomie sei beim Autofahren vielleicht in sichtbarer Nähe, beim Operieren sei es (derzeit noch) der falsche Weg. Als Assistent jedoch sei der Roboter unschlagbar.

Die Mediziner überwachen am Bildschirm den Verlauf der Kniegelenk-OP.

Sprechstunde: Hilfe für traumatisierte Geflüchtete

iStockphoto.com/wabeno
Millionen Menschen flüchten vor Krieg und Verfolgung.

Hilfe in großer psychischer Not

Die eigentliche Gefahr droht nach der Flucht. Dann nämlich, wenn Geflüchtete mit erlittenen Traumata in Deutschland ankommen, Fuß fassen wollen, aber dafür eigentlich erst eine psychologische oder psychiatrisch-psychotherapeutische Hilfe benötigen. Der Handlungsbedarf ist akut, sagt Prof. Iris Tatjana Graef-Calliess, Chefärztin in der KRH Psychiatrie Wunstorf.

Autorin: Susanna Bauch
Fotos: Moritz Frankenberg / iStockphoto.com/wabeno

Vom Krieg traumatisierte Geflüchtete erhalten in Deutschland bisher im Regelfall nur über bürokratische Umwege psychologische oder psychiatrisch-psychotherapeutische Hilfe. Dabei wäre eine schnelle Behandlung für Betroffene wichtig, um Erlebtes zu verarbeiten und schwerwiegenden Folgeerkrankungen vorzubeugen. Die KRH Psychiatrie Wunstorf hat daher unter der Leitung von Prof. Iris Tatjana Graef-Calliess seit 2018 eine ambulante Sprechstunde für traumatisierte Geflüchtete aufgebaut.

Moritz Frankenberg
Prof. Iris Tatjana Graef-Calliess, Chefärztin in der KRH Psychiatrie Wunstorf

Nichtbehandlung verschärft das Problem

„Die Regelversorgung greift in vielen Fällen einfach nicht“, betont Graef-Calliess. „Wir müssen diese Versorgung interkulturell öffnen.“ Die Risiken für einen traumatisierten Menschen, psychisch zu erkranken, seien überdies unter anderem mit den Erlebnissen nach dem Trauma, also hier in Deutschland verknüpft, sagt die habilitierte Sozialpsychiaterin. Beispiele sind lange und zähe Asylverfahren, Massenunterkünfte und die Trennung von der Familie. Vor allem Fehl- und Nichtbehandlung sowie mangelnde soziale Unterstützung hierzulande verschärften das Problem und behinderten die Integration. Mehr noch: „Wer unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, den begleitet dieses Thema ein Leben lang.“ Und so kommt es vor, dass zu den Patienten, die heute die Sprechstunde der Ärztin besuchen, auch Menschen zählen, die bereits 1999 aus dem Kosovo nach Deutschland geflüchtet sind.

Oftmals sind Geflüchtete zunächst vor allem orientierungslos. „Sie haben es schwer, Symptome einzuordnen. Es gibt Sprachprobleme, Betroffene wissen häufig gar nicht, wo sie welche Hilfe erhalten, und das Hilfesuchverhalten ist zudem oft kulturell bedingt ein anderes“, sagt Graef-Calliess. Den meisten stehen zudem nur begrenzt Leistungen des deutschen Gesundheitssystems zur Verfügung. „Wer unter chronischen seelischen Belastungen leidet, fällt aus einer Behandlung raus“, so Graef-Calliess. In Wunstorf geht es vor allem um die akuten Fälle, und auch für diese geflüchteten Patienten ist es meist ein langer, schwerer Weg. „Je früher diese Menschen behandelt werden, desto geringer fallen die Folgeschäden aus“, betont die Medizinerin.

Prävention für Folgeerkrankungen

Graef-Calliess sieht noch viele Lücken im System. „Es fehlen Dolmetscher beim Arztgespräch, es muss hoch qualifiziert eins zu eins übersetzt werden, es darf kein Platz für Interpretationen bleiben.“ Viele Patienten seien suizidgefährdet, eine Symptomdeutung sei allerdings oftmals schwer, da die Geflüchteten sich nur schlecht erklären könnten. „Manche Folteropfer etwa schaffen es gar nicht zu uns durch die Tür.“ Einen Termin bei einem niedergelassenen Psychiater zu bekommen ist schier unmöglich. In der Regel erhalten Geflüchtete monatelang nur Unterstützung bei akuten Schmerzen oder einer anstehenden Geburt.

Zweimal im Monat bietet Graef-Calliess eine Sprechstunde für traumatisierte Geflüchtete an. Sie hat nach knapp zwei Jahren mit diesem Angebot festgestellt, dass drei Viertel der geflüchteten Patienten mit einem enormen Leidensdruck und sehr ernstem Schweregrad ihrer Erkrankung die Sprechstunden aufsuchen. „Zudem stellen wir einen hoch signifikanten Rückgang der Krankheitslast nach einer Behandlung fest.“ Die Behandlung der Traumata erweise sich daher als wichtige Prävention für Folgeerkrankungen.

In der Psychiatrie des KRH in Wunstorf finden traumatisierte Geflüchtete Hilfe.

„Wir müssten eigentlich unendlich mehr tun“

„Exklusion und Diskriminierung erhöhen zudem das Risiko für eine Psychose“, sagt Graef-Calliess. Der sogenannte Postmigrationsstress in Deutschland sei ebenso bedeutsam wie der Stress im Bürgerkrieg der Heimat. Eine gute Integration sei daher Voraussetzung für die seelische Gesundung. Der eingeschränkte Zugang von Geflüchteten zum Gesundheitssystem, da ist sich die Ärztin sicher, sei langfristig teurer als der freie Zugang. „Nicht- oder Fehlbehandlungen kosten am Ende weitaus mehr. Es bringt also gar nichts, nichts zu machen.“ Die Termine in der Ambulanz in Wunstorf sind mit langer Wartezeit verbunden. „Wir sind hier immer voll. Das liegt auch daran, dass die Patienten nie alleine kommen“, erklärt Graef-Calliess. Die Menschen kämen mit Angstzuständen, Panikattacken, Verfolgungswahn. „Wir müssten eigentlich unendlich mehr tun.“

Terminvergabe wird zur Geduldsprobe

Wer hier sitzt, hat es schon geschafft: Das dringend gewünschte Gespräch mit dem Facharzt liegt in greifbarer Nähe. Aber bis dahin mussten viele Erkrankte mitunter mehrere Monate Wartezeit hinnehmen.

Terminvergabe: Hat das lange Warten auf den Arztbesuch
jetzt ein Ende?

Die Theorie ist geregelt, die Praxis indes funktioniert noch nicht immer reibungslos. Wer einen Termin beim Facharzt haben möchte, braucht Geduld. Mitunter drei bis sechs Monate kann es dauern – wer plausibel einen Notfall vortragen kann, hat bessere Chancen. Genauso wie Stammpatienten: Wer zum ersten Mal etwa einen Hautarzt oder Neurologen konsultieren will, wird hingegen regelmäßig an Kollegen verwiesen.

Autorin: Susanna Bauch
Fotos: iStockphoto.com/Lisa5201/iStockphoto.com/monkeybusinessimages

Eigentlich sollen Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG, Mai 2019) sowie offene Sprechstunden seit dem vergangenen Jahr dafür sorgen, dass Termine nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden können. Eine zentrale Stelle kümmert sich bereits seit 2016 darum, dass Patienten innerhalb eines Monats einen Termin bei einem Facharzt bekommen. Die sogenannte offene Sprechstunde, die am 1. September 2019 auf etliche Fachrichtungen ausgedehnt wurde, soll etwas Abhilfe bei der Misere der Facharztterminvergabe schaffen. Das entsprechende Gesetz verpflichtet Ärzte, in der Woche fünf Stunden anzubieten, in denen Patienten ohne Termin kommen können. „Das können fünf Stunden im Block sein, aber auch täglich eine“, erläutert Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN).

Pflicht zur offenen Sprechstunde gilt für etliche Fachrichtungen

Waren Anfang 2019 zunächst nur HNO-Ärzte, Kinderärzte und Allgemeinmediziner zu diesem Angebot verpflichtet, gilt die Regel jetzt auch für Augenärzte, Chirurgen, Kinderchirurgen, Plastische Chirurgen, Hautärzte, Kinder- und Jugendpsychiater, Urologen, Neurologen, Nervenheilkundler, Psychiater, Neuropsychiater, Neurochirurgen und Orthopäden.

Viele Mediziner sehen das kritisch. Denn wenn in einer angebotenen offenen Sprechstunde 20 Patienten behandelt werden wollen, funktioniert das Modell nicht, meint eine Hautärztin aus der City. Auch KVN-Sprecher Haffke bezweifelt, dass die offenen Sprechstunden alle Engpässe und auch Patientenprobleme auffangen können. „Entweder Patienten müssen weggeschickt werden, oder sie bekommen einen Folgetermin – mit üblicher Wartezeit.“ 8000 betroffene Mediziner in Niedersachsen müssen ihre individuellen Zeiten nun im Internet veröffentlichen, viele Patienten wissen aber immer noch nicht, dass es dieses verpflichtende Angebot gibt.

Frust am Praxistresen: Auf einen Termin beim Facharzt müssen Patienten oft mehrere Monate warten.

Ob das Terminservice- und Versorgungsgesetz greift, bleibt abzuwarten

Der Hausarzt und Vorsitzende des Hausärzteverbandes, Matthias Berndt, hat in den vergangenen Monaten seit der Einführung der verbindlichen offenen Sprechstunden keinen Anstieg der Fallzahlen festgestellt. „Die Patientenzahl ist konstant geblieben, allerdings hat die Betreuungsintensität zugenommen.“ Den höheren Aufwand pro Patient führt Berndt unter anderem auf mehr psychische Komponenten zurück. „Berufliche Unsicherheiten, eine Informationsflut sowie mangelnde Priorisierung verunsichern viele Patienten.“

Ob das Terminservice- und Versorgungsgesetz mittelfristig greift, will der Hausärzteverband erst einmal abwarten. „Ich bin gespannt auf die Auswertungen der Kassenärztlichen Vereinigung, ob die Ziele des Gesetzes erreicht werden.“ Zum aktuellen Zeitpunkt habe er große Zweifel, da sein Eindruck sei, dass es vor allem für schwer kranke Patienten immer schwieriger werde, „Termine direkt beim Facharzt oder auch durch unsere Vermittlung als Hausärzte zu bekommen“.

Terminservicestelle vergibt seit Anfang 2020 rund um die Uhr Facharzttermine

Seit Januar 2020 ist die Terminservicestelle (TSS) unter der neuen Telefonnummer 11 61 17 zu erreichen, außerdem ist sie nun 24 Stunden an sieben Tagen durchgängig erreichbar. Die TSS hat 2019 insgesamt 240.720 Anrufe erhalten, wie KVN-Sprecher Haffke berichtet. Ein Drittel der Anrufer wünscht allgemeine Informationen zur Terminservicestelle.Ein weiteres Drittel erfüllt nicht die Voraussetzungen für eine Terminvermittlung (Überweisung fehlt). Ein Drittel wird tatsächlich vermittelt – 58.164 Patienten 2019. Den höchsten Bedarf gab es laut Haffke für die ärztlichen Fachgruppen der Neurologie, Psychotherapie, Kardiologie, Rheumatologie, Angiologie und Hautärzte. Seit dem 1. Mai 2019 werden auch Hausarzt- und Kinderarzttermine vermittelt. Im vergangenen Jahr wurde dieser Service nur selten in Anspruch genommen – die TSS vermittelte 258 Hausarzt- und 222 Kinderarzttermine. Die meisten Arzttermine kommen nach wie vor persönlich zustande.

Termin vereinbart, aber nicht erschienen: Mediziner verlangen Bußgeld für säumige Patienten

Ein Ärgernis allerdings ist es, dass viele vereinbarte Arztbesuche einfach nicht wahrgenommen werden. „Rund 20 Prozent der vermittelten Termine kommen nicht zustande“, betont der KVN-Sprecher. Studien bestätigen das Problem. Laut dem MLP-Gesundheitsreport berichten 35 Prozent der niedergelassenen Ärzte, dass Patienten häufig nicht erscheinen, 28 Prozent beklagen gelegentliche Ausfälle. Der Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschland berichtet, dass Fachärzte und Bestellpraxen am häufigsten betroffen sind. Viele Patienten betrachten ihre Termine offenbar als unverbindlich. Daher wird auch die Forderung von Medizinern lauter, dass Patienten für Nichterscheinen eine Art Bußgeld zahlen sollen. erreicht werden.

Gesundheit mit mehr Versorgungsstruktur

Zum Wohl der Patientinnen und Patienten: Krankenhausärzte arbeiten in integrierten Versorgungsstrukturen eng mit niedergelassenen Medizinern zusammen.

Versorgungsmanagement
integriert Strukturen

„Im derzeitigen Gesundheitssystem steht die Behandlung akut kranker Menschen im Fokus, während Gesundheitsförderung und Prävention vernachlässigt werden“, kritisiert Dr. h. c. Helmut Hildebrandt. Der Vorstandsvorsitzende des Hamburger Unternehmens OptiMedis möchte das ändern – und setzt erfolgreich auf integrierte Versorgungsstrukturen.

Autorin: Katrin Schreiter
Fotos: Bente Stachowske/iStockphoto.com/alvarez/iStockphoto.com/Thomas_EyeDesign

Dr. Helmut Hildebrandt von OptiMedis in Hamburg engagiert sich seit vielen Jahren für den regionalen Aufbau von integrierten, sektorenübergreifenden und gesundheitsfördernden Gesundheitsnetzwerken. Was ein wenig sperrig klingt, lässt sich einfach erklären: „Zum einen geht es darum, die Barrieren zwischen der Versorgung bei niedergelassenen Ärzten und im Krankenhaus abzubauen. Jeder soll wissen, was der andere tut“, sagt der Gesundheitswissenschaftler. Das heißt: „Fachleute aus Praxis und Klinik stimmen sich untereinander besser ab, damit die Behandlung der Patienten so effizient wie möglich ist und Risiken, beispielsweise durch Doppeluntersuchungen oder Wechselwirkungen von Medikamenten, verhindert werden.“

Gesund bleiben dank optimaler und integrierter Versorgung

Zum anderen werden in dem von OptiMedis entwickelten Modell die Anreize im Gesundheitswesen umgekehrt – hin zu einem System, in dem die Gesunderhaltung der Menschen im Vordergrund steht. „Wir reagieren nicht nur auf vorhandene Erkrankungen, sondern tragen aktiv dazu bei, dass Gesundheit entsteht. Deshalb investieren wir viel in Prävention, Gesundheitsförderung, Aktivierung der Patienten und gezieltes Versorgungsmanagement, insbesondere bei chronisch Kranken. Wichtig sei in diesem Zusammenhang auch, „dass wir die Versorgung routinemäßig evaluieren“, erklärt Hildebrandt. So könne zeitnah bewertet werden, ob man die gesteckten Ziele erreiche und ob sich noch Potenzial biete.

Eine Entwicklung in Richtung integrierter Versorgung sei für ganz Deutschland wichtig, so Hildebrandt. „Unsere jetzige Gesundheitsversorgung wird den heutigen Anforderungen schon teilweise nicht gerecht – und erst recht nicht den zukünftigen. Denn im Vordergrund steht immer noch die Behandlung akut kranker Menschen.“ Die Förderung von Gesundheit und die Aktivierung der Menschen spielten bisher keine große Rolle, vor allem, weil die richtigen Anreize fehlten.

Vorsorge, wie hier in der Osteoporose-Prophylaxe, steht bei integrierten Versorgungskonzepten im Fokus.

Unnötige Krankenhausaufenthalte mit integrierter Versorgung verhindern

Deshalb orientiert sich die Finanzierung der zusätzlichen Strukturen innerhalb des Modells von OptiMedis auch am „erzielten Gesundheitsnutzen“. „Nur, wenn wir es schaffen, die Versorgung der Menschen zu verbessern, sie zu aktivieren, Strukturen effizienter zu machen und dadurch die Ausgaben der Krankenkassen zu senken, erhalten wir eine Vergütung“, sagt der Wissenschaftler und konkretisiert: „Wenn wir es zum Beispiel schaffen, durch bessere Koordination und Abstimmung unnötige und für Patienten belastende Krankenhausaufenthalte zu verhindern, spart das Kosten. Und wenn durch frühe Osteoporose-Prophylaxe Brüche und damit verbundene Krankenhausaufenthalte verhindert werden, ist das ebenfalls für die Patienten sowie für die Krankenkassen von Vorteil.“

Neben Ärzten und Therapeuten werden auch Vereine, Schulen, Betriebe und Kommunen in die Gesundheitsnetzwerke einbezogen und bei gesundheitsfördernden Aktionen unterstützt. „Denn Gesundheit hat ja auch oft eine soziale Komponente“, erklärt Hildebrandt. „Im Gesunden Werra-Meißner-Kreis, einem weiteren Netzwerk, das Anfang 2019 an den Start gegangen ist, gibt es zum Beispiel Gesundheitslotsen, die die Bevölkerung rund um das Thema Gesundheit beraten und passende Angebote für Bewegung, Ernährung oder soziale Unterstützung in der Region vermitteln.“

Die Versicherten nehmen die in den Gesundheitsnetzwerken zusätzlich geschaffenen Angebote sehr gut an. Hildebrandt: „Anhand von wissenschaftlichen Befragungen konnten wir im Modell ,Gesundes Kinzigtal' zeigen, dass Patienten seit ihrer Einschreibung in die Integrierte Versorgung gesünder leben, mehr über ihre Gesundheit wissen und zufriedener mit ihrer Versorgung sind.“

Zwei Praxis-Beispiele im Überblick

Die OptiMedis AG ist eine Management- und Beteiligungsgesellschaft. Ihr Schwerpunkt ist der Aufbau regionaler integrierter Versorgung gemeinsam mit Krankenkassen, Ärzten, Krankenhäusern und anderen Partnern. Das Unternehmen vernetzt die Partner, verhandelt Verträge, baut die nötigen Strukturen auf, übernimmt das Management und analysiert die Versorgungsdaten. Wird das Modell in die Praxis übertragen, wird es entsprechend an die regionalen Besonderheiten angepasst.

Gesundes Kinzigtal

Start des Gesundheitsnetzwerks: Der Vertrag läuft seit 2005 – ursprünglich für zehn Jahre, seit Januar 2016 ist er unbefristet verlängert.
Vertragspartner: AOK Baden-Württemberg und SVLFG (ehemals LKK) Baden-Württemberg haben einen Vertrag zur integrierten Versorgung mit der Gesundes Kinzigtal GmbH. Die Techniker Krankenkasse hat einen Vertrag für einen Teilbereich, ihre Versicherten können an ausgewählten Versorgungsprogrammen teilnehmen.
Gruppengröße: 33.000 Versicherte von insgesamt rund 70.000 Einwohnern.
Vertragsmodell: Die regionale Managementgesellschaft Gesundes Kinzigtal GmbH koordiniert im Rahmen eines Vertrages zur integrierten Versorgung die Behandlung der Versicherten der AOK und der SVLFG Baden-Württemberg, managt ein umfassendes Gesundheitsnetzwerk und organisiert den regelmäßigen Austausch über die Fach-, Berufs- und Sektorengrenzen hinweg – unter anderem über eine elektronische Patientenakte.
Ergebnisse: Gesundes Kinzigtal wird seit Jahren umfassend evaluiert, sowohl von externen universitären Einrichtungen also auch von OptiMedis. Die Ergebnisse zeigen laut Unternehmensangaben, dass die Ziele „besserer Gesundheitsstatus der Bevölkerung“, „mehr Zufriedenheit der Versicherten“ und „verbesserte Wirtschaftlichkeit der Versorgung“ erreicht werden.

Zum Gesundes Kinzigtal

Gesunder Werra-Meißner-Kreis

Start des Gesundheitsnetzwerks: Januar 2019
Vertragspartner: BKK Werra-Meißner
Gruppengröße: In der Region leben 100.715 Einwohner. Die BKK Werra-Meißner hat einen Anteil von knapp 25 Prozent der gesetzlich Krankenversicherten.
Vertragsmodell: Die regionale Managementgesellschaft Gesunder Werra-Meißner-Kreis GmbH setzt eine integrierte, speziell abgestimmte Versorgung im nordhessischen Landkreis Werra-Meißner um und baut gemeinsam mit Partnern ein umfassendes Gesundheitsnetzwerk nach dem Modell von Gesundes Kinzigtal auf, um die Versorgung besser und wirtschaftlicher zu machen. Auch weitere Krankenkassen der Region sollen einbezogen werden.
Ergebnisse: Erste Ergebnisse sind aufgrund der kurzen Laufzeit im Jahr 2020 zu erwarten.

Zum Gesunder Werra-Meißner-Kreis

Dr. h. c. Helmut Hildebrandt ist Vorstandsvorsitzender der OptiMedis AG. Der Apotheker und Gesundheitswissenschaftler hat langjährige Erfahrungen im Bereich der qualitativen Forschung (Medizinsoziologie) und konzeptionellen Arbeit in der Gesundheitsförderung und Organisationsentwicklung. Hildebrandt hat für die Weltgesundheitsorganisation an Präventionsprojekten mitgearbeitet und über 20 Jahre Krankenkassen, Verbände, Unternehmen sowie Einrichtungen der Gesundheitswirtschaft beraten.

„Zentralisierung wäre möglich und sinnvoll“

Die Statistik legt nahe: Je höher die OP-Zahlen im jeweiligen Krankenhaus sind, desto weniger Risiko besteht für die Patienten.

Prof. Dr. Thomas Mansky, Gesundheitsökonom und Versorgungsforscher, im Gespräch

„Wir brauchen andere Strukturen im Krankenhausbereich“

Autor: Oliver Züchner
Fotos: iStockphoto/thelinke; iStockphoto/Neustockimages; privat

Prof. Mansky, nehmen wir einmal an, Sie müssten sich an der Bauchspeicheldrüse operieren lassen. Aber wo? Eine Klinik macht das fünf Mal im Jahr und erfüllt die Mindestmenge nicht, eine zweite macht das 20 Mal, eine dritte Klinik 160 Mal. In welches Haus würden Sie gehen?

Bei einer solch komplexen Operation ist die Antwort vergleichsweise einfach: Bei einer Klinik mit fünf Fällen würde ich ein sehr hohes Risiko eingehen, die Sterblichkeit ist hier im Mittel viel höher. Es spricht sehr viel dafür, dass die Klinik mit der höchsten Fallzahl die besten Ergebnisse liefert. Da es hier auch Ausnahmen geben kann, würde ich aber versuchen, mich zusätzlich über die Qualität der Kliniken mit hoher Fallzahl zu informieren. Dies ist für Laien leider nicht einfach. Es gibt aber für eine ganze Reihe von Krankheitsbildern zusätzliche Informationen, beispielsweise im AOK Krankenhausnavigator, in der Weissen Liste oder auch von Organisationen wie der Initiative Qualitätsmedizin.

Hier geht es zur Weissen Liste.
Zum AOK Krankenhausnavigtor.

Sind kleinere Kliniken schlechter?

Das kann man so nicht sagen. Eine kleine Klinik kann hochprofessionell arbeiten, wenn sie entsprechend spezialisiert ist und in ihrem Bereich hohe Fallzahlen hat. Es kommt bei den schwierigeren Behandlungen, für die das Krankenhaus ja vor allem da ist, auf die Ausstattung und die Zahl der Eingriffe in einem bestimmten Bereich pro Jahr an und damit unter anderem auf die Erfahrung des gesamten Teams aus Ärzten und Pflegekräften im OP, auf der Intensivstation und in der Nachbeobachtung.

Was nützt mir der hochangesehene Spezialist, der früher in einer Uniklinik gearbeitet hat, in einem nicht spezialisierten Grundversorgungshaus, wenn er jetzt mit Pflegekräften und Assistenzärzten ohne entsprechende Erfahrung und eventuell mit einer nicht ausreichend ausgestatteten Intensivstation komplizierte Operationen durchführt? Und wenn es keinen Ersatz gibt, wenn er gerade mal nicht da ist? Hier entstehen Probleme in der Nachbehandlung von auftretenden Komplikationen, die dann nachweislich viel öfter als in Kliniken mit großer Erfahrung zum Tode führen können. Wir nennen das in der Wissenschaft etwas sehr nüchtern „failure to rescue“ – in etwa „Rettungsversagen“.

Was sagt die Statistik?

Für die Bereiche, in denen die Mindestmengen gelten, aber auch bei vielen Behandlungen darüber hinaus, wie beispielsweise bei großen Lungenoperationen, lässt sich sagen: Schwere Komplikationen treten in Häusern mit kleiner Fallzahl statistisch meist etwas häufiger auf als in Häusern mit vielen Fällen. Hinzu kommt dann aber das sogenannte Rettungsversagen beim Auftreten der Komplikationen. Das führt dazu, dass die Todesraten deutlich höher sind: bei typischen, nicht seltenen Komplikationen der Bauchspeicheldrüsenoperation beispielsweise 37 Prozent bei Kliniken mit niedrigen Fallzahlen, 25 Prozent bei hohen. Das sind Unterschiede, die dem Patienten natürlich nicht egal sein können. Leider ist er aber unzureichend darüber informiert.

Eingriffe an der Bauchspeicheldrüse oder Nierentransplantationen sind seltene Eingriffe. Wie sieht es mit „Volks-OPs“ aus: bei Knie-, Schulter oder Hüftprothesen?

Auch wenn die Mindestmengen-Regelung nur für Knieprothesen gilt, würde ich bei allen endoprothetischen Eingriffen auf Häuser mit möglichst hohen Fallzahlen setzen. 250 Eingriffe jährlich sind besser als 60 Eingriffe.

Das lässt sich so pauschal sagen?

Auf den Durchschnitt gesehen ja. Die Komplikationsraten und sogar die Todesraten sind geringer. Im wenig spezialisierten Krankenhaus mit kleiner Fallzahl stirbt beim geplanten Einsetzen von Hüftgelenksprothesen im Mittel einer von 435 Patienten. In spezialisierten Zentren ist es einer von 1000. Sie haben die Wahl ... Deshalb brauchen wir in Deutschland weniger, aber größere, besser spezialisierte Häuser. Leider stößt das konsequent auf taube Ohren. Der Erhalt auch des kleinsten Krankenhauses ist – nicht zuletzt auch aufgrund kommunalpolitischer Aspekte – wichtiger als das Patientenwohl. Bei Protesten gegen Schließungen werden Patienten oft vor den Karren anderer Interessen gespannt.

Weniger Kliniken bedeuten längere Anfahrtswege. Ist das ein Problem?

Das Argument stimmt in den Städten fast nie, auf dem Lande muss man es für die Notfallversorgung berücksichtigen. Aber nehmen wir das Beispiel Stammzelltransplantation: Das ist ein hochspezialisierter, im Voraus geplanter Eingriff. Da will ich nur von absoluten Profis behandelt werden, die möglichst weit über der Mindestmenge von 25 Eingriffen jährlich liegen. Und dann schaue ich in die aktuelle AOK-Mindestmengen-Transparenzliste für Niedersachsen: Ein Haus liegt knapp über der Mindestmenge, einige andere bleiben unter 100. Es läge nahe zu sagen: Konzentriert diese Eingriffe auf die Unikliniken: die MHH in Hannover und die Universitätsmedizin in Göttingen. Beide Häuser kommen schon heute auf jeweils mehr als 150 Eingriffe.

Nicht jede OP ist so hochkomplex. Eine Knieoperation zum Beispiel ...

Wenn ich richtig zähle, dürfen allein in Hannover sechs Häuser diesen Eingriff machen, in der Region weitere sechs. Schaue ich etwas weiter nach Hildesheim und Peine, sind es noch mehr Häuser. Wir wollen zwar unter Qualitätsgesichtspunkten auch Konkurrenz, aber nicht in diesem Ausmaß. Die Anfahrtswege sind hier kein Thema: Zentralisierung wäre möglich und sinnvoll.

Die geforderten 50 Knie-OPs im Jahr werden nach der Neuregelung der Mindestmengen jetzt zwar von allen Kliniken der AOK-Liste erreicht. Dennoch: Auch hier verbessert sich das Ergebnis bei einer deutlich höheren Zahl an Operationen noch weiter. In den Zentren mit im Mittel 500 Eingriffen sind Komplikationen und auch Todesfälle seltener.

Ausreichend Personal für Stationen zu finden, wird für Krankenhausbetreiber immer schwieriger.

Spielen Anfahrtswege wirklich keine Rolle? Gerade für Notfälle?

Ich plädiere nicht für einen sinnlosen Kahlschlag. Natürlich sind Entfernungen relevant, aber meist kein Thema, wenn man genauer und ohne lokale Voreingenommenheit hinschaut. Probieren Sie das mal mithilfe des GKV-Kliniksimulators aus. Wir haben in den Ballungsräumen und zum Teil auch auf dem Lande zu viele Häuser. Da müssten wir die Strukturen ändern.

Was die Notfälle angeht, ein Beispiel: Dänemark hat seine Kliniklandschaft aufgeräumt. Dort liegt die Herzinfarkt-Sterblichkeit deutlich unter der in Deutschland – auch auf dem Land. Unter anderem löst Dänemark das Problem der Erreichbarkeit auch mit moderner Technik. Dänische Rettungswagen übertragen die Daten, wie zum Beispiel ein EKG, schon während des Transportes: Trifft der Patient in der Klinik ein, hat der Arzt die Befunde längst ausgewertet und kann sofort handeln.

Zum GKV-Kliniksimulator.

 

Brauchen wir weniger Betten?

Beides, wir brauchen andere Strukturen und sicher auch weniger Betten. Auf 1000 Einwohner kommen in Deutschland 237 Krankenhausaufenthalte, in der Schweiz 173. Vergleichbar geringer sind auch die Zahlen für viele andere europäische Ländern wie die Niederlande und Schweden. Auch die Zahl der Operationen ist nachweislich und seit Jahren in vielen Bereichen viel höher als in gut versorgten Nachbarstaaten.

Es spielt dabei sicher eine Rolle, dass die vielen Krankenhausbetreiber ihre Betten voll bekommen wollen und müssen, was manchen betroffenen Patienten mehr schaden als helfen könnte.

Weniger Betten heißt auch weniger Pflegepersonal. Könnte das Personallücken stopfen?

Natürlich. In Niedersachsen und auch in Hannover schließen Krankenhäuser Stationen, weil das Personal fehlt. Wir leisten uns also überflüssige Ressourcen – ganze Krankenhäuser –, die um nicht vorhandene Ressourcen – die Pflegekräfte – konkurrieren. Anders ausgedrückt: Manche Krankenhäuser, die wir nicht benötigen, suchen Personal, das wir nicht haben.

Hinzu kommt, dass der öffentlichen Hand das Geld für Investitionen fehlt. Auf 100 Euro Klinikumsatz müssten je nach Art der Klinik Ausgaben zwischen acht und 15 Euro für neue Geräte, Gebäudeunterhalt und Neubau kommen. Tatsächlich finanzieren die Länder, deren Aufgabe dies wäre, weniger als vier Euro, bundesweit und auch in Niedersachsen. Dies zwingt die Krankenhäuser, bei der von den Krankenkassen finanzierten Krankenhausbehandlung Gewinne zu machen, um – wenn möglich – daraus die Investitionslücke zu schließen. Dies geht dann unter anderem zu Lasten der Personalausstattung.

Hier geht zur den Beiträgen:
HAZ
NDR

Ein Umbau der Kliniklandschaft kostet aber viel Geld. Können wir uns das leisten?

Ressourcenvergeudung kostet aber auch, nur stechen die Kosten nicht so ins Auge. Würde man die Ausgaben Dänemarks für seine Reform auf Deutschland übertragen, wären das hochgerechnet über 70 Milliarden Euro. Verteilt auf mehrere Jahre ist das nicht so viel.

Die gegenwärtige Situation schwächt alle, weil der Mangel auf alle verteilt wird. Und sie schadet den Patienten. Komplexe Behandlungen finden in Kliniken statt, die dafür nicht angemessen ausgerüstet sind. Gleichzeitig fehlen diese Patienten in den Zentren, die wir an sich dafür vorhalten. Wenn wir gut ausgestattete, zukunftsfähige Krankenhäuser haben wollen, die den künftigen Anforderungen der Medizin gerecht werden können, müssen wir jetzt Reformen anpacken. Den Kopf in den Sand stecken hilft nicht.

Stellen Sie sich vor, Sie dürfen hier und jetzt Hannovers Krankenhauslandschaft umbauen. Was schlagen Sie vor?

Eine heikle Frage, aber ich versuche es mal. Nach dem Krankenhausplan für 2019 hat die Stadt Hannover neben der Universitätsklinik neun Krankenhäuser mit 2797 Betten im sogenannten vollstationären Bereich ohne psychiatrische Einrichtungen. Auch wenn wir Bettenkürzungen einmal gar nicht in Betracht ziehen, könnte man dieses Angebot mit zwei Maximalversorgern mit rund 1000 Betten und einer mittelgroßen Klinik mit jeweils rund 700 Betten gut abdecken. Diese Kliniken könnten in planbaren Bereichen unterschiedlich spezialisiert sein. Die MHH kommt natürlich auch weiterhin hinzu.

Dafür könnte jedes Haus mit modernster Technik, die für kleine Häuser gar nicht finanzierbar ist, ausgerüstet sein und baulich in gutem Zustand gehalten werden. Die technische Grundausstattung bräuchten wir ja nur dreimal und nicht neunmal. Wir könnten uns dafür bessere Geräte leisten. Die Häuser könnten auch in der Pflege besser ausgestattet sein und könnten genügend Spezialisten bereithalten, auch im Nachtdienst. Wäre das eine Verschlechterung?

Und die anderen Häuser?

Deren Personal würde angesichts des bestehenden Personalmangels in den neu strukturierten Kliniken aufgehen und dort wesentlich bessere Arbeitsbedingungen vorfinden. Am vernünftigsten wäre es, wenn die Kliniken selbst sich zusammenschließen würden, um auf diese Zielstruktur hinzuarbeiten.

Im kleineren Maßstab erleben wir dies gerade in Flensburg, wo Diakonie und Malteser fusionieren, um zwei kleinere Krankenhäuser in einem Neubau mit über 800 Betten zusammenzuführen – mit finanzieller Unterstützung des Landes Schleswig-Holstein. Das ist beispielhaft, denn auf diese Weise können die knappen Investitionsmittel im Rahmen einer zukunftsorientierten Neugestaltung sinnvoll eingesetzt werden.

Der Gesundheitsökonom und Versorgungsforscher Professor Dr. Thomas Mansky ist Facharzt für Innere Medizin, erlangte an der Universität Lübeck seine Professur und leitete zuletzt bis zu seiner Emeritierung an der TU Berlin das Fachgebiet für Strukturentwicklung und Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen. Er entwickelte eine Methode zur Messung der Qualität von medizinischer Behandlung auf Basis vorhandener Daten.

Adipositas: In der MHH finden Patienten Hilfe

Eine Umstellung dauert das ganze Leben

Die Zahlen sind alarmierend: Mehr als 20 Prozent der deutschen Bevölkerung hat einen Body Mass Index (BMI, wird nach der Formel Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch Größe zum Quadrat berechnet) von 30 oder mehr. Das bedeutet die Diagnose Adipositas oder auch Fettsucht – Tendenz vor allem bei Erwachsenen steigend.

Autorin: Susanna Bauch Fotos: Katrin Kutter / iStockphoto/Tatiana
Die Ursachen für extremes Körpergewicht sind vielseitig, „in den überwiegenden Fällen gelangt einfach mehr Energie in den Körper, als wieder herauskommt“, sagt Prof. Martina de Zwaan, Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) sowie Präsidentin der Adipositas-Gesellschaft, die sich zudem auf psychische Störungen im Zusammenhang mit Adipositas spezialisiert. Für Adipositas gebe es durchaus eine genetische Veranlagung, aber nur wenige Fälle sind ausschließlich genetisch bedingt“, so Prof. de Zwaan. In den meisten Fällen allerdings können die Patienten ihre Nahrungszufuhr nicht kontrollieren. „Ich sehe das auch als Zivilisationskrankheit, die durch unserer Umfeld begünstigt wird“, betont de Zwaan. Nahrungsmittel seien rund um die Uhr im Überfluss verfügbar, vor allem die eher ungesunden seien dazu noch extrem günstig. „Der Mensch ist biologisch so angelegt, dass er isst, sobald Nahrung zur Verfügung steht.“ Zudem müssten sich die Menschen heute nicht mehr viel rühren. „Bus, Bahn, Auto, Rolltreppe, Fahrstuhl – das alles führt zu weniger Bewegung.“

Umstellung gilt lebenslang

In früheren Zeiten war das Ansetzen von Fett ein Überlebensvorteil. Hungersnöte hat es hierzulande seit dem Zweiten Weltkrieg allerdings nicht mehr gegeben. Der Mensch ist ein guter Futterverwerter, in Zeiten des Überflusses müsste er sich kognitiv sehr zurückhalten mit dem Essen. „Das schaffen viele nicht“, sagt die Medizinerin. Sie sieht als effektivste präventive Maßnahme gegen Adipositas, erst gar nicht dick zu werden. „Es gibt zwar jede Menge Therapien und Möglichkeiten auch stärkeres Übergewicht loszuwerden, allerdings bedeutet so eine Umstellung eine lebenslange Kontrolle – und das machen sich viele Patienten nicht bewusst.“ Für eine bestimmte Zeit schafften es viele Menschen, auf Gewohnheiten und Verlockungen zu verzichten. Um einen dauerhaften Effekt zu erzielen, müsse dieses Verhalten aber ein Leben lang greifen. De Zwaan setzt darauf, dass von politischer Seite regulierend eingegriffen wird, um präventiv erfolgreicher zu sein. „Die Zuckerreduktionsstrategie sowie das Kennzeichnen von Lebensmitteln mit einer sogenannten Ampel sind erste Schritte, reichen uns aber noch nicht.“ Solange eine Umsetzung freiwillig sei, würden die Maßnahmen nur wenige Verbraucher erreichen.

Adipositas begünstigt 60 Folgeerkrankungen

Rund 400 bis 500 Patienten mit Adipositas werden jährlich in der MHH vorstellig, um mit entsprechender Therapie und Versorgung ihr Gewicht dauerhaft zu reduzieren. Und dabei Folgeerkrankungen entgegenzuwirken. „Rund 60 Krankheiten werden durch Adipositas begünstigt“, betont de Zwaan. Dazu zählen Diabetes Typ 2, Gelenkerkrankungen, Herz-Kreislauf-Störungen, ein gestörter Fett- und Cholesterinhaushalt sowie auch Krebserkrankungen, die etwa das Viszeralfett in der Bauchregion befördert. Aufklärung alleine reicht nicht, um das Verhalten von Patienten mit Adipositas zu verändern, glaubt de Zwaan. Es müsse vielmehr radikalere Vorschriften geben, wie etwa in Großbritannien, wo die Zuckersteuer auf Getränke um ein Vielfaches erhöht wurde. Dass Menschen sich möglichst gesund und kalorienbewusst ernähren sowie Sport treiben sollen, ist allgemein bekannt. „Nur Bewegung wird einem Adipositas-Patienten allerdings nicht viel nutzen. Allein durch Sport geht das Gewicht nicht ausreichend runter“, so die Expertin. Kalorien müssten eingespart und ständig kontrolliert werden.
Chronische Erkrankung mit hoher Rückfallrate: In der Psychosomatischen Ambulanz der MHH widmet sich Prof. Martina de Zwaan Patienten mit Adipositas

Tickende Zeitbomben

Verschiedene individuelle Temperamente wirken sich zudem auf Fettleibigkeit aus. Wer in seinem Leben eher beherrscht und kontrolliert ist, läuft weniger Gefahr, sehr viel Gewicht zuzulegen, als der impulsive Typ. „Diesen Menschen fällt es schwerer, konsequent zu sein.“ Auch wenn Adipositas mit einer Depression einhergeht, ist es schwer für die Patienten, diesen Kreislauf zu durchbrechen. „Motivation und Energie fehlen dann – für alles“, sagt de Zwaan. Die Medizinerin plädiert allerdings dafür, die Ergebnisse des persönlichen BMI nicht auf die Goldwaage zu legen. „Bis zu einem BMI von 30 ist eine Gewichtsabnahme nicht unbedingt erforderlich, da muss man sich keinem angeblichen Schönheitsideal beugen.“ Allerdings müsse darauf geachtet werden, dass dieser Wert nicht steige. „Bei einem BMI von 40, 50 oder sogar 60 sehe ich Patienten als tickende Zeitbomben mit einem sehr hohen Risiko für Folgeerkrankungen.“ Mittlerweile gebe es einige Medikamente, deren Wirksamkeit hinsichtlich einer Appetitzügelung oder Verwertbarkeit von Energiezufuhr nachgewiesen ist. „Die sind verschreibungspflichtig, müssen aber vom Patienten selber gezahlt werden.“ Die Krankenkassen hätten das Krankheitsbild Adipositas noch nicht in der Hinsicht in ihren Leistungskatalog aufgenommen, dass Kosten für eine Medikation erstattet würden.

Operation als letzter Ausweg

Viele betroffene Patienten entscheiden sich auch für eine Operation, bei der in der Regel der Magen verkleinert wird. „Das ist natürlich ein großer Eingriff mit den üblichen Risiken, aber diese OP finanzieren die Kassen auf Antrag in der Regel mit“, erläutert de Zwaan. Die operierten Patienten würden kontinuierlich ab- und auch seltener wieder zunehmen. „Mit Idealgewicht ist aber auch nach einem Eingriff nicht zu rechnen.“ De Zwaan und ihr Team widmen sich an der MHH auch Patienten, die unter Binge-Eating, sogenannten Essanfällen, leiden. Vergleichbar in den Grundstrukturen mit einer Bulimie, nur dass diese Menschen das Gegessene nicht wieder herausbringen, so die Professorin. „Menschen, die auf diese Weise oder durch Depressionen dick werden, kann therapeutisch gut geholfen werden“, betont de Zwaan. Vielen Betroffenen allerdings fehle das Problembewusstsein für ihre Krankheit, wenngleich sie Stigmatisierung und Folgeerkrankungen ausgesetzt sind. „Einen gesunden adipösen Menschen gibt es nicht, und wenn, dann ist das nur ein Übergangsphänomen.“ In der psychosomatischen Ambulanz der MHH bekommen überwiesene Patienten zunächst ein Erstgespräch sowie eine Empfehlung – Spezial-Gruppentherapie mit Ernährungsberatung, Sport und Verhaltenstherapie, Medikamente, (teil)-stationäre Aufnahme. Prof. Martina de Zwaan und ihr Team erstellen auch die geforderten psychologischen Gutachten für eine OP. „Adipositas ist eine Erkrankung, bei der eine Therapie die Regelversorgung sein muss – eine chronische Erkrankung mit hoher Rückfallrate.“

Die MHH-Klinik für Psychosomatik deckt das gesamte Fachgebiet der Psychosomatik für erwachsene Patienten ab. Hierzu gehören insbesondere Depressionen, Angsterkrankungen, somatoforme Störungen, Persönlichkeitsstörungen sowie typische psychosomatische und somato-psychische Erkrankungen. Eine ausgesprochene Fachkompetenz besteht zudem im Hinblick auf psychische Störungen im Zusammenhang mit Adipositas und bei Verhaltenssüchten. „Leichter durchs Leben" ist ein interdisziplinäres, ambulantes Behandlungsprogramm der MHH gegen Übergewicht. Die Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie bietet zusammen mit der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie und der Klinik für Rehabilitationsmedizin ein interdisziplinäres, ambulantes Behandlungsprogramm der MHH gegen Übergewicht. Die Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie bietet zusammen mit der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie und der Klinik für Rehabilitationsmedizin ein interdisziplinäres Behandlungsprogramm gegen Adipositas (krankhaftes Übergewicht) an.