Wearables für mehr Selbstoptimierung

Wearables erfreuen sich großer Beliebtheit

Sogenannte Wearables erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Schätzungsweise 172 Millionen der kleinen smarten Teile werden in diesem Jahr weltweit über die Ladentheken gehen, davon 42 Millionen Fitness-Armbänder. In Deutschland nutzen 26 Prozent der Menschen Wearables, die meisten von ihnen (40 Prozent) die Smartwatch von Apple. Außer dem Platzhirsch teilen sich wenige Branchenführer den Markt im Bereich der Fitnessarmbänder sowie in der Sparte Sport-Tracking.

Autorin: Juliane Moghimi
Fotos: iStockphoto.com/Mikolette/iStockphoto.com/TommL

Neue Anbieter dürften es schwer haben, glaubt Florian Schumacher, denn „der Markt für Lifestyle- und Fitness-Wearables ist weitgehend konsolidiert“. Der Self-Tracking-Experte aus München beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit den Möglichkeiten der digitalen Selbstvermessung, berät Hersteller und Entwickler ebenso wie Krankenkassen.   Für deutsche Unternehmen von Hardwareprodukten sieht er besondere Herausforderungen, nicht zuletzt deshalb, weil oft nicht genügend Ressourcen für Entwicklung und Marketing zur Verfügung stehen. Chancen, so Schumacher, hätten vor allem Unternehmen, die Geräte für medizinische Anwendungen entwickeln, wie etwa Wearables, die den Blutdruck messen können.

„Allerdings unterliegen Medizinprodukte einem aufwendigen Zertifizierungsverfahren und müssen durch große Studien validiert werden.“ Bis auf wenige Ausnahmen, etwa die medizinisch bestätigte Erkennung des lebensgefährlichen Vorhofflimmerns durch die Apple Watch, steckt das noch in den Kinderschuhen – hauptsächlich aus Kostengründen. Deshalb sind die Nutzer mit ihren Wearables bisher überwiegend im Lifestyle-Bereich unterwegs. Sie zeichnen Schrittzahlen, Wegstrecken und Pulsfrequenz auf, tippen Gewicht und aufgenommene Kalorien ein – mit dem Ziel, ihre Trainingserfolge zu dokumentieren und ihre Körperfunktionen im Blick zu behalten. Ganz klar: Es geht um Selbstoptimierung.

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Krankenkassen zeigen Interesse

Auch die Krankenkassen haben diesen Trend längst für sich entdeckt. Das Interesse ist durchaus gegenseitig: Immerhin ein Drittel der Nutzer sind laut einer Studie des Digitalverbands BITKOM bereit, die von ihren Wearables aufgezeichneten Daten mit ihrer Krankenkasse zu teilen – wenn sie im Gegenzug Rabatte oder individuelle Gesundheitsinformationen erhalten. Möglich wird der Transfer, indem die Versicherer ihre eigenen Apps mit Apple Health, Google Fit & Co. koppeln. Florian Schumacher sieht das positiv: „Die Kassen belohnen gesundheitsförderndes Verhalten. Dazu zählen neben Vorsorgeuntersuchungen und Gesundheitskursen auch ein aktiver Lebensstil, der mit den Messwerten der Wearables ganz einfach dokumentiert werden kann, ohne dass die Bestätigung durch einen Arzt oder eine andere Kontrollinstanz notwendig sind. Das ist viel praktikabler und wird der Lebensrealität vieler Versicherter besser gerecht.“

Was passiert mit den Gesundheitsdaten?

Genau das sieht Dr. Gerald Neitzke von der Medizinischen Hochschule Hannover kritisch. „Die Motivation zu gesundem Verhalten sollte aus dem Menschen selbst kommen“, ist der Medizinethiker überzeugt. „Außerdem hat jeder sein individuelles Risikoprofil. Jemand kann noch so viele Schritte am Tag gehen und dabei den perfekten BMI haben – wenn er eine Sportart mit hohem Verletzungsrisiko ausübt, geht er gesundheitliche und ökonomische Risiken ein.“ Neitzke findet es generell falsch, Menschen mithilfe von materiellen Anreizen oder – schlimmer noch – Sanktionen zu bestimmten Verhaltensweisen zu drängen. „Jeder hat das Recht, seine eigene Gesundheit zu erhalten oder zu schädigen. Wir alle gehen Gesundheitsrisiken ein, aber das Profil dieser Risiken ist individuell unterschiedlich.“ Hinzu komme, dass Internetriesen mit den gesammelten Bewegungsdaten nicht Gesundheit erhalten, sondern Profit machen wollen. „Wir wissen, dass Google Gesundheitsdaten sammelt. Wenn nicht für den Verkauf an Dritte, dann zumindest für die personifizierte Werbung. Wenn jemand diese Daten freiwillig zur Verfügung stellt, wird der Mensch selbst zur Ware.“

Ethische Bedenken gegen Nutzung

Auch gegenüber den Krankenkassen ist der Medizinethiker skeptisch. „Natürlich verfolgen die Versicherer ein wirtschaftliches Interesse. Denn je gesünder die Mitglieder sind, desto weniger Kosten verursachen sie.“ Es sei daher nicht verwunderlich, dass etliche Anbieter inzwischen den Kauf von Wearables mit einer Zuzahlung unterstützen oder die kleinen Geräte als Prämien in ihre Bonusprogramme einbeziehen. „Letztendlich stellt sich für mich aber die Frage, welches Menschenbild hinter dem ganzen Vermessen steckt. Wer seinen Körper kontrolliert, misstraut ihm. Das ist möglicherweise langfristig keine gute Strategie, um glücklich zu leben. Dieser Drang zur Selbstoptimierung verhindert ein altersgerechtes Gesundheitsverständnis. Es ist fraglich, ob ein 70-Jähriger einen Marathon laufen können muss!“

Digitale Bonusprogramme

Florian Schumacher ist da weniger streng. In erster Linie, so die Einschätzung des Self-Tracking-Experten, geht es den Kassen auch gar nicht ums Abgreifen von Daten, sondern darum, mit ihren Mitgliedern in Kontakt zu sein. Eine detaillierte Überwachung stünde im Widerspruch zur gesetzlich verordneten Datensparsamkeit der Krankenkassen, erklärt Schumacher: „Bei den digitalen Bonusprogrammen der gesetzlichen Kassen werden die Daten direkt auf dem Endgerät des Nutzers ausgewertet.“ Der Versicherer überträgt und speichert also keine konkreten Werte, sondern nur, ob der Betroffene die Kriterien für eine Belohnung erfüllt oder nicht. „Das ist vergleichbar mit dem Arzt. Der bescheinigt auch lediglich, ob Werte wie BMI oder Blutzucker im Normbereich liegen und belohnt werden sollen. Details erfährt die Krankenkasse also nicht.“

Vorteile von personalisierten Angeboten

Für Schumacher könnte eine engere Vernetzung jedoch auch durchaus Vorteile mit sich bringen. „In den USA setzen Krankenversicherer auf persönliche Daten zur Personalisierung ihrer Unterstützungsangebote, was wiederum engagiertere und gesündere Patienten zur Folge hat.“ So können Krankenkassen ihre Patienten aktiv auf für sie sinnvolle Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen oder therapeutische Maßnahmen hinweisen. „Umso mehr Daten hierfür genutzt werden können, umso effektiver die Unterstützung. Dabei ist das amerikanische Gesundheitssystem grundlegend anders organisiert als in Deutschland. Die Grundidee, die Gesundheit von Versicherten zu fördern, sollte aber auch mit deutschen Werte- und Rechtsvorstellungen vereinbar sein.“

Mit Datenspenden der Coronaforschung helfen

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat eine App zur Verfügung gestellt, die ergänzende Informationen dazu liefern soll, wie sich das Coronavirus bundesweit verbreitet und wie das Infektionsgeschehen verläuft. Die App ist unter dem Namen „Corona-Datenspende“ für iOS- und Android-Geräte verfügbar. Sie funktioniert in Kombination mit Fitnessarmbändern und Smartwatches verschiedener Hersteller. Die Nutzung der App ist freiwillig und pseudonymisiert – das RKI hat zu keiner Zeit Kenntnis über persönliche Informationen wie Name oder Anschrift der App-Nutzer. Entwickelt wurde die App gemeinsam mit dem e-Health-Unternehmen Thryve und unter Einbeziehung des Bundesdatenschutz­beauftragten.

Die Idee hinter der Corona-Datenspende-App ist simpel: Viele Menschen zeichnen regelmäßig mit Smartwatches oder Fitnessarmbändern ihre Vitaldaten auf. Dazu zählen Ruhepuls, Schlaf und Aktivitätsniveau. Bei einer akuten Atemwegserkrankung ändern sich diese Vitalzeichen in den meisten Fällen deutlich. Daher können auch typische COVID-19-Symptome wie Fieber durch die App erkannt werden. Mithilfe der Corona-Datenspende-App kann der Nutzer diese Daten plus seine Postleitzahl dem RKI zur Verfügung stellen. Alle Daten werden wissenschaftlich aufbereitet und fließen im Anschluss in eine Karte ein, die regelmäßig aktualisiert wird.
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