Digitalisierung soll Hausärzte entlasten

Examinierte Pflegekräfte können statt des Hausarztes die Patienten zu Hause besuchen.

Digitalisierung soll Hausärzte entlasten

Die Pflegekräfte haben sich schon an den Rucksack gewöhnt. „Sie freuen sich über die neuen Aufgaben, die sie als echte Aufwertung ihres Berufsbildes erleben“, sagt ihre Chefin Bettina Tews-Harms und lächelt. Sie hat den Pflegedienst in Hankensbüttel bei Gifhorn aufgebaut. Seit August 2018 sind ihre Mitarbeiter mit dem Extragepäck unterwegs. Darin befinden sich ein Tablet-Computer sowie Geräte, um Blutdruck, Blutzucker und Sauerstoffgehalt des Blutes zu messen, außerdem ein Drei-Kanal-EKG. Dieses Gerät misst die elektrischen Herzaktivitäten. Ziel ist es, Hausärzte in ihrer Arbeit zu entlasten

Autor: Oliver Züchner
Fotos: iStockphoto.com/Pornpak Khunatorn, iStockphoto.com/Pornpak Halfpoint

Eigentlich gehören die Geräte in die Hand eines Mediziners. Doch den Hausarzt, der die älteren Patienten zu Hause ohne Zeitdruck bei Kaffee und Kuchen besuchen könnte, gibt es nicht mehr. „Mein Hausbesuch wird häufig zum Akutbesuch, wenn Probleme aus dem Ruder zu laufen drohen“, sagt der Gifhorner Allgemeinmediziner Dr. Armin Saak. Seine Arbeitsbelastung ist so hoch, dass er für Besuche außerhalb seiner Praxis kaum noch Zeit hat.

Arzt und Patienten profitieren

Das Telemedizin-Projekt „Delegation ärztlicher Leistungen“, das vom niedersächsischen Sozial- und Gesundheitsministerium angestoßen wurde, bedeutet für ihn eine deutlich Entlastung. Es bringt aber auch eine Verbesserung für die Patienten, die für viele Untersuchungen nicht mehr zum Arzt begleitet werden müssen und in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können.

So gibt Armin Saak den examinierten Pflegekräften nach Bedarf Anweisung, was bei welchem Patienten zu tun ist. Danach machen sich die Mitarbeiter, die für ihre neuen Aufgaben eigens geschult wurden, auf den Weg. Die Daten selbst werden vom Tablet aus über eine gesicherte Verbindung elektronisch in die Hausarztpraxis übermittelt. Braucht die Pflegekraft vor Ort einen medizinischen Rat, kann sie sich per Videochat umgehend mit dem Mediziner abstimmen.

In der Arztpraxis bewertet der Mediziner die gesammelten Werte der Patienten.

Modell mit Zukunftscharakter

Enge Abstimmung von Pflegedienst und Arzt, weniger Wege für das ohnehin belastete medizinische Personal, durchgehende digitale Dokumentation gesundheitlicher Daten: Das Projekt in Gifhorn zeigt, was Telemedizin heute leisten kann. Das sieht auch Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann so: „Wir verknüpfen hier hausärztliche und ambulante pflegerische Leistungen sektorenübergreifend. Das ist ein Modell mit Zukunftscharakter.“

Daran ändert auch das Coronavirus nichts. Im Gegenteil: Gerade jetzt ist es wichtig, den älteren, besonders gefährdeten Patienten den Praxisbesuch zu ersparen und dennoch den Kontakt zum Arzt sicherzustellen. Ausgestattet mit Mund-Nasen-Schutz und unter Beachtung aller hygienischen Vorsichtsmaßnahmen besuchen die Pflegekräfte daher auch weiterhin die Patienten, wenn immer es notwendig ist. Und auch nach Corona wird das Modellprojekt weitergehen: Laufe es gut, so Sozialministerin Reimann, strebe die Landesregierung ab 2021 eine Ausweitung des Projekts an.

Landesweite Modellprojekte

Finanziert wird das Telemedizinprojekt mit rund 80.000 Euro durch die „Gesundheitsregionen Niedersachsen“: In diesem Rahmen fördert das Land Niedersachsen seit August 2018 zahlreiche Projekte zwischen Nordsee, Harz und Heide mit jährlich 600.000 Euro. Dabei wird es von der Ärztekammer Niedersachsen und zahlreichen Krankenkassen unterstützt, die zusammen knapp 500.000 Euro dazugeben. Ziel: Die Stärkung der der wohnortnahen Gesundheitsversorgung, besonders in den heute schon betroffenen ländlichen Regionen.

Denn nach einer Studie des Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung (NIW) wird die Zahl der Hausärzte bis 2030 um 18 Prozent abnehmen und damit ein Fünftel unter dem prognostizierten Bedarf liegen. Es bräuchte damit, unter Berücksichtigung des demografischen Wandels, rund 1050 Hausärzte zusätzlich, um eine flächendeckende medizinische Versorgung zu sichern.

So schauen die Beteiligten auf die neuen Möglichkeiten, die Digitalisierung und Vernetzung bieten. In Diepholz und Nienburg sollen beispielsweise registrierte und qualifizierte Ersthelfer von der Leitstelle mittels einer Ersthelfer-App zusätzlich zum Rettungsdienst bei Notrufen mit Herz-Kreislaufversagen und Bewusstlosigkeit zum Einsatzort geführt werden. Ziel ist, die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes zu überbrücken.

Das Projekt, das wegen der Corona-Pandemie derzeit ruht, will aber nicht nur die Rekrutierung der Ersthelfer, ihre Qualifizierung und Betreuung optimieren. Es will auch eine Lösung finden, wie die zahlreichen bereits bestehenden, landes- und bundesweit eingesetzten Apps integriert werden können. Es darf nicht mehr sein, dass die Ersthelferinnen und Ersthelfer sich auf mehreren Apps registrieren müssen bei Überschreiten einer Landkreisgrenze nicht mehr erreichbar und damit einsatzfähig sind.