Prävention in Kitas und Schulen

Sport, Spiele und Bewegung stärken Kinder.

Kinder fürs Leben stärken

Gesundheitsvorsorge fängt nicht erst an, wenn etwas wehtut. Prävention ist das Gebot der Zeit. Die Kosten im Gesundheitswesen steigen, weil auch die Zahl der Patienten steigt. Zwar schlägt auch der medizinische und pharmazeutische Fortschritt zu Buche, viele Erkrankungen und kostspielige Behandlungen können allerdings vermieden werden, wenn frühzeitig auf die Gesundheit geachtet wird – auch bereits in Kindergarten und Grundschule.

Autorin: Susanna Bauch
Fotos: Claus Kirsch/Katrin Kutter/Tim Schaarschmidt/ iStockphoto-com/StockPlanets

Dass Kinder sich möglichst viel bewegen und gesund essen sollten, gehört längst zu den Grundregeln der Erziehung. Immer häufiger allerdings kommt schon diese Basisprävention zu kurz. „Im Zeitalter der Smartphones toben Kinder weitaus weniger als früher, sondern sitzen drinnen und bewegen allenfalls die Finger“, sagt Kinderarzt und Mitglied des Vorstands der Ärztekammer Niedersachsen, Thomas Buck.

Thomas Buck, Kinderarzt und Mitglied des Vorstands der Ärztekammer Niedersachsen.

Auch Grundschulleiter sind alarmiert. „Alle wollen Digitalisierung in der Schule, und dann sitzen die Kinder mit ihren Tablets in der Pausenhalle, anstatt auf dem Schulhof zu kicken“, erzählt eine Grundschulleiterin aus Hannover. Dass mangels intakter Schwimmbäder der Schwimmunterricht für Grundschüler immer häufiger ausfällt, sei ebenfalls ein großes Problem. „Da fehlt zum einen Bewegung, zum anderen steigt die Zahl der jugendlichen Nichtschwimmer. Das ist gefährlich.“

Minimum 60 Minuten Bewegungsfreiheit

Die WHO empfiehlt für Schulkinder im Alter zwischen fünf und 17 Jahren täglich mindestens 60 Minuten mäßige bis fordernde körperliche Aktivität. Denn aktive Kinder haben viele Vorteile gegenüber weniger aktiven Altersgenossen:
• fitter in Sachen Herz und Atmung
• stärkere Muskeln
• geringerer Körperfettanteil
• geringeres Risikoprofil für kardiovaskuläre und Stoffwechselerkrankungen
• gesünderes Skelett
• weniger psychische Auffälligkeiten wie etwa Angststörungen und Depressionen
• bessere Konzentrationsfähigkeit
Körperliche Aktivität macht nicht nur Kinder gesünder, sondern wirkt auch vorbeugend gegen Krankheiten im Erwachsenenalter – vor allem gegen Diabetes und Adipositas.

Strategien gegen Stress

Kinder und Jugendliche haben zudem auch Stress – da unterscheiden sie sich nicht von Erwachsenen. Betroffene Kinder fühlen sich öfter unwohl, haben häufiger ein geringes Selbstwertgefühl und eine negative Selbstwahrnehmung. Wissenschaftler der Universität Leipzig empfehlen, den Kindern Problemlösungskompetenzen und Entspannungstechniken an die Hand zu geben. Hier setzt Präventionsarbeit an. Kinder sollten rechtzeitig Strategien kennenlernen, mit deren Hilfe sie lernen, mit unvermeidbarem Stress besser umzugehen. Wer als Kind gelernt hat, mit Stress umzugehen, hat es auch als Erwachsener leichter. „Prävention schon im Kindesalter ist wichtig und vor allem für das Gesundheitswesen auch kostengünstiger als eine spätere Reparatur“, betont Matthias Berndt vom Verband der niedersächsischen Hausärzte. Schulsport etwa dürfe nicht ausfallen, was allerdings immer häufiger an der Tagesordnung sei.

Matthias Berndt, Vorsitzender des Landesverbands Niedersachsen im Deutschen Hausärzteverband.

Prävention schon in Kita und Schule

In der Kindheit werden die wesentlichen Grundsteine für ein ganzes Menschenleben gelegt – auch was die Gesundheit betrifft. Eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung sowie seelisches Wohlbefinden sind drei wichtige Säulen für eine gesunde Entwicklung von Kindern. Die in der Kindheit gelernten Verhaltensmuster und Gewohnheiten manifestieren sich oft für das weitere Leben. Faktoren wie ein stabiles Selbstbewusstsein, ein positives Bild vom eigenen Ich und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten machen Kinder stark und sind eine gute Ausgangsbasis für ihre Zukunft. Daher ist es nicht verwunderlich, dass in den vergangenen Jahren Projekte und Angebote zur Gesundheitsprävention auch in Kindergärten und Schulen fast selbstverständlich angeboten werden. Viele Krankenkassen wollen mit kindgerechten Theaterstücken oder Workshops späteren Problemen vorbeugen, das Niedersächsische Kultusministerium schickt seit 2012 Berater für Gesundheitsförderung an Schulen und bietet Kurse zu den Themen Sucht oder rauchfreie Schule an. Bewegung spielt zudem eine zentrale Rolle, offensichtlich reicht es heute nicht mehr, dass Kinder ihren Bewegungsdrang in der Freizeit ausleben – da ist oft das Smartphone wichtiger. Also werden die entsprechenden Programme in Kitas und Grundschulen systematisch durchgeführt.

Schlafmangel bringt Kinder aus dem Rhythmus

„Für die Kitas empfiehlt sich neben Ernährungs- und Bewegungsprogrammen auch eine Sprachstörungsprävention“, sagt Kinderarzt Thomas Buck. Und im Grundschulalter sei zunehmend der Schlaf ein Problem der Kinder. „Vielen fehlt ein gesunder Schlaf, auch weil sie vermutlich ihr Smartphone mit ins Bett nehmen dürfen“, so Buck. Schlafmangel begünstige auch Verhaltensauffälligkeiten. Außerdem ist Buck der Meinung, dass zur Familienprävention auch ein guter Kontakt zum Jugendamt gehöre. „Gemeinsam können wir familienstabilisierend wirken.“ Buck sieht frühe Smartphone-Nutzung als Gefahr. „Es ist schlecht für das Gehirn, weil damit dieselben Reize im Gehirn aktiviert werden wie bei Drogen“, so Buck. Daher mache das Handy durchaus süchtig. Hier seien aber nicht nur Kita und Schule gefragt. „Die Eltern müssen in die Pflicht genommen werden. Oft sind sie bei ihren Kindern abwesend trotz Anwesenheit.“ „Wenn Kinder mit richtiger Bewegung und Ernährung sowie Zuwendung aufwachsen, verringern sich gesundheitliche Schäden im späteren Lebensalter“, sagt auch Mustafa Yilmaz, Allgemeinmediziner und Leiter des Gesundheitsamtes Region Hannover. „Kitas und Eltern haben eine große Verantwortung, vor allem was das Essen betrifft. Salz und Zucker etwa sollten nur mäßig eingesetzt werden.“

Mustafa Yilmaz, Allgemeinmediziner und Leiter des Gesundheitsamtes Region Hannover.

Grundsätzlich aber, so Yilmaz, seien Kinder und junge Erwachsene sehr viel gesünder als noch vor 40 Jahren. „Wir haben eine noch bessere Hygiene, auch was das Zähneputzen betrifft, viele gute Lebensmittel, gutes Trinkwasser und bessere Wohnbedingungen.“ Um diese Vorteile langfristig zu nutzen, müsse aber sehr bewusst gelebt werden – von Kindesbeinen an.

Bundesweite Programme stärken Schüler und Lehrer

Bundesweit funktioniert das Projekt MindMatters. Mit den Unterrichtsmodulen unterstützt das Programm Schulen, das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit von Schülern der Jahrgänge eins bis 13 sowie Lehrkräf¬ten zu fördern. MindMatters ist ein Kooperationsprogramm der Barmer Krankenkasse, der Unfallkasse Nordrhein¬-Westfalen, des Gemeinde¬Unfallversiche¬rungsverbandes Hannover, der Landesunfallkasse Niedersachsen und der Leuphana Universität Lüneburg.
Auch die Aktion Mütze – Kindheit ohne Kopfzerbrechen ist ein bundes¬weites Projekt zur Kopfschmerzprävention an Schulen. Kopf¬schmerzen stellen eine zunehmende gesundheitliche Belastung für Kinder und Jugendliche dar. Gerade bei Heranwachsenden können Kopfschmerzen durch gesundheitsbezogene Aufklärung vermieden werden. Im Rahmen von Unterrichtseinheiten wird Schülern vermittelt, was Kopfschmerzen auslöst, wie man vorbeu¬gen kann und welches Verhalten bei akuten Kopfschmerzen richtig ist. Dazu gehört auch die Sensibilisierung für die Risiken eines unreflektierten Medikamentengebrauchs. Um die Umset¬zung des Gelernten im Alltag zu erleichtern, werden Eltern und Lehrkräfte mit einbezogen. Sie sind mitverantwortlich, den Alltag der Kinder so zu gestalten, dass Kopfschmerzen die Ausnahme bleiben.
Auch Yoga etwa tut Kindergarten- und Schulkindern nachweislich gut. Yoga entspannt und macht Spaß. Eine wissenschaftliche Untersuchung an der Uni Leipzig fand schon vor Jahren heraus, dass kindgerechte Yogaübungen zum Stressabbau beitragen und helfen können, gelassener mit Belastung in Alltag und Schule umzugehen. Die Wissenschaftler haben zudem belegt, dass Kinderyoga hyperaktives Verhalten und Emotionen wie Angst oder Ärger regulieren kann. Nachvollziehbar, denn Kinder kommen mit einer Yogaeinheit samt langsamer Bewegung und Atmung in der Haltung Katze oder Kobra zur Ruhe.
Ein wichtiges Präventionsthema ist die gesunde Ernährung, um vor allem Adipositas sowie Diabetes vorzubeugen. Es ist nicht nur wichtig, wie zu Hause gekocht wird. Aktionen wie gesundes Frühstück für Erstklässler oder auch Kochkurse stärken das Empfinden der Mädchen und Jungen für ein gutes Körpergefühl. Zu dem dann wieder die Bewegung zählt und sich im positiven Fall ein Kreis schließt.