Operieren – ambulant oder stationär?

Operieren – ambulant oder stationär?

Karin Decker* schlägt die Augen auf und schaut sich um. Gerade als sie den Kopf zur Seite drehen will, kommt eine Krankenschwester zur Tür herein. „Wie fühlen Sie sich?“, will sie wissen. „Eigentlich ganz gut“, sagt die 52-Jährige mit gedämpfter Stimme. „Ein wenig schummrig ist mir noch.“ Die Krankenschwester nickt und beruhigt: „Das ist ganz normal und gibt sich bald. Einen Moment bleiben Sie bitte noch liegen.“

Autorin: Katrin Schreiter
Fotos: Diakovere (2), iStockphoto.com/Chinnapong

Ambulante OP: Erholung lieber daheim als auf Station

Karin Decker gehört zu den tausenden Patienten, die sich in Deutschland jährlich die Krampfadern entfernen lassen. Nicht immer ist eine Operation nötig, aber wenn die Beschwerden zu groß sind, wird die kranke Vene oder der Abschnitt entfernt. Karin Decker hat sich für eine ambulante Operation entschieden, nachdem sie sich gründlich hat beraten lassen von ihrem Facharzt. Erholen will sich die Patientin nach der Operation lieber auf dem eigenen Sofa statt in einem Krankenzimmer, das sie sich mit Mitpatienten teilen müsste. * Name von der Redaktion geändert.

Medizinischer Fortschritt macht immer mehr ambulante Eingriffe möglich

Die Zahl der ambulanten Operationen ist in den vergangenen Jahren in Deutschland deutlich gestiegen. Für Experten ist das eine logische Entwicklung. „Der medizinische Fortschritt verkürzt die Verweildauer der Patienten im Krankenhaus“, weiß Matthias Jochmann, Facharzt für Anästhesiologie der Praxisklinik Hoyerswerda und Vorstandsmitglied der Deutschen Praxisklinikgesellschaft. Das liege unter anderem an modernen Narkoseverfahren und schonenderen Operationstechniken, erklärt der Mediziner. In einer Praxis gehe es zudem relativ persönlich im Umgang mit den Patienten zu. „Da werden die Patienten in der Regel aus einer Hand betreut – von der Diagnose bis zur Entlassung. Außerdem ist im ambulanten Bereich eine geringere Infektionsrate zu verzeichnen.“

Bei all den Vorteilen, die Jochmann aufzählt, kann er nicht verstehen, dass „die Politik vor allem auf die Krankenhäuser schaut und die niedergelassenen Ärzte ins Abseits stellt“. Hauptsächlich finanziell: „Das Vergütungssystem benachteiligt eindeutig die niedergelassenen Ärzte“, meint Jochmann.

Wenn nötig, stationär statt ambulant operieren

Gleichwohl erklärt der Mediziner, dass es unter bestimmten Umständen notwendig ist, eine OP im Krankenhaus ausführen zu lassen: „Wenn zum Beispiel ein höherer Blutverlust erwartet wird oder der Patient unter einer schweren Grunderkrankung leidet.“ Darüber hinaus wünscht er sich, dass die Gesetzgebung demnächst für einen fairen Wettbewerb sorgt: gleiche Chancen bei der Erbringung operativer Leistungen.

Optimales Versorgungskonzept durch beide OP-Formen

„Ambulante und stationäre Operationen gehören bei uns zum optimalen Versorgungskonzept“, sagt Prof. Michael Fantini, Medizinischer Direktor der Diakovere gGmbH, hannoversches Gemeinschaftsunternehmen von Anna-, Friederiken- und Henriettenstift. Dabei seien in seinen Häusern „die Indikationen für eine ambulante Operation gestiegen“. Das Spektrum ambulanter OPs reiche von einfachen Kniespiegelungen über kleine Eingriffe an der Hand bis hin zur Implantation von Infusionspumpen. „Sowohl die OP-Techniken, als auch die Narkosetechniken haben sich deutlich verbessert“, erklärt auch der hannoversche Mediziner den Trend. „Außerdem ist es vor allem für die älteren Patienten gut, schnell wieder im heimischen Umfeld zu sein.“

Chancen und Risiken abwägen

Vor einer Operation würden jedes Mal die Risiken und Chancen abgewogen. „Wenn größere Eingriffe bevorstehen, wie eine umfangreiche Darmoperation, wird stationär behandelt.“ Auch Patienten mit einer schweren Herz- oder Lungenerkrankungen, bei denen eine intensive Nachbeobachtung nötig ist, bleiben stationär bei uns. Selbst, wenn der Eingriff an sich ambulant durchgeführt werden könnte.

Viele OPs sind ambulant möglich

Ob eine Operation beziehungsweise der Patient die Kriterien für eine ambulante Vorgehensweise erfüllt, muss für jeden Einzelfall individuell zwischen dem Betroffenen und dem Arzt im persönlichen Gespräch geklärt werden. Grundsätzlich können viele chirurgische Eingriffe in unterschiedlichen medizinischen Fachgebieten ambulant durchgeführt werden. Dazu gehören zum Beispiel die Operation des Grünen Stars und Eingriffe an der Netzhaut, aber auch die operative Korrektur des Hallux valgus (Fehlstellung der Großzehe), Gelenkspiegelungen mit OP, die Prostata-Biopsie oder die Gebärmutterausschabung. Wer sich einen umfassenden Überblick verschaffen möchte, findet eine Auflistung möglicher ambulanter Eingriffe auf der Website des Bundesverbandes für Ambulantes Operieren e.V. Nach Angaben des Bundesverbandes gelten in den medizinischen Gebieten der Narkose, Patientensicherheit und Hygiene dieselben hohen Standards wie bei stationären Eingriffen.

Zum Bundesverbandes für Ambulantes Operieren e.V.