Neue Wohnformen für Senioren

Eine Form von Gesundheitsprävention: Neue Wohnformen mit gemeinschaftlich genutzten Bereichen ermöglichen Senioren den Austausch im Alltag.

Neue Wohnformen für Senioren

Die WohnIdee, so der Titel des gemeinschaftlichen Bauprojekts, wird auf dem Grundstück der Ohe-Höfe nicht nur irgendein Wohnhaus errichten, sondern ihre Vorstellung von einer zufriedenstellenden Wohnform für Senioren verwirklichen. Es ist ein in nunmehr fast sechs Jahren gereifter Plan von Menschen, die ein Schicksal eint: Sie werden alt. Und dabei wollen sie nicht alleine sein.

Autorin: Rebekka Neander
Foto: iStockphoto.com/SeventyFour

Was die Zukunft ihnen bringen wird, wissen sie so ganz genau noch nicht. Da mögen die Pläne über die Jahre hinweg noch so gut gereift sein und nun detailgenau auf dem Tisch liegen. Doch derzeit ist ihr künftiges Zuhause noch nicht viel mehr als ein freigeräumtes Grundstück, „auf dem jetzt hoffentlich bald die Bodenplatte gegossen wird“. Doch Günther Baumert, Jahrgang 1952, ist zuversichtlich. Zuversichtlich, dass seine Frau und er die richtige Entscheidung getroffen haben und dass mit dem Bau des Mehrfamilienhauses nicht mehr viel schiefgehen wird. „Im Sommer kommenden Jahres können wir wohl einziehen“, sagt er zuversichtlich.

Bauprojekt für Senioren im Alter von 59plus

Mit den Baumerts werden das dann noch 14 weitere Mitstreiter im Alter von 59plus mit höchstwahrscheinlich denselben Hoffnungen tun. Deshalb haben sie sich bereits vor einigen Jahren in dem Verein WohnIdee organisiert und gemeinsam mit der Genossenschaft Selbsthilfe Linden eG als Bauherrin um ein Grundstück auf den Ohe-Höfen beworben. „Mich reizt an dieser Idee nicht nur der gemeinschaftliche Bau altengerechter und barrierefreier Wohnungen“, sagt Baumert. „Auch der Gedanke der Genossenschaft gefällt mir.“ Stärkster Antrieb, diesem selbstverwalteten Mietwohnprojekt beizutreten, sei jedoch die simple Erkenntnis: „Einsamkeit ist der größte Killer.“

Den Erlös für das Reihenhaus, in dem Günther Baumert derzeit noch mit seiner Frau wohnt, wandert zu einem Teil in das Kapital der Genossenschaft. Das mindert ihre individuelle Miete in Zukunft und bleibt den eigenen Kindern als Erbmasse erhalten. Der pensionierte Lehrer sieht sich damit eindeutig in privilegierter Position – ein Luxus, den er weitergeben möchte. Er engagiert sich deshalb im Aufsichtsrat der Genossenschaft. „Damit die Idee der Gemeinschaft weiter unterstützt wird.“

Gemeinschaftsgedanken im Alltag verankern

So klar die Baupläne mit barrierefreien Zugängen, rollstuhlgerechten Schalterhöhen und einem auch für Liegendfahrten geeigneten Fahrstuhl von WohnIdee auch sein mögen, viele weitere Ansätze gehören noch ins Reich der Ideen. Erst der Alltag werde zeigen, wie stark der Gemeinschaftgedanke gelebt werde, sagt Baumert. Wie weit geht das Zur-Seite-Stehen? Füreinander einkaufen im Krankheitsfall? Bestimmt. Aber Pflege? Betreuung? Das wagt niemand derzeit vorherzusagen. So gut kenne man sich noch nicht. Eine feste Vereinbarung mit einem Pflegedienst ist zurzeit nicht vorgesehen.

Für das Kennenlernen und gegenseitige Unterstützung jedoch wird es reichlich Gelegenheit geben: Im Erdgeschoss, so Baumert ist ein großer Gemeinschaftsbereich mit einer Küche vorgesehen. Ein Ort also für regelmäßige Treffen und gemeinsame Aktivitäten, für Austausch und Kommunikation. Das einst ebenfalls geplante Gästezimmer, das allen Mietern zur Verfügung stehen sollte, fiel allerdings dem Rotstift zum Opfer, wie Baumert einräumt. „Nun beraten wir, ob in den Wohnbereich eine Schlafcouch kommt - für alle Fälle.“

Land fördert das Wohnprojekt

Einige Wohnungen im Gebäude des Vereins WohnIdee werden durch öffentliche Förderung mitfinanziert. Sie sind jenen vorbehalten, deren Einkommen zwischen 20 und 60 Prozent über dem Sozialhilfesatz liegen. Zudem steckt auch Geld des Landes in dem Projekt: Unter dem Titel „Wohnen und Pflege im Alter“ unterstützt das Land seit 2015 mit jährlich einer Million Euro modellhafte regionale Projekte, die ein weitgehend selbstständiges Leben älterer Menschen in einem häuslichen Umfeld auch im hohen Alter oder bei Pflegebedürftigkeit ermöglichen. Im ersten Jahr bewilligte das Niedersächsische Sozialministerium 18 solcher Projekte, 2016 waren es noch 14, in den darauffolgenden Jahren erhielten jeweils neun einen Förderbescheid. Für das laufende Jahr sind bereits elf neue Vorhaben geplant, die Bescheide dafür sind jedoch noch nicht erteilt.