Roboter im Pflegeeinsatz

Ein Roboter, der Witze macht: Pepper ist in der Lage, mit Heimbewohnern auf einem einfachen Niveau zu kommunizieren.

Roboter im Pflegeeinsatz

Autor: Oliver Züchner
Fotos: privat/Entrance Robotics

Den großen grauen Kater mit dem Flauschfell hat er immer im Auto. „Wenn man ihn streichelt, wackelt er mit dem Schwanz. Wenn man ihn nicht streichelt, fordert er Aufmerksamkeit“, sagt Gesundheitsforscher David Matusiewicz, der den possierlichen Begleiter aus Japan mitgebracht hat. Dort sind die Tiere in Alten- und Pflegeheimen längst gang und gäbe. Die Anschaffungskosten liegen bei nicht einmal 100 Euro. „Die Batterie muss man alle Tage mal wechseln. Aber das war’s auch“, sagt er.

Robotern fehlt noch die Intelligenz

Der Flauschekater ist ein Roboter, der angesichts der immer älter werdenden japanischen Gesellschaft die Pflegekräfte entlasten soll. Roboter, die tatsächlich wie ein Mensch die Pflegebedürftigen waschen oder im Bett wenden, also Pflegetätigkeiten ausüben, gibt es auch dort noch nicht. „Dafür fehlt Maschinen – noch – die Intelligenz und das händische Geschick“, erklärt Matusiewicz, der an der FOM Hochschule in Hannover Gesundheitsmanagement lehrt.

Gesundheitsforscher David Matusiewicz mit digitaler Flauschkatze.

120.000 Pflegekräfte fehlen in Altenheimen

Wer daher glaubt, Roboter könnten die rund 120.000 Pflegekräfte ersetzen, die nach einer aktuellen Studie der Universität Bremen allein in Deutschlands Altenheimen akut fehlen, liegt schief. Wohl gibt es einzelne digitale Lösungen wie den Kreiselhandschuh gegen den Tremor in den Händen. Mehr zu dem Thema

Es gibt fahrerlose Transportsysteme (FTS), die Betten bewegen und Wäschesäcke von den Stationen in den Keller fahren und dabei die Aufzüge benutzen. Mit Robotik aber hat das alles noch nichts zu tun. „Mittel- und langfristig bieten Roboter zwar neue Perspektiven. Kurzfristig brauchen wir schlicht mehr Personal – viel mehr Personal“, sagt der Wissenschaftler. Denn auch in Krankenhäusern würden zu viele Stellen unbesetzt bleiben und der Pflegeschlüssel, also das Verhältnis von Pflegepersonal zu Patienten, sei zu niedrig. „Wenn man berücksichtigt, dass Menschen den Pflegeberuf aufgrund des harten Arbeitsalltags aufgeben, andere in Rente gehen, fehlen in der Bundesrepublik in Summe geschätzt bis zu 300.000 Pflegerinnen und Pfleger über die kommenden fünf Jahre“, so Matusiewicz.

Roboter für soziale Interaktion

Was heute tatsächlich möglich ist, sind „soziale“ Roboter, die in tier- oder menschenähnlicher Gestalt Emotion und Kommunikation befördern können: Sie erzählen Witze, machen Späßchen und stellen Quizfragen. Damit können Roboter die Stimmung der Patienten verbessern, Angst, Schmerz und Einsamkeitsgefühle reduzieren und die Schlafqualität verbessern. „Das ist ein therapeutischer Nutzen, der sich nachweisen lässt“, sagt Matusiewicz und krault seinem Kunststoffkater das Fell. „Leider sind die Roboter nicht billig.“ Rund 5000 Euro kostet etwa Paro: Die Pflegerobbe ist Vorreiter unter den sozialen Robotern. Sie erkennt Stimmen und Verhaltensmuster und kann sich auf einen Menschen einstellen. Mehr als 4000 Exemplare sind mittlerweile weltweit in Kliniken und Heimen im Einsatz, darunter in mehr als 40 deutschen Einrichtungen. Ziel ist vor allem die Begleitung Demenzkranker, aber auch von Patienten in der Palliativmedizin – allerdings nicht als Pflegeersatz, sondern als begleitendes Instrument.

Software macht Pepper wandlungsfähig

2015 kam Pepper auf den Markt. Der Roboter des japanischen Herstellers Softbank, von dem weltweit bislang mehr als 12.000 Stück abgesetzt wurden, ist nicht ursprünglich für die Pflege entwickelt worden. Von knapp 100 Pepper-Robotern, die bis März 2020 durch Entrance Robotics, einen der Vertriebspartner der Humanoiden, in Deutschland abgesetzt wurden, gingen zwei Dutzend in den Pflege- und Gesundheitsbereich, zuletzt zwei in eine Kölner Privatklinik und einer in ein Altenheim im sauerländischen Plettenberg.

Seine Software macht Pepper wandlungsfähig. Forscher der Uni Siegen und der FH Kiel programmierten ihn 2017 für die Betreuung der Bewohner eines Seniorenheims in Siegen. Mit einer etwas anderen Software schickte Entrance Robotics einen weiteren Pepper im August 2019 für ein Testprojekt ins Seniorenzentrum Schleswiger Straße nach Hannover. Dort machte Pepper das, wofür Mitarbeitern im kurzatmig getakteten Heimalltag kaum Zeit bleibt: Er stellte Rätselaufgaben, erzählte Märchen und Witze, animierte zu Gehirnjogging und mit seinen gelenkigen Armen zu Bewegungsspielen – Gesundheitsprävention, die Spaß macht. „Allerdings sind uns die Kosten mit 35.000 Euro für ein reines Kommunikationsinstrument zu hoch“, sagt Walter Richter vom Pflegeheimbetreiber, dem AWO-Bezirksverband Hannover. Die Krankenkassen helfen in dieser Frage nicht weiter. Für Pepper zahlen sie bislang keinen Zuschuss. Für Pflegerobbe Paro übernehmen sie die Kosten wiederum nur in Einzelfällen. So scheuen die Heime nicht zuletzt den bürokratischen Aufwand. Hier geht zur den Beiträgen: HAZ Universität Siegen

Unterhält sich auch mit mehreren Heimbewohnern: Pepper ist bundesweit in 15 Einrichtungen im Einsatz.

Aktuell in 15 Seniorenheimen im Einsatz

Vielleicht relativieren sich die Kosten, wenn die Roboter etwas komplexere Aufgaben übernehmen können – so wie Pepper, der seit Ende 2017 auch im Kundenzentrum des hannoverschen Energiedienstleisters Enercity eingesetzt wird. Dort nimmt er Aufträge zum Umzugsservice an, erklärt Produkte und Verträge – und unterhält mit Spielen und Animationen. Eine ganz ähnliche Aufgabe soll der Pepper erhalten, der seit diesem März im Düsseldorfer Marienhospital die Runden dreht. „Er analysiert den Gesichtsausdruck des Gegenübers und bietet ihm dann eine darauf abgestimmte Kommunikation an“, sagt Alexander Pröll von Entrance Robotics. So dient Pepper als zuweilen als fahrender Kummerkasten. Oder er erklärt Besuchern den Weg und führt sie zum Beispiel direkt zur Cafeteria. Sobald die datenschutzrechtlichen Voraussetzungen gegeben sind, könnte der Roboter Besucher auch direkt zu jedem gewünschten Patienten begleiten. Die Integration von Pepper in die Steuerung der Aufzüge ist ebenfalls geplant. Dann wird der Roboter jede Etage direkt anfahren können. Bis es so weit ist, soll Pepper ältere Menschen zum Bewegungstraining in der Gruppe animieren. Die Software wird in diesen Tagen ausgerollt. Aktuell ist Pepper in 15 Seniorenheimen in Deutschland im Einsatz.