Digitalisierung in der Pflege

Entlastung für das Pflegepersonal

Es könnte so einfach sein. Der Wäscheschrank ist leer und sofort setzt sich ein autonom bestückter Trolley von alleine im Keller in Bewegung. Nebenan schickt die Zentralküche den für die Station besetzten Warmhaltewagen los, während sich oben auf Station alle Pflegekräfte um die Menschen kümmern können. Denkbar wäre das. Auch technisch ist das alles längst keine Utopie mehr. Nur die Umsetzung stockt.


Autorin: Rebekka Neander
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„Die meisten Krankenhausflure sind heute lediglich darauf ausgelegt, dass zwei Patientenbetten gut aneinander vorbeikommen“, sagt Martin Meywirth. „Für ein autonomes Fahrzeug ist da kein Platz mehr.“ Meywirth ist am Klinikum der Region Hannover mit dem Projekt Mobidoc betraut. Es ist im KRH-Sprachgebrauch der Name für die (fast) vollständig digitale Patientenakte. Statt handschriftlicher Notizen und überquellender Ordner zeigt die digitale Patientenakte auf dem Computerbildschirm alle Informationen über die erkrankte Person, die für die Behandlung und Pflege wichtig sind: Warum ist sie im Krankenhaus? Wie lief die Operation? Welche Medikamente gab es zuletzt? Was zeigen MRT, Röntgenaufnahme und endoskopische Untersuchung?

Digitale Unterstützung schafft Zeit für Tätigkeit nah am Menschen

Mobidoc bekommt bald Zuwachs. Spot-Monitor, so Meywirth, heißt ein weiterer digitaler Assistent. Ein rollbarer Wagen, bestückt mit Blutdruckmessgerät, Fieberthermometer und einem sogenannten Pulsoxymeter für die Sauerstoffsättigung im Blut. Die damit gemessenen sogenannten Vitalwerte wandern automatisch in die digitale Patientenakte. Wieder wird damit Zeit für andere wichtige Tätigkeiten gewonnen.

Sich wieder dem Menschen zuwenden: Pflegekräfte könnten dank digitaler Helfer künftig wieder mehr Zeit dafür gewinnen.

Automatisierte Assistenten als nächste Stufe

Automatisierte Assistenten, die tatsächlich Handgriffe direkt am Patienten abnehmen, sind dagegen bislang nur eine Vision. Pepper, der kindgroße „Robotergefährte“ der Wuppertaler Entwicklerschmiede Entrance, hat zwar bereits den einen oder anderen Präsentationsauftritt in hannoverschen Pflegeheimen hinter sich. Mehr als eine experimentelle Ergänzung ist er jedoch (noch) nicht. Und selbst dies auch nur für jene, die ihn sich leisten können.

Roboterkatze schnurrt für Patienten

Wohin die Reise mit den automatisierten Pflegeassistenten gehen könnte, ist unter anderem am Pflegepraxiszentrum der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) zu beobachten. Dieses testet mit Förderung des Bundesforschungsministeriums Innovationen aller Art, die der Pflege helfen könnten. „Wir haben beispielsweise eine mechanische Katze im Einsatz, die schnurren kann“, berichtet Iris Meyenburg-Altwarg. Sie leitet die hochschuleigene Pflegeakademie. Die Roboterkatze beruhige Patienten, die beispielsweise an Demenz oder Delir leiden und nach einem Eingriff im Bett liegen müssen.

Roboter für Desinfektion und „intelligente“ Betten

Ein mit UV-Licht agierender Desinfektionsroboter wird an der MHH nach der Entlassung von Patienten in deren Zimmer geschickt. „Das ultraviolette Licht hilft, Bakterien zu reduzieren“, sagt Meyenburg-Altwarg. Die sich anschließende Desinfektion und Reinigung des Zimmers falle entsprechend schneller aus. „Wir testen zudem gerade ein Bett, dessen Auflage aus würfelförmigen Elementen besteht.“ Diese erkennen, wo die höchste Gefahr für ein Druckgeschwür besteht, und entlasten dann gezielt an diesen Punkten. Andere Betten melden Ausstiegsversuche sturzgefährdeter Patienten oder verlagern sie automatisch in eine andere Position. Wenig überzeugend allerdings findet Meyenburg-Altwarg die bisher angebotenen Roboter, die beim Heben des Patienten helfen sollen: „Das taugt alles nichts.“ Die bisher bekannten Geräte seien allesamt nicht kippsicher. „Und wenn, dann sind sie viel zu groß und zu schwer.“

Digitalisierung in der Pflegeausbildung

Im Bereich der Aus- und Weiterbildung wiederum lockt die digitale Transformation mit neuen Lernmodellen. So haben in der Akademie des Regionsklinikums Anfang Februar zwei Medienpädagogen ihren Dienst angetreten. Ihr Ziel: alles, was Pflege wissen muss, in E-Learning-Einheiten zu gießen. Dieses „virtuelle Klassenzimmer“ mit gefilmten Fallbeispielen, spielerischen Ansätzen und der klaren Aufforderung an Auszubildende und Lehrkräfte, sich bei der didaktischen Gestaltung beispielsweise durch selbst gedrehte Filmchen einzubringen, ist der Region Hannover einiges wert. Die Eigentümerin des Klinikums finanziert den Aufbau in einem auf zwei Jahre angelegten Projekt mit insgesamt 600.000 Euro. Zum Lehrinhalt werden auch Mobidoc und Spot-Monitor gehören. „Aber eben auch der Umgang mit den Daten“, sagt der Medienpädagoge und Projektmanager Mirco Pietsch.

Programmierung von Assistenzrobotern

Auch das Bildungswerk des Diakovere-Verbundes in Hannover stellt sich dem Thema: Die Auszubildenden üben sich beispielsweise an der eigenen Programmierung von Nao, einem humanoiden Assistenzroboter, ebenfalls aus dem Hause Entrance, der beispielsweise auf Kinderstationen Spiele anbieten oder in Empfangshallen der Orientierung dienen kann.

„Wir sind dabei, entsprechende Konzepte für Patienten zu entwickeln“, sagt Diakovere-Sprecherin Diana Rose. „Aktuell haben wir die elektronische Patientenakte in fast allen unseren Häusern eingeführt.“ In der Alten- und Behindertenhilfe würden Menschen mit Beeinträchtigungen an Digitalisierungsprozesse herangeführt. „Das betrifft die digitale Steuerung von Assistenzsystemen oder die Schaffung virtueller Ausbildungsangebote für Menschen, die nicht mobil sind.“

Pflege als Motor für digitalen Wandel

Die Erwartungshaltung an derlei Angebote ist vielfältig. Ulf-Birger Franz, Wirtschaftsdezernent der Region, sieht vor allem die Beschäftigten und Auszubildenden als treibenden Motor für den digitalen Wandel in der Pflege. „Ihnen möchten wir mit dem virtuellen Klassenzimmer der KRH-Akademie ein attraktives Ausbildungsangebot eröffnen.“ Das kann die dortige Projektleiterin, Pflegepädagogin Sabine Vogel, nur unterstreichen.

Überdies aber erleichtere diese Unterrichtsergänzung auch ihre Arbeit. „Mithilfe dieses browsergestützten Systems kann ich die Lernfortschritte der Auszubildenden künftig auch von unterwegs kontrollieren.“ Bei zehn in der Region verteilten Standorten durchaus von Vorteil. So spielerisch das E-Learning für den Pflegenachwuchs auch sei, mahnt jedoch Yvonne Radtke, der Lehrstoff werde dadurch nicht weniger. Radtke, ebenfalls Medienpädagogin an der Akademie, hat etwas gegen falsche Hoffnungen: „Lernen muss man immer noch. Diese Arbeit nimmt einem kein Computer ab.“

Grenzen für digitalisierte Daten

Wer Daten sammelt, muss sie schützen. Martin Meywirth, im Zentralen Projektmanagement des Regionsklinikums unter anderem mit der digitalen Patientenakte betraut, macht deshalb auch keinen Hehl aus einem kleinen, vermeintlichen Anachronismus. So umfassend die Digitalisierung der Patientenakte vom Profil über die Pflege bis zur Mediation auch sein mag: Wer sich in eines der KRH-Krankenhäuser aufnehmen lässt, muss auch weiterhin viele bisherige Befunde auf Papier einreichen. „Wir dürfen keine fremden Datenträger ins System lassen“, betont Meywirth. Ausnahme bleiben von anderen Krankenhäusern oder Arztpraxen erstellte Bilder in digitaler Form. Was ein Patient privat gescannt hat, muss dieser wieder ausdrucken – um die Bilder in der Aufnahme wiederum erneut einscannen zu lassen. „Solange es die elektronische Gesundheitskarte nicht wirklich gesichert gibt“, so Meywirth, „wird das auch so bleiben müssen.“