Terminvergabe wird zur Geduldsprobe

Wer hier sitzt, hat es schon geschafft: Das dringend gewünschte Gespräch mit dem Facharzt liegt in greifbarer Nähe. Aber bis dahin mussten viele Erkrankte mitunter mehrere Monate Wartezeit hinnehmen.

Terminvergabe: Hat das lange Warten auf den Arztbesuch
jetzt ein Ende?

Die Theorie ist geregelt, die Praxis indes funktioniert noch nicht immer reibungslos. Wer einen Termin beim Facharzt haben möchte, braucht Geduld. Mitunter drei bis sechs Monate kann es dauern – wer plausibel einen Notfall vortragen kann, hat bessere Chancen. Genauso wie Stammpatienten: Wer zum ersten Mal etwa einen Hautarzt oder Neurologen konsultieren will, wird hingegen regelmäßig an Kollegen verwiesen.

Autorin: Susanna Bauch
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Eigentlich sollen Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG, Mai 2019) sowie offene Sprechstunden seit dem vergangenen Jahr dafür sorgen, dass Termine nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden können. Eine zentrale Stelle kümmert sich bereits seit 2016 darum, dass Patienten innerhalb eines Monats einen Termin bei einem Facharzt bekommen. Die sogenannte offene Sprechstunde, die am 1. September 2019 auf etliche Fachrichtungen ausgedehnt wurde, soll etwas Abhilfe bei der Misere der Facharztterminvergabe schaffen. Das entsprechende Gesetz verpflichtet Ärzte, in der Woche fünf Stunden anzubieten, in denen Patienten ohne Termin kommen können. „Das können fünf Stunden im Block sein, aber auch täglich eine“, erläutert Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN).

Pflicht zur offenen Sprechstunde gilt für etliche Fachrichtungen

Waren Anfang 2019 zunächst nur HNO-Ärzte, Kinderärzte und Allgemeinmediziner zu diesem Angebot verpflichtet, gilt die Regel jetzt auch für Augenärzte, Chirurgen, Kinderchirurgen, Plastische Chirurgen, Hautärzte, Kinder- und Jugendpsychiater, Urologen, Neurologen, Nervenheilkundler, Psychiater, Neuropsychiater, Neurochirurgen und Orthopäden.

Viele Mediziner sehen das kritisch. Denn wenn in einer angebotenen offenen Sprechstunde 20 Patienten behandelt werden wollen, funktioniert das Modell nicht, meint eine Hautärztin aus der City. Auch KVN-Sprecher Haffke bezweifelt, dass die offenen Sprechstunden alle Engpässe und auch Patientenprobleme auffangen können. „Entweder Patienten müssen weggeschickt werden, oder sie bekommen einen Folgetermin – mit üblicher Wartezeit.“ 8000 betroffene Mediziner in Niedersachsen müssen ihre individuellen Zeiten nun im Internet veröffentlichen, viele Patienten wissen aber immer noch nicht, dass es dieses verpflichtende Angebot gibt.

Frust am Praxistresen: Auf einen Termin beim Facharzt müssen Patienten oft mehrere Monate warten.

Ob das Terminservice- und Versorgungsgesetz greift, bleibt abzuwarten

Der Hausarzt und Vorsitzende des Hausärzteverbandes, Matthias Berndt, hat in den vergangenen Monaten seit der Einführung der verbindlichen offenen Sprechstunden keinen Anstieg der Fallzahlen festgestellt. „Die Patientenzahl ist konstant geblieben, allerdings hat die Betreuungsintensität zugenommen.“ Den höheren Aufwand pro Patient führt Berndt unter anderem auf mehr psychische Komponenten zurück. „Berufliche Unsicherheiten, eine Informationsflut sowie mangelnde Priorisierung verunsichern viele Patienten.“

Ob das Terminservice- und Versorgungsgesetz mittelfristig greift, will der Hausärzteverband erst einmal abwarten. „Ich bin gespannt auf die Auswertungen der Kassenärztlichen Vereinigung, ob die Ziele des Gesetzes erreicht werden.“ Zum aktuellen Zeitpunkt habe er große Zweifel, da sein Eindruck sei, dass es vor allem für schwer kranke Patienten immer schwieriger werde, „Termine direkt beim Facharzt oder auch durch unsere Vermittlung als Hausärzte zu bekommen“.

Terminservicestelle vergibt seit Anfang 2020 rund um die Uhr Facharzttermine

Seit Januar 2020 ist die Terminservicestelle (TSS) unter der neuen Telefonnummer 11 61 17 zu erreichen, außerdem ist sie nun 24 Stunden an sieben Tagen durchgängig erreichbar. Die TSS hat 2019 insgesamt 240.720 Anrufe erhalten, wie KVN-Sprecher Haffke berichtet. Ein Drittel der Anrufer wünscht allgemeine Informationen zur Terminservicestelle.Ein weiteres Drittel erfüllt nicht die Voraussetzungen für eine Terminvermittlung (Überweisung fehlt). Ein Drittel wird tatsächlich vermittelt – 58.164 Patienten 2019. Den höchsten Bedarf gab es laut Haffke für die ärztlichen Fachgruppen der Neurologie, Psychotherapie, Kardiologie, Rheumatologie, Angiologie und Hautärzte. Seit dem 1. Mai 2019 werden auch Hausarzt- und Kinderarzttermine vermittelt. Im vergangenen Jahr wurde dieser Service nur selten in Anspruch genommen – die TSS vermittelte 258 Hausarzt- und 222 Kinderarzttermine. Die meisten Arzttermine kommen nach wie vor persönlich zustande.

Termin vereinbart, aber nicht erschienen: Mediziner verlangen Bußgeld für säumige Patienten

Ein Ärgernis allerdings ist es, dass viele vereinbarte Arztbesuche einfach nicht wahrgenommen werden. „Rund 20 Prozent der vermittelten Termine kommen nicht zustande“, betont der KVN-Sprecher. Studien bestätigen das Problem. Laut dem MLP-Gesundheitsreport berichten 35 Prozent der niedergelassenen Ärzte, dass Patienten häufig nicht erscheinen, 28 Prozent beklagen gelegentliche Ausfälle. Der Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschland berichtet, dass Fachärzte und Bestellpraxen am häufigsten betroffen sind. Viele Patienten betrachten ihre Termine offenbar als unverbindlich. Daher wird auch die Forderung von Medizinern lauter, dass Patienten für Nichterscheinen eine Art Bußgeld zahlen sollen. erreicht werden.