Sprechstunde: Hilfe für traumatisierte Geflüchtete

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Millionen Menschen flüchten vor Krieg und Verfolgung.

Hilfe in großer psychischer Not

Die eigentliche Gefahr droht nach der Flucht. Dann nämlich, wenn Geflüchtete mit erlittenen Traumata in Deutschland ankommen, Fuß fassen wollen, aber dafür eigentlich erst eine psychologische oder psychiatrisch-psychotherapeutische Hilfe benötigen. Der Handlungsbedarf ist akut, sagt Prof. Iris Tatjana Graef-Calliess, Chefärztin in der KRH Psychiatrie Wunstorf.

Autorin: Susanna Bauch
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Vom Krieg traumatisierte Geflüchtete erhalten in Deutschland bisher im Regelfall nur über bürokratische Umwege psychologische oder psychiatrisch-psychotherapeutische Hilfe. Dabei wäre eine schnelle Behandlung für Betroffene wichtig, um Erlebtes zu verarbeiten und schwerwiegenden Folgeerkrankungen vorzubeugen. Die KRH Psychiatrie Wunstorf hat daher unter der Leitung von Prof. Iris Tatjana Graef-Calliess seit 2018 eine ambulante Sprechstunde für traumatisierte Geflüchtete aufgebaut.

Moritz Frankenberg
Prof. Iris Tatjana Graef-Calliess, Chefärztin in der KRH Psychiatrie Wunstorf

Nichtbehandlung verschärft das Problem

„Die Regelversorgung greift in vielen Fällen einfach nicht“, betont Graef-Calliess. „Wir müssen diese Versorgung interkulturell öffnen.“ Die Risiken für einen traumatisierten Menschen, psychisch zu erkranken, seien überdies unter anderem mit den Erlebnissen nach dem Trauma, also hier in Deutschland verknüpft, sagt die habilitierte Sozialpsychiaterin. Beispiele sind lange und zähe Asylverfahren, Massenunterkünfte und die Trennung von der Familie. Vor allem Fehl- und Nichtbehandlung sowie mangelnde soziale Unterstützung hierzulande verschärften das Problem und behinderten die Integration. Mehr noch: „Wer unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, den begleitet dieses Thema ein Leben lang.“ Und so kommt es vor, dass zu den Patienten, die heute die Sprechstunde der Ärztin besuchen, auch Menschen zählen, die bereits 1999 aus dem Kosovo nach Deutschland geflüchtet sind.

Oftmals sind Geflüchtete zunächst vor allem orientierungslos. „Sie haben es schwer, Symptome einzuordnen. Es gibt Sprachprobleme, Betroffene wissen häufig gar nicht, wo sie welche Hilfe erhalten, und das Hilfesuchverhalten ist zudem oft kulturell bedingt ein anderes“, sagt Graef-Calliess. Den meisten stehen zudem nur begrenzt Leistungen des deutschen Gesundheitssystems zur Verfügung. „Wer unter chronischen seelischen Belastungen leidet, fällt aus einer Behandlung raus“, so Graef-Calliess. In Wunstorf geht es vor allem um die akuten Fälle, und auch für diese geflüchteten Patienten ist es meist ein langer, schwerer Weg. „Je früher diese Menschen behandelt werden, desto geringer fallen die Folgeschäden aus“, betont die Medizinerin.

Prävention für Folgeerkrankungen

Graef-Calliess sieht noch viele Lücken im System. „Es fehlen Dolmetscher beim Arztgespräch, es muss hoch qualifiziert eins zu eins übersetzt werden, es darf kein Platz für Interpretationen bleiben.“ Viele Patienten seien suizidgefährdet, eine Symptomdeutung sei allerdings oftmals schwer, da die Geflüchteten sich nur schlecht erklären könnten. „Manche Folteropfer etwa schaffen es gar nicht zu uns durch die Tür.“ Einen Termin bei einem niedergelassenen Psychiater zu bekommen ist schier unmöglich. In der Regel erhalten Geflüchtete monatelang nur Unterstützung bei akuten Schmerzen oder einer anstehenden Geburt.

Zweimal im Monat bietet Graef-Calliess eine Sprechstunde für traumatisierte Geflüchtete an. Sie hat nach knapp zwei Jahren mit diesem Angebot festgestellt, dass drei Viertel der geflüchteten Patienten mit einem enormen Leidensdruck und sehr ernstem Schweregrad ihrer Erkrankung die Sprechstunden aufsuchen. „Zudem stellen wir einen hoch signifikanten Rückgang der Krankheitslast nach einer Behandlung fest.“ Die Behandlung der Traumata erweise sich daher als wichtige Prävention für Folgeerkrankungen.

In der Psychiatrie des KRH in Wunstorf finden traumatisierte Geflüchtete Hilfe.

„Wir müssten eigentlich unendlich mehr tun“

„Exklusion und Diskriminierung erhöhen zudem das Risiko für eine Psychose“, sagt Graef-Calliess. Der sogenannte Postmigrationsstress in Deutschland sei ebenso bedeutsam wie der Stress im Bürgerkrieg der Heimat. Eine gute Integration sei daher Voraussetzung für die seelische Gesundung. Der eingeschränkte Zugang von Geflüchteten zum Gesundheitssystem, da ist sich die Ärztin sicher, sei langfristig teurer als der freie Zugang. „Nicht- oder Fehlbehandlungen kosten am Ende weitaus mehr. Es bringt also gar nichts, nichts zu machen.“ Die Termine in der Ambulanz in Wunstorf sind mit langer Wartezeit verbunden. „Wir sind hier immer voll. Das liegt auch daran, dass die Patienten nie alleine kommen“, erklärt Graef-Calliess. Die Menschen kämen mit Angstzuständen, Panikattacken, Verfolgungswahn. „Wir müssten eigentlich unendlich mehr tun.“