Mit dem Robotersystem DaVinci verfügen die Mediziner über modernste Technik im OP-Saal.

Roboter und Mediziner gemeinsam am OP-Tisch

Roboter übernehmen in der Medizin immer mehr Aufgaben. Sie kommen zum Einsatz, wo die Maschine präziser arbeiten kann als der Mensch. Die Entscheidung, wann sie assistieren müssen, treffen die Mediziner nach genauer Abwägung der Vor- und Nachteile.

Autorin: Rebekka Neander
Fotos: Klinikum Region Hannover

Eigentlich hätte er allen Grund zur Freude. „Die Patienten kommen ganz gezielt zu uns“, sagt Dr. Achim Elsen, „weil sie vom Roboter operiert werden wollen.“ An dieser Stelle verkneift sich der Chefarzt der Orthopädie und Unfallchirurgie am KRH-Klinikum in Großburgwedel regelmäßig eine kleine Korrektur. Natürlich werden die Patienten nicht vom Roboter operiert, sondern mit ihm. Jedenfalls noch. Während Elsen, der demnächst zum KRH Klinikum Robert Koch nach Gehrden wechselt, dies mit einem Schmunzeln erzählt, lauschen ihm mehrere Dutzend Frauen und Männer im Hörsaal des Nordstadt-Klinikums in Hannover. Elsen berichtet ihnen nicht ohne Stolz, dass in Großburgwedel eines von deutschlandweit nur elf roboterarmunterstützten Systemen aus dem Hause Mako steht - für den präzisen Einsatz von Knieprothesen.

Dr. Marc Schult, Chefarzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Nordstadt-Klinikum, sieht einen großen Nachholbedarf beim Einsatz von Robotern in der Orthopädie.

Wir hinken ziemlich hinterher

Im Publikum sitzen nicht etwa schmerzgeplagte Patienten. Die Gäste haben vielmehr aller Wahrscheinlichkeit nach an diesem Tag bereits selbst am OP-Tisch gestanden. Sie sind vom Fach. Und doch ist vieles, was an diesem Abend über die Leinwand des Auditoriums flimmert, für sie neu.

„Wir hinken ziemlich hinterher.“ Diesen Satz hat Dr. Marc Schult, der kürzlich gekürte Chefarzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Nordstadt-Klinikum, als Gastgeber des Abends als Anlass für die Zusammenkunft seinen Gästen ins Stammbuch geschrieben. Widerspruch gab es nicht. Mit „Wir“ meint Schult insbesondere seine eigene Fachdisziplin. Während Robotersysteme wie DaVinci in der inneren Medizin derzeit massiv auf die Überholspur gehen, „hinkten“, und bei diesem Wortspiel bleibt Schult konsequent, ausgerechnet die Orthopäden hinterher. Mehr noch: Schult fürchtet, sein Fach könnte den Anschluss in der digitalen Welt verlieren.

Experten nutzen „Nordstädter Nachmittag“

Um seine eigene Begeisterung für die Vorteile digitaler Assistenzsysteme auch bei seinen Kollegen zu wecken, hat er im großen Verbund des Regionsklinikums Mitstreiter gesucht und diese als Referenten für den „Nordstädter Nachmittag“ eingeladen. Dieser vierteljährlich organisierte Fortbildungsnachmittag, der auch für andere Krankenhäuser der Stadt offen ist, gerät an diesem Tag allerdings nicht zur reinen digitalen Werbeveranstaltung. Denn so schnell will die menschliche Chirurgie dem elektronischen Kollegen Roboter nicht das Feld überlassen.

Dabei klingen die Vorteile erst einmal ziemlich überzeugend. Die Maschine ermüdet nicht, sagt Dr. Heiko Aselmann, Chefarzt der Allgemein- und Gefäßchirurgie am KRH-Standort Gehrden. In alle Richtungen bewegliche Instrumente erleichterten die Arbeit im Vergleich zu den starren Stangen der Laparoskopie. Ergonomisch fragwürdige Körperhaltungen entfielen, feinstes Arbeiten verlängere zwar die Gesamtdauer der Operation. „Aber am Ende des Tages ist man nicht so fertig“, sagt auch Prof. Dr. Arya Nabavi. Der Chefarzt der Neurochirurgie am Nordstadt-Krankenhaus ist zugleich Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Computer- und Robotorassistierte Chirurgie.

Computer brauchen klare Aufgabenstellung

Für Nabavi liegt die Herausforderung für die Zukunft nicht in der Frage, was alles programmiert werden könnte, sondern in der (noch ausbaufähigen) Fähigkeit der Medizin, vorher die richtigen Fragen zu stellen. Wenn digitale Assistenzsysteme beim Auslesen von Röntgenbildern heute zwar einen Bruch erkennen können, nicht aber den benachbarten Tumor, dann hapere es an der Aufgabenstellung für den Computer, betont der Chef-Neuroradiologe am Nordstadt-Krankenhaus, Dr. Jörg Hattingen. „Der Computer kann immer nur das finden, wonach wir vorher gefragt haben“, sagt er. Unumstritten klar von Vorteil sei das schier grenzenlose Fassungsvermögen eines Computers. „Der kann mal eben das Bild mit Tausenden anderen vergleichen und seine Schlüsse daraus ziehen.“ Vom menschlichen Chirurgen geführte Roboterarme rechneten das Zittern der eigenen Hand weg, sagt Schult. Sie können - wenn es das Netz erlaubt - sogar über Kontinente hinweg ferngesteuert werden. Wenn die entsprechende Technik vorhanden sei, so Aselmann, könne auch ein erfahrener Chirurg bei herausfordernden Eingriffen den (noch) unerfahreneren Kollegen buchstäblich über die Schulter in den Patientenbauch schauen und beratend zur Seite stehen. „Sie könnten damit in einem MRT operieren“, sagt Nabavi. Oder in den unwirtlichsten Umgebungen. Die Technik, die dem DaVinci das Instrument führe, sei dieselbe, mit der auch der Roboterarm der Raumstation ISS bewegt wird.

Der Roboter kennt keine Ethik

Und die Nachteile? Da wären zunächst einmal die Kosten zu nennen. Ein Roboterarm aus dem Hause Mako kostet eine Million Euro. Hinzu kommen beispielsweise beim DaVinci pro Jahr allein für die Wartung von Gerät und Software Beträge im fünf- bis sechsstelligen Bereich, so Aselmann.
All diese Systeme seien ein Mittel der Abwägung, betont Elsen. Grundlage beispielsweise für die präzise dreidimensionale Vorlage der Knieprothese sei eine computertomographische Aufnahme - „mit entsprechender Strahlenbelastung“. Die Idee, das Verfahren, das eine enorm gute Standfestigkeit des neuen Gelenkeinsatzes ermöglicht, auch auf Hüftprothesen auszuweiten, habe daher einen Haken. „Das CT würde dann das gesamte Becken treffen“, sagt Elsen - also keine so gute Idee für junge Menschen mit Kinderwunsch.

Und: Ein Roboter kennt keine Ethik. „Da stehen wir vor denselben Herausforderungen wie beim autonomen Autofahren“, sagt Nabavi. „Wer wird verklagt, wenn vom DaVinci eine Klammer in den Bauch fällt? Die Chirurgie? Der Gerätehersteller?“

Die letzte Entscheidung, was zu tun ist, müsse beim Menschen bleiben. Darin sind sich an diesem Nachmittag alle Referenten einig. Eine vollkommene Autonomie sei beim Autofahren vielleicht in sichtbarer Nähe, beim Operieren sei es (derzeit noch) der falsche Weg. Als Assistent jedoch sei der Roboter unschlagbar.

Die Mediziner überwachen am Bildschirm den Verlauf der Kniegelenk-OP.