Gesundheit mit mehr Versorgungsstruktur

Zum Wohl der Patientinnen und Patienten: Krankenhausärzte arbeiten in integrierten Versorgungsstrukturen eng mit niedergelassenen Medizinern zusammen.

Versorgungsmanagement
integriert Strukturen

„Im derzeitigen Gesundheitssystem steht die Behandlung akut kranker Menschen im Fokus, während Gesundheitsförderung und Prävention vernachlässigt werden“, kritisiert Dr. h. c. Helmut Hildebrandt. Der Vorstandsvorsitzende des Hamburger Unternehmens OptiMedis möchte das ändern – und setzt erfolgreich auf integrierte Versorgungsstrukturen.

Autorin: Katrin Schreiter
Fotos: Bente Stachowske/iStockphoto.com/alvarez/iStockphoto.com/Thomas_EyeDesign

Dr. Helmut Hildebrandt von OptiMedis in Hamburg engagiert sich seit vielen Jahren für den regionalen Aufbau von integrierten, sektorenübergreifenden und gesundheitsfördernden Gesundheitsnetzwerken. Was ein wenig sperrig klingt, lässt sich einfach erklären: „Zum einen geht es darum, die Barrieren zwischen der Versorgung bei niedergelassenen Ärzten und im Krankenhaus abzubauen. Jeder soll wissen, was der andere tut“, sagt der Gesundheitswissenschaftler. Das heißt: „Fachleute aus Praxis und Klinik stimmen sich untereinander besser ab, damit die Behandlung der Patienten so effizient wie möglich ist und Risiken, beispielsweise durch Doppeluntersuchungen oder Wechselwirkungen von Medikamenten, verhindert werden.“

Gesund bleiben dank optimaler und integrierter Versorgung

Zum anderen werden in dem von OptiMedis entwickelten Modell die Anreize im Gesundheitswesen umgekehrt – hin zu einem System, in dem die Gesunderhaltung der Menschen im Vordergrund steht. „Wir reagieren nicht nur auf vorhandene Erkrankungen, sondern tragen aktiv dazu bei, dass Gesundheit entsteht. Deshalb investieren wir viel in Prävention, Gesundheitsförderung, Aktivierung der Patienten und gezieltes Versorgungsmanagement, insbesondere bei chronisch Kranken. Wichtig sei in diesem Zusammenhang auch, „dass wir die Versorgung routinemäßig evaluieren“, erklärt Hildebrandt. So könne zeitnah bewertet werden, ob man die gesteckten Ziele erreiche und ob sich noch Potenzial biete.

Eine Entwicklung in Richtung integrierter Versorgung sei für ganz Deutschland wichtig, so Hildebrandt. „Unsere jetzige Gesundheitsversorgung wird den heutigen Anforderungen schon teilweise nicht gerecht – und erst recht nicht den zukünftigen. Denn im Vordergrund steht immer noch die Behandlung akut kranker Menschen.“ Die Förderung von Gesundheit und die Aktivierung der Menschen spielten bisher keine große Rolle, vor allem, weil die richtigen Anreize fehlten.

Vorsorge, wie hier in der Osteoporose-Prophylaxe, steht bei integrierten Versorgungskonzepten im Fokus.

Unnötige Krankenhausaufenthalte mit integrierter Versorgung verhindern

Deshalb orientiert sich die Finanzierung der zusätzlichen Strukturen innerhalb des Modells von OptiMedis auch am „erzielten Gesundheitsnutzen“. „Nur, wenn wir es schaffen, die Versorgung der Menschen zu verbessern, sie zu aktivieren, Strukturen effizienter zu machen und dadurch die Ausgaben der Krankenkassen zu senken, erhalten wir eine Vergütung“, sagt der Wissenschaftler und konkretisiert: „Wenn wir es zum Beispiel schaffen, durch bessere Koordination und Abstimmung unnötige und für Patienten belastende Krankenhausaufenthalte zu verhindern, spart das Kosten. Und wenn durch frühe Osteoporose-Prophylaxe Brüche und damit verbundene Krankenhausaufenthalte verhindert werden, ist das ebenfalls für die Patienten sowie für die Krankenkassen von Vorteil.“

Neben Ärzten und Therapeuten werden auch Vereine, Schulen, Betriebe und Kommunen in die Gesundheitsnetzwerke einbezogen und bei gesundheitsfördernden Aktionen unterstützt. „Denn Gesundheit hat ja auch oft eine soziale Komponente“, erklärt Hildebrandt. „Im Gesunden Werra-Meißner-Kreis, einem weiteren Netzwerk, das Anfang 2019 an den Start gegangen ist, gibt es zum Beispiel Gesundheitslotsen, die die Bevölkerung rund um das Thema Gesundheit beraten und passende Angebote für Bewegung, Ernährung oder soziale Unterstützung in der Region vermitteln.“

Die Versicherten nehmen die in den Gesundheitsnetzwerken zusätzlich geschaffenen Angebote sehr gut an. Hildebrandt: „Anhand von wissenschaftlichen Befragungen konnten wir im Modell ,Gesundes Kinzigtal' zeigen, dass Patienten seit ihrer Einschreibung in die Integrierte Versorgung gesünder leben, mehr über ihre Gesundheit wissen und zufriedener mit ihrer Versorgung sind.“

Zwei Praxis-Beispiele im Überblick

Die OptiMedis AG ist eine Management- und Beteiligungsgesellschaft. Ihr Schwerpunkt ist der Aufbau regionaler integrierter Versorgung gemeinsam mit Krankenkassen, Ärzten, Krankenhäusern und anderen Partnern. Das Unternehmen vernetzt die Partner, verhandelt Verträge, baut die nötigen Strukturen auf, übernimmt das Management und analysiert die Versorgungsdaten. Wird das Modell in die Praxis übertragen, wird es entsprechend an die regionalen Besonderheiten angepasst.

Gesundes Kinzigtal

Start des Gesundheitsnetzwerks: Der Vertrag läuft seit 2005 – ursprünglich für zehn Jahre, seit Januar 2016 ist er unbefristet verlängert.
Vertragspartner: AOK Baden-Württemberg und SVLFG (ehemals LKK) Baden-Württemberg haben einen Vertrag zur integrierten Versorgung mit der Gesundes Kinzigtal GmbH. Die Techniker Krankenkasse hat einen Vertrag für einen Teilbereich, ihre Versicherten können an ausgewählten Versorgungsprogrammen teilnehmen.
Gruppengröße: 33.000 Versicherte von insgesamt rund 70.000 Einwohnern.
Vertragsmodell: Die regionale Managementgesellschaft Gesundes Kinzigtal GmbH koordiniert im Rahmen eines Vertrages zur integrierten Versorgung die Behandlung der Versicherten der AOK und der SVLFG Baden-Württemberg, managt ein umfassendes Gesundheitsnetzwerk und organisiert den regelmäßigen Austausch über die Fach-, Berufs- und Sektorengrenzen hinweg – unter anderem über eine elektronische Patientenakte.
Ergebnisse: Gesundes Kinzigtal wird seit Jahren umfassend evaluiert, sowohl von externen universitären Einrichtungen also auch von OptiMedis. Die Ergebnisse zeigen laut Unternehmensangaben, dass die Ziele „besserer Gesundheitsstatus der Bevölkerung“, „mehr Zufriedenheit der Versicherten“ und „verbesserte Wirtschaftlichkeit der Versorgung“ erreicht werden.

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Gesunder Werra-Meißner-Kreis

Start des Gesundheitsnetzwerks: Januar 2019
Vertragspartner: BKK Werra-Meißner
Gruppengröße: In der Region leben 100.715 Einwohner. Die BKK Werra-Meißner hat einen Anteil von knapp 25 Prozent der gesetzlich Krankenversicherten.
Vertragsmodell: Die regionale Managementgesellschaft Gesunder Werra-Meißner-Kreis GmbH setzt eine integrierte, speziell abgestimmte Versorgung im nordhessischen Landkreis Werra-Meißner um und baut gemeinsam mit Partnern ein umfassendes Gesundheitsnetzwerk nach dem Modell von Gesundes Kinzigtal auf, um die Versorgung besser und wirtschaftlicher zu machen. Auch weitere Krankenkassen der Region sollen einbezogen werden.
Ergebnisse: Erste Ergebnisse sind aufgrund der kurzen Laufzeit im Jahr 2020 zu erwarten.

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Dr. h. c. Helmut Hildebrandt ist Vorstandsvorsitzender der OptiMedis AG. Der Apotheker und Gesundheitswissenschaftler hat langjährige Erfahrungen im Bereich der qualitativen Forschung (Medizinsoziologie) und konzeptionellen Arbeit in der Gesundheitsförderung und Organisationsentwicklung. Hildebrandt hat für die Weltgesundheitsorganisation an Präventionsprojekten mitgearbeitet und über 20 Jahre Krankenkassen, Verbände, Unternehmen sowie Einrichtungen der Gesundheitswirtschaft beraten.