Mit Musik gegen das Vergessen

Klang und Leben

Wenn Erinnerungen schwinden

„Wer sind Sie?“ Eine so kurze wie unschuldige Frage. Jeder darf sie stellen. Nur die Mutter ihrer Tochter nicht. „Mütter“, sagt Graziano Zampolin, „das sind die, die alles wuppen.“ Sie haben die ganze Arbeit erledigt, die Familie zusammengehalten, Wäsche gewaschen, Streit geschlichtet. „Wenn ein so nahestehender Mensch von Demenz betroffen ist, müssen wir die Rollen tauschen.“ Dann wird die Tochter zur Mutter, der Sohn zum Vater – und umgekehrt. „Doch das ist für die meisten Menschen schwierig zu verstehen“, so Demenzcoach Zampolin.

Autorin: Rebekka Neander
Fotos: Maike Helbig (3), iStockphoto.com/wildpixel

Demenzkranke verlieren nach und nach Fähigkeiten und Erinnerungen.

Graziano Zampolin weiß sehr genau, wovon er spricht. Er ist Lehrer für Pflegeberufe. Und – als Hobbygitarrist – Initiator und Mitbegründer des Musikprojekts Klang und Leben. Dessen Auftritte in Altenpflegeeinrichtungen holen Demenzkranke über die Musik ihrer Jugend wenigstens für den Moment ins Leben zurück. Und er ist Angehöriger eines psychisch Erkrankten. „Wenn ich früher gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich dem ganz anders begegnen können“, sagt Zampolin.

Was er meint, klingt banal. Und doch sind es weit klaffende Wissenslücken, die im familiären Umfeld oft zu Überforderung und damit einhergehend zu Aggression führen, wenn professionelle Hilfe fehlt. „Wenn wir über Krankheiten sprechen, und damit meine ich nicht nur Demenz, sprechen wir oft nur über Symptome“, klagt der ausgebildete Krankenpfleger, „aber nie über die Emotionen, die mit der Krankheit verbunden sind.“ Im Falle der Demenz: über die Angst, die der Verlust des Erinnerungsvermögens auslöst. Über die Verunsicherung ohne Ortsorientierung. Über die Aggression, die aus der Überforderung resultiert.

Graziano Zampolin ist Demenzcoach und Mitbegründer des Musikprojekts Klang und Leben.

Demenz löst Ängste aus

„Demenz ist nicht nur der Verlust des Kurzzeitgedächtnisses“, sagt Zampolin. Es ist auch das stetige Vergessen von Fertigkeiten bis hin zum Wortschatz eines erwachsenen Menschen. Wer in der Lage ist, sich in diese Situation empathisch und authentisch hineinzuversetzen, könne nachfühlen, in welcher emotionalen Welt sich erkrankte Menschen befinden. Dann kann Verstehen gelingen - und zum Beispiel die Erkenntnis wachsen, dass das Nichterkennen nicht persönlich gemeint ist. Dass sich das Gefühl, zu Hause zu sein, auch bei noch so guter Betreuung an keinem Ort einstellen wird, der nicht das frühere Elternhaus ist. „Und dass man diesen Menschen niemals böse sein kann, egal, was passiert.“

Zampolin hat eine Zeit lang in vielen der Pflegeeinrichtungen, die er mit Klang und Leben besucht hat, dank einer Spende der Sparkasse Hannover auch Fortbildungen für das Betreuungsteam angeboten. Die meisten Sozialarbeitenden erlebte er dabei verhältnismäßig gut ausgebildet. Defizite sieht er vornehmlich bei den jüngeren Pflegekräften, „die einfach zu wenig wissen über die Zeit, in der heute hochbetagte und an Demenz Erkrankte geistig zu Hause sind“. Biografiearbeit helfe viel. „Im Zweifel aber gelingt ein Abholen auch für Angehörige immer durch das Erzählen eigener Kindheitsgeschichten“, sagt Zampolin und lacht. „15-Jährige haben doch im Grunde zu jeder Zeit die gleichen Abenteuer erlebt.“

Oliver Perau singt mit Betroffenen und ebnet ihnen damit den Weg zurück zu verschütteten Momenten.

Das Musikprojekt Klang und Leben

Seit 2013 tourt das Musikprojekt Klang und Leben auf Initiative von Graziano Zampolin durch Alten- und Pflegeheime. Was in und um Hannover begann, hat sich aufgrund des großen Erfolges längst über Niedersachsen hinaus ausgedehnt. Inzwischen geben die Musiker um Zampolin und den Terry-Hoax-Sänger Oliver Perau rund 60 Konzerte pro Jahr. Finanziert wird das Projekt, für das ein Verein gegründet wurde, vornehmlich mithilfe von Spenden. So sehr den von Demenz Betroffenen die Musik in diesem Moment auch zugutekommt: Zampolin reicht dies nicht mehr. Er sucht nach einem Konzept, den Effekt der Musik nachhaltiger in den Pflegeheimen zu implementieren. „Ich würde mir deshalb wünschen, dass sich Sponsoren künftig auch gezielt für Schulungen der Betreuenden finden lassen.“

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