Adipositas: In der MHH finden Patienten Hilfe

Eine Umstellung dauert das ganze Leben

Die Zahlen sind alarmierend: Mehr als 20 Prozent der deutschen Bevölkerung hat einen Body Mass Index (BMI, wird nach der Formel Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch Größe zum Quadrat berechnet) von 30 oder mehr. Das bedeutet die Diagnose Adipositas oder auch Fettsucht – Tendenz vor allem bei Erwachsenen steigend.

Autorin: Susanna Bauch Fotos: Katrin Kutter / iStockphoto/Tatiana
Die Ursachen für extremes Körpergewicht sind vielseitig, „in den überwiegenden Fällen gelangt einfach mehr Energie in den Körper, als wieder herauskommt“, sagt Prof. Martina de Zwaan, Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) sowie Präsidentin der Adipositas-Gesellschaft, die sich zudem auf psychische Störungen im Zusammenhang mit Adipositas spezialisiert. Für Adipositas gebe es durchaus eine genetische Veranlagung, aber nur wenige Fälle sind ausschließlich genetisch bedingt“, so Prof. de Zwaan. In den meisten Fällen allerdings können die Patienten ihre Nahrungszufuhr nicht kontrollieren. „Ich sehe das auch als Zivilisationskrankheit, die durch unserer Umfeld begünstigt wird“, betont de Zwaan. Nahrungsmittel seien rund um die Uhr im Überfluss verfügbar, vor allem die eher ungesunden seien dazu noch extrem günstig. „Der Mensch ist biologisch so angelegt, dass er isst, sobald Nahrung zur Verfügung steht.“ Zudem müssten sich die Menschen heute nicht mehr viel rühren. „Bus, Bahn, Auto, Rolltreppe, Fahrstuhl – das alles führt zu weniger Bewegung.“

Umstellung gilt lebenslang

In früheren Zeiten war das Ansetzen von Fett ein Überlebensvorteil. Hungersnöte hat es hierzulande seit dem Zweiten Weltkrieg allerdings nicht mehr gegeben. Der Mensch ist ein guter Futterverwerter, in Zeiten des Überflusses müsste er sich kognitiv sehr zurückhalten mit dem Essen. „Das schaffen viele nicht“, sagt die Medizinerin. Sie sieht als effektivste präventive Maßnahme gegen Adipositas, erst gar nicht dick zu werden. „Es gibt zwar jede Menge Therapien und Möglichkeiten auch stärkeres Übergewicht loszuwerden, allerdings bedeutet so eine Umstellung eine lebenslange Kontrolle – und das machen sich viele Patienten nicht bewusst.“ Für eine bestimmte Zeit schafften es viele Menschen, auf Gewohnheiten und Verlockungen zu verzichten. Um einen dauerhaften Effekt zu erzielen, müsse dieses Verhalten aber ein Leben lang greifen. De Zwaan setzt darauf, dass von politischer Seite regulierend eingegriffen wird, um präventiv erfolgreicher zu sein. „Die Zuckerreduktionsstrategie sowie das Kennzeichnen von Lebensmitteln mit einer sogenannten Ampel sind erste Schritte, reichen uns aber noch nicht.“ Solange eine Umsetzung freiwillig sei, würden die Maßnahmen nur wenige Verbraucher erreichen.

Adipositas begünstigt 60 Folgeerkrankungen

Rund 400 bis 500 Patienten mit Adipositas werden jährlich in der MHH vorstellig, um mit entsprechender Therapie und Versorgung ihr Gewicht dauerhaft zu reduzieren. Und dabei Folgeerkrankungen entgegenzuwirken. „Rund 60 Krankheiten werden durch Adipositas begünstigt“, betont de Zwaan. Dazu zählen Diabetes Typ 2, Gelenkerkrankungen, Herz-Kreislauf-Störungen, ein gestörter Fett- und Cholesterinhaushalt sowie auch Krebserkrankungen, die etwa das Viszeralfett in der Bauchregion befördert. Aufklärung alleine reicht nicht, um das Verhalten von Patienten mit Adipositas zu verändern, glaubt de Zwaan. Es müsse vielmehr radikalere Vorschriften geben, wie etwa in Großbritannien, wo die Zuckersteuer auf Getränke um ein Vielfaches erhöht wurde. Dass Menschen sich möglichst gesund und kalorienbewusst ernähren sowie Sport treiben sollen, ist allgemein bekannt. „Nur Bewegung wird einem Adipositas-Patienten allerdings nicht viel nutzen. Allein durch Sport geht das Gewicht nicht ausreichend runter“, so die Expertin. Kalorien müssten eingespart und ständig kontrolliert werden.
Chronische Erkrankung mit hoher Rückfallrate: In der Psychosomatischen Ambulanz der MHH widmet sich Prof. Martina de Zwaan Patienten mit Adipositas

Tickende Zeitbomben

Verschiedene individuelle Temperamente wirken sich zudem auf Fettleibigkeit aus. Wer in seinem Leben eher beherrscht und kontrolliert ist, läuft weniger Gefahr, sehr viel Gewicht zuzulegen, als der impulsive Typ. „Diesen Menschen fällt es schwerer, konsequent zu sein.“ Auch wenn Adipositas mit einer Depression einhergeht, ist es schwer für die Patienten, diesen Kreislauf zu durchbrechen. „Motivation und Energie fehlen dann – für alles“, sagt de Zwaan. Die Medizinerin plädiert allerdings dafür, die Ergebnisse des persönlichen BMI nicht auf die Goldwaage zu legen. „Bis zu einem BMI von 30 ist eine Gewichtsabnahme nicht unbedingt erforderlich, da muss man sich keinem angeblichen Schönheitsideal beugen.“ Allerdings müsse darauf geachtet werden, dass dieser Wert nicht steige. „Bei einem BMI von 40, 50 oder sogar 60 sehe ich Patienten als tickende Zeitbomben mit einem sehr hohen Risiko für Folgeerkrankungen.“ Mittlerweile gebe es einige Medikamente, deren Wirksamkeit hinsichtlich einer Appetitzügelung oder Verwertbarkeit von Energiezufuhr nachgewiesen ist. „Die sind verschreibungspflichtig, müssen aber vom Patienten selber gezahlt werden.“ Die Krankenkassen hätten das Krankheitsbild Adipositas noch nicht in der Hinsicht in ihren Leistungskatalog aufgenommen, dass Kosten für eine Medikation erstattet würden.

Operation als letzter Ausweg

Viele betroffene Patienten entscheiden sich auch für eine Operation, bei der in der Regel der Magen verkleinert wird. „Das ist natürlich ein großer Eingriff mit den üblichen Risiken, aber diese OP finanzieren die Kassen auf Antrag in der Regel mit“, erläutert de Zwaan. Die operierten Patienten würden kontinuierlich ab- und auch seltener wieder zunehmen. „Mit Idealgewicht ist aber auch nach einem Eingriff nicht zu rechnen.“ De Zwaan und ihr Team widmen sich an der MHH auch Patienten, die unter Binge-Eating, sogenannten Essanfällen, leiden. Vergleichbar in den Grundstrukturen mit einer Bulimie, nur dass diese Menschen das Gegessene nicht wieder herausbringen, so die Professorin. „Menschen, die auf diese Weise oder durch Depressionen dick werden, kann therapeutisch gut geholfen werden“, betont de Zwaan. Vielen Betroffenen allerdings fehle das Problembewusstsein für ihre Krankheit, wenngleich sie Stigmatisierung und Folgeerkrankungen ausgesetzt sind. „Einen gesunden adipösen Menschen gibt es nicht, und wenn, dann ist das nur ein Übergangsphänomen.“ In der psychosomatischen Ambulanz der MHH bekommen überwiesene Patienten zunächst ein Erstgespräch sowie eine Empfehlung – Spezial-Gruppentherapie mit Ernährungsberatung, Sport und Verhaltenstherapie, Medikamente, (teil)-stationäre Aufnahme. Prof. Martina de Zwaan und ihr Team erstellen auch die geforderten psychologischen Gutachten für eine OP. „Adipositas ist eine Erkrankung, bei der eine Therapie die Regelversorgung sein muss – eine chronische Erkrankung mit hoher Rückfallrate.“

Die MHH-Klinik für Psychosomatik deckt das gesamte Fachgebiet der Psychosomatik für erwachsene Patienten ab. Hierzu gehören insbesondere Depressionen, Angsterkrankungen, somatoforme Störungen, Persönlichkeitsstörungen sowie typische psychosomatische und somato-psychische Erkrankungen. Eine ausgesprochene Fachkompetenz besteht zudem im Hinblick auf psychische Störungen im Zusammenhang mit Adipositas und bei Verhaltenssüchten. „Leichter durchs Leben" ist ein interdisziplinäres, ambulantes Behandlungsprogramm der MHH gegen Übergewicht. Die Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie bietet zusammen mit der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie und der Klinik für Rehabilitationsmedizin ein interdisziplinäres, ambulantes Behandlungsprogramm der MHH gegen Übergewicht. Die Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie bietet zusammen mit der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie und der Klinik für Rehabilitationsmedizin ein interdisziplinäres Behandlungsprogramm gegen Adipositas (krankhaftes Übergewicht) an.