Ärzte-Hopping verursacht hohe Kosten

Medizinische Versorgung

Ärzte-Hopping: Wenn Patienten von Praxis zu Praxis tingeln

Mark Barjenbruch, Vorsitzender des Vorstandes der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), kritisiert Patienten, die zu oft zu verschiedenen Fachärzten gehen und damit unnötige Kosten verursachen. Im Interview erklärt der Jurist, warum sich das ändern muss und welche Lösungen es dafür gibt.

Autorin: Katrin Schreiter
Fotos: iStockphoto.com/vm; Sebastian Gollnow (Porträt)

Herr Barjenbruch, wechseln Sie nicht auch mal Ihren Hausarzt?

Mark Barjenbruch: Ich gehe immer noch in die Praxis, in die ich schon als Kind gegangen bin. Mittlerweile müsste es der Enkel des damaligen Arztes sein, der mich behandelt

Das handhaben andere Patienten nicht so: Sie holen sich verschiedene medizinische Meinungen ein. Man spricht vom Ärzte-Hopping, das stark kritisiert wird. Was steckt dahinter?

Mark Barjenbruch: Ein Beispiel: Ein Mann hat Magenschmerzen. Er konsultiert den Hausarzt, geht danach zum Internisten und dann noch zu zwei Gastroenterologen. Alles ohne Überweisung eines Haus- oder Facharztes. Die Gesundheitskarte wird von einigen Patienten wie eine Flatrate eingesetzt. Das verursacht unnötige Kosten

Aber ist es nicht das gute Recht des Patienten?

Mark Barjenbruch: Es geht nicht darum, das Recht der freien Arztwahl der Patienten einzuschränken. Ich kritisiere die ungesteuerte Tour durch das Gesundheitswesen. Jeder will sofort den besten Spezialisten der Welt haben. Das scheint eine typische Entwicklung der modernen Zeit zu sein, bei der die Ärzte Leidtragenden sind.

Warum?

Mark Barjenbruch: Wir erhalten für eine Behandlung ein bestimmtes Budget von den Krankenkassen. Dieses Budget steigt nicht an, wenn Patienten mehr Leistungen abfordern. Beim Ärzte-Hopping sinkt logischerweise die Vergütung – jeder der konsultierten Mediziner verdient weniger.

Wie könnte man das regulieren?

Mark Barjenbruch: Meiner Meinung nach benötigen wir eine Grundsteuerung. So könnte zum Beispiel für den Patienten die erste Behandlung kostenfrei sein, weitere Konsultationen ohne Überweisung müsste er dann selbst tragen bzw. über eine Versicherung zusätzlich absichern.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) bezeichnet die geplanten Zusatzkosten für Patienten als „Strafzahlungen durch die Hintertür“.

Mark Barjenbruch: In vielen anderen Lebenssituationen müssen die Menschen auch für einzelne Leistung zahlen – zum Beispiel, wenn sie sich einen Anwalt nehmen. Und nochmal: Es geht nicht um den ersten Arztbesuch, sondern um das ungesteuerte Ärzte-Hopping.

Eine Zweitmeinung ist doch aber in vielen Fällen gut?

Mark Barjenbruch: Da muss man differenzieren. Die sogenannte Zweitmeinung für gesetzlich Versicherte gilt für den Eingriff an den Rachenmandeln und für die Entfernung der Gebärmutter. Als Satzungsrecht gibt es darüber hinaus auch für andere Diagnosen das Recht auf Zweitmeinung – zum Beispiel, wenn es um Hüft- oder Knie-OPs geht. Und dann existiert eben noch das gefühlte Recht auf Zweitmeinung, das zum Ärzte-Hopping führt.

Was sagen Sie in diesem Zusammenhang dazu, dass immer mehr Patienten in Notaufnahmen von Krankenhäusern gehen, obwohl sie gar keine medizinischen Notfälle sind.

Mark Barjenbruch: Das ist eine Parallelentwicklung zum Ärzte-Hopping. Der „Amazon-Effekt“: Patienten wollen ihren Termin beim Orthopäden sofort – und setzen sich mit ihren Rückenschmerzen gleich in die Notfallaufnahme einer Klinik, weil es da schneller geht. Sie wollen keine Termine bei niedergelassenen Ärzten abmachen. Diese Entwicklung geht oft zulasten der tatsächlichen Notfälle.

Zur Person

Mark Barjenbruch:

Mark Barjenbruch, Jahrgang 1967, hat in Hannover sowie Göttingen Rechtswissenschaften studiert und ist seit Anfang 2011 Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Barjenbruch ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Arztvermittlung über die Nummer 116117

Unter der Telefonnummer 116117 sind ab 2. Januar 2020 speziell geschulte Fachkräfte zu erreichen, die eine medizinische Ersteinschätzung vornehmen. Mithilfe einer dafür entwickelten Software fragen sie Anrufer nach ihren Beschwerden, um die Dringlichkeit einer Behandlung besser einzuschätzen und Patienten in die richtige Versorgung zu vermitteln. Das können Hausarzt, Facharzt oder Bereitschaftsdienst sein, aber auch die Notaufnahme eines Krankenhauses. Bei dieser Vermittlungsarbeit werden die 116117-Mitarbeiter von der neuen Software strukturiertes medizinisches Ersteinschätzungsverfahren für Deutschland (SmED) unterstützt. Diese Software dient mit einer Ersteinschätzung dazu, mit wenigen Fragen gefährliche Verläufe zu erkennen und von harmlosen Alltagsbeschwerden zu unterscheiden. Die 116117-Mitarbeiter vermitteln auch kurzfristig Arzttermine, wenn sich beispielsweise ein Anrufer noch am selben Tag bei einem Orthopäden oder Augenarzt vorstellen soll. Außerdem ist ab 1. Januar 2020 unter der Rufnummer auch die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigungen Niedersachsen zu erreichen, die vor vier Jahren eingerichtet wurden, um Patienten bei der Suche nach einem Arzttermin zu unterstützen. Die bisherige Telefonnummer entfällt damit.