Resse organisiert sich die Ärzte ins Dorf

Resse sichert die medizinische Versorgung vor Ort

Den Arzt ins Dorf locken

Telemedizin, Arztmobil, Förderprogramme – es gibt ganz unterschiedliche Möglichkeiten, um dem Medizinerengpass im ländlichen Raum zu begegnen. In Resse in der Gemeinde Wedemark konnte mit Unterstützung eines ganzen Dorfes eine neue Hausarztpraxis im 2700-Seelen Ort installiert werden.

Autorin: Katrin Schreiter Foto: Julia Gödde Polley; privat; iStock.com/Cecilie_Arcurs

Bürgerverein engagiert sich für den Fortbestand der Arztpraxis

Für Ortsbürgermeister Jochen Pardey ist die medizinische Versorgung ein wichtiges Argument, um das Wohnen in Resse attraktiv zu machen. Auch ein Lebensmittelmarkt konnte mithilfe der Einwohner gebaut werden. „Die Leute wollen nicht in einem Ort leben, in dem sie nicht zum Arzt gehen oder nicht einkaufen können“, sagt der Kommunalpolitiker. Ein Blick zurück: 2006 ging Resses praktizierende Ärztin in den Ruhestand. Die Praxis, die damals in einem Privathaus untergebracht war, schloss. Das aber wollten viele Dorfbewohner nicht tatenlos hinnehmen. Sie gründeten den Verein Bürger für Resse, der mittlerweile mehr als 400 Mitglieder zählt. Es wurden 40.000 Euro Spendengelder gesammelt, um einen Kredit aufnehmen zu können und ein leerstehendes Gebäude zu kaufen. Das Erdgeschoss wurde zur Praxis ausgebaut und zwei Ärzte nahmen zeitnah ihre Arbeit auf.

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Ortsbügermeister Jochen Pardey Foto: privat

Mediziner kommt aus dem benachbarten Heidekreis ­

Ende 2017 liefen dann die Verträge aus – und in Resse gab es plötzlich wieder keine ärztliche Versorgung mehr. Nach zahlreichen Kampagnen schaffte es der Verein erneut, ein Ärzteteam aus Schwarmstedt im benachbarten Heidekreis zu gewinnen, das die Praxis in Resse seitdem als Zweitpraxis betreibt. Geholfen hat bei diesem Vorhaben zum Beispiel die Aktion „Backen, bis der Arzt kommt“, bei der die Vereinsmitglieder selbst gebackenen Kuchen verkauften. Das Geld wurde für Werbekampagnen verwendet, um wieder einen Mediziner in die Ortschaft zu locken.

Zwei Sprechzimmer, ein Untersuchungsraum, ein kleines Labor, ein Wartezimmer sowie eine Toilette und einen Empfangsbereich mit Tresen – seit Februar diesen Jahres finden Patienten im ehemaligen Sparkassen-Gebäude an der Osterbergstraße wieder Gehör, wenn es um ihre gesundheitlichen Probleme geht.

Die Arztpraxis in Resse in der Wedemark Foto: Julia Gödde-Polley

Ein Stück Lebensqualität erhalten

Neues Team, gute Rahmenbedingungen: „Der Verein muss keine Rendite erzielen oder Gewinn machen“, erklärt Ortsbürgermeister Jochen Pardey die relativ günstige Miete für die Praxisräume. Und dennoch ist die Praxis noch nicht gesichert. „Das Problem sind nicht die Patienten, sondern die Absicherung mit den Ärzten“, erläutert Vitali Regan, der zurzeit in der Praxis als Allgemeinmediziner arbeitet. Der Ortsbürgermeister, der selbst auch im Vereinsvorstand aktiv ist, blickt trotz zwischenzeitlicher Schwierigkeiten positiv in die Zukunft: „Es nur eine Frage der Zeit, bis sich das medizinische Angebot wieder etabliert hat“, sagt der 62-Jährige, der die Praxisfiliale durchaus als Zukunftsmodell sieht. Doch die ärztliche Versorgung allein mache einen Ort noch nicht lebenswert, weiß Pardey: „Es geht um viele kleinen Bausteine.“ So habe der Verein vor einigen Jahren auch schon den Supermarkt für Resse gerettet – damals mit einem Genossenschaftsmodell. Und zurzeit plane man eine Pflegeeinrichtung, um die Lebensqualität im Dorf zu sichern. „Wir haben mittlerweile keine Leerstände mehr im Dorf. Im Gegenteil: Demnächst entsteht ein Neubaugebiet“, freut sich Pardey. „Die Leute wohnen gern hier.“

NIEDERSACHSEN SCHNEIDET NICHT GUT AB

Die Versorgung mit Hausärzten ist in Niedersachsen schlechter als in vielen anderen Bundesländern. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) sind 355 Hausarztsitze derzeit unbesetzt. Das betrifft vor allem die ländlichen Regionen. Mit 65,7 niedergelassenen Hausärzten pro 100.000 Einwohner nahm das Land Ende 2018 einen hinteren Platz ein. Noch weniger waren es nur in Westfalen-Lippe, Hessen und Sachsen-Anhalt.