„Niemand will für eine falsche Rechnung bezahlen“

Jörg Niemann, Leiter der vdek-Landesvertretung Niedersachsen, im Gespräch

„Zusätzliche Prüfungen haben Falschabrechnungen ans Licht gebracht“

Interview: Oliver Züchner Foto: vdek

Herr Niemann, wieso gibt es so viele falsche Abrechnungen? Liegt es an fehlenden ambulanten Behandlungsmöglichkeiten?

Jörg Niemann: Nein, das hat damit nichts zu tun. Es wird zu häufig zu schnell und zu lang stationär behandelt. Und es ist schon merkwürdig, wenn Behandlungen gerade so lange dauern, dass mehr abgerechnet werden kann. Darüber hinaus geht es aber auch um fehlende Qualifikationen für eine Behandlung oder abgerechnete Komplikationen, die es gar nicht gegeben hat. Zum Hauptbeitrag

Da entsteht den Kassen und damit den Versicherten doch großer finanzieller Schaden?

Jörg Niemann: Sagen wir mal, es sind oftmals großzügige Auslegungen zu Lasten der Versicherten. Entscheidend aber ist: Niemand will für eine falsche Rechnung bezahlen. Das gilt hier wie überall anders auch. Zudem geht es im Gesundheitswesen zusätzlich darum, im Interesse der Patienten auf die Einhaltung von Qualitätsstandards zu pochen.

Sie sprechen von einem Massenphänomen. Übertreiben Sie da nicht? ­

Jörg Niemann: Jede zweite Abrechnung, die wir geprüft haben, war falsch. Als wir dann häufiger geprüft haben, war immer noch jede zweite Rechnung falsch. Insofern: Nein, keine Übertreibung.

Wie hoch ist der Schaden?  

Jörg Niemann:  2016 mussten die Krankenhäuser den Krankenkassen der gesetzlichen Krankenversicherung 2,2 Mrd. Euro zurückerstatten, so eine aktuelle Schätzung des Bundesrechnungshofs, der sich dafür auf Unterlagen der Krankenkassen und des Medizinischen Dienstes MDK stützt. Der tatsächliche Schaden entsteht den Beitragszahlern durch den Prüfaufwand der Kassen, der 2016 bei 800 Millionen Euro lag.

In dem Gutachten kritisierte der Rechnungshof auch die unzureichende Kontrollpraxis der Kassen ...

Jörg Niemann: Deshalb sehen Kassen und MDK ja auch genauer hin. Es läge im Interesse sowohl der Krankenkassen wie auch der Krankenhäuser, wenn weniger falsch abgerechnet würde. Diesen Verwaltungsaufwand sollten sich beide Seiten sparen. Aber: Voraussetzung dafür wären richtige Rechnungen.

Würden nicht nur 15 Prozent, wie Sie angeben, sondern alle Abrechnungen geprüft, läge der Schaden bei mehr als 14 Mrd. Euro, bei GKV-Gesamtausgaben von über 70 Mrd. Euro. Können Sie diese Schätzung bestätigen?

Jörg Niemann: Eine solche Schätzung wäre übertrieben. Fakt ist: In der Vergangenheit haben zusätzliche Prüfungen zusätzliche Falschabrechnungen ans Licht gebracht. Es gibt aber natürlich auch viele Rechnungen, die unauffällig sind und deshalb nicht geprüft werden.