Mit Rückenschmerzen in die Notaufnahme?

Medizinische Versorgung

Neue Regelung soll Notaufnahmen entlasten

Ob vormittags, nachmittags oder abends: In die Notaufnahmen der Krankenhäuser der Region Hannover strömen immer mehr Patienten. Vor den Anmeldetresen bilden sich lange Schlangen. Ein Mann hält sich den Arm, eine Frau hustet, ein Kleinkind schreit. Nicht alle, die hierher kommen, sind tatsächlich als Notfälle einzustufen, wie sich im Behandlungszimmer später oft herausstellt. Eine Studie im Auftrag des Verbands der Ersatzkassen (vdek) hat diesen Trend bestätigt. Demnach könnte ein Drittel der jährlich elf Millionen ambulanten Notfälle in Deutschland auch von niedergelassenen Ärzten in Praxen behandelt werden.

Autor: Martin Scheele Fotos: iStock.com – deepblue4you, Gilaxia, vm

Hohes Patientenaufkommen

Auch das Klinikum der Region Hannover (KRH) verzeichnet in seinen Häusern eine stetige Zunahme von Notfallpatienten. „In allen unseren Notaufnahmen haben wir etwa 150 000 Patientenkontakte pro Jahr“, sagt Pressesprecher Steffen Ellerhoff. „Das Spektrum der Gründe, weshalb Menschen Hilfe in der Notaufnahme suchen, ist weit: Es reicht von leichten Infektionen der oberen Atemwege über den Schnitt am Finger bis zu Rückenschmerzen.“ Dass die Zahlen in den Notaufnahmen steigen, liegt laut Ellerhoff zum einen an dem sich wandelnden Patientenverhalten. Zum anderen hätten sich die Angebote im niedergelassenen Bereich verändert. Mit Notfallpraxen der Kassenärztlichen Vereinigung habe das KRH bereits auf das gestiegene Aufkommen reagiert. Die DIAKOVERE-Gruppe, zu der Friederiken-, Henrietten- und Annastift in Hannover gehören, bestätigt die Entwicklung. Rund 64000 Menschen suchen dem Unternehmen zufolge jährlich die Notaufnahmen in seinen Häusern auf. „Seit 2006 stellen wir eine Verdoppelung der Patientenzahlen fest - bei nahezu gleich gebliebenen Ressourcen. Gegenüber 2017 verzeichneten wir im Jahr 2018 noch einmal eine Steigerung von rund 5 Prozent“, sagt Unternehmenssprecherin Dunja Rose. Und sie fügt hinzu: „Rund ein Viertel der fußläufigen Notfallpatienten hätte auch durch einen erfahrenen Allgemeinmediziner erfolgreich behandelt werden können.“ Dieses Patientenverhalten ist einer der Faktoren, welche die finanzielle Misere der Kliniken verschärfen. Laut einer Studie der Beratungsfirma Roland Berger erwirtschaftet knapp ein Drittel der etwa 2000 Krankenhäuser hierzulande Verluste. Dies hängt auch mit dem System der ambulanten Notfallaufnahme zusammen. Durchschnittlich kostet die Behandlung eines Patienten rund 100 Euro, doch nur 40 Euro bekommen die Kliniken von den Krankenkassen später erstattet.

Viele Patienten kommen mit Beschwerden in die Notaufnahme, mit denen sie auch eine Arztpraxis zu den üblichen Öffnungszeiten aufsuchen könnten.

Minister legt Gesetzentwurf vor

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat mittlerweile einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die medizinische Notfallversorgung neu organisieren soll. Dieser sieht vor, dass alle Bundesländer telefonische Notfallleitstellen einführen. Außerdem soll es an allen Krankenhäusern Integrierte Notfallzentren (INZ) geben, die von den Kliniken und den Kassenärztlichen Vereinigungen gemeinsam betrieben werden. Dort entscheiden Mediziner nach einer Ersteinschätzung, ob Patienten in die Notaufnahme geschickt oder ambulant behandelt werden sollen.

Digitaler Datenaustausch

Der Gesetzentwurf sieht vor, die Nummer 112 für den Rettungsdienst und die Nummer 116 117, unter der der ärztliche Bereitschaftsdienst zu erreichen ist, zusammenzuführen. Auch die Rettungsdienste sollen neu geregelt werden. Die Versorgung am Notfallort und die eventuell erforderliche Rettungsfahrt könnten demnach voneinander unabhängige Leistungen werden. Rettungswagen sollen das jeweils für den Einzelfall geeignete Krankenhaus anfahren. Damit das funktioniert, müssen die erforderlichen Daten frühestmöglich übermittelt werden.

Der Gesetzentwurf trifft in weiten Teilen auf Zustimmung bei den Krankenhäusern der Region Hannover. „Insbesondere die Verpflichtung zum digitalen Datenaustausch zwischen den verschiedenen Leistungserbringern, die gezielte Patientensteuerung, die Stärkung der Länder in ihrer Planungsverantwortung für die Notfallversorgung sowie die systematische Einbindung des G-BA zur Sicherstellung bundesweit einheitlicher Rahmenbedingungen sind grundsätzlich positiv zu werten“, sagt Ellerhoff. Bei der praktischen Umsetzung sieht der KRH-Pressesprecher noch Schwächen. „Eher vage bleibt der Gesetzentwurf bei vielen praktischen Fragen zu Organisation der Zusammenarbeit, die erst im Nachgang durch Verträge zwischen den Spitzenverbänden oder auf der Ortsebene geregelt werden sollen.“

DIAKOVERE-Sprecherin Rose sagt: „Das Konzept der Integrierten Notfallzentren ist interessant, dauert aber in der Umsetzung viel zu lange. Hier gilt es, zeitnah Lösungen zu finden. Nicht zu unterschätzen ist der enorme Aufwand zur Lenkung der Patientenströme, etwa über die Rufnummer des kassenärztlichen Notdienstes.“ Ziel sollte sein, betont Rose, schnell und sicher die wirklichen Notfallpatienten herauszufiltern. Es gehe nicht darum, Patienten von medizinischen Leistungen fernzuhalten.

Die Notaufnahmen der Kliniken werden immer voller. Bereitschaftspraxen in Krankenhäusern sollen Abhilfe schaffen.

KRH richtet Notfallpraxen ein

Das KRH hat bereits an allen seinen Standorten die sogenannten KV-Notfallpraxen, also Notfalleinrichtungen der Kassenärztlichen Vereinigung, etabliert. Neben dem KRH-Haus in Großburgwedel gibt es dieses Angebot nun ebenso in den Kliniken Siloah und Nordstadt in Hannover, im Klinikum Robert Koch in Gehrden sowie in den Krankenhäusern in Lehrte und Neustadt am Rübenberge. „In diesen Praxen sind Patienten mit leichteren Erkrankungen und Verletzungen außerhalb der regulären Praxisöffnungszeiten richtig, um Hilfe zu erfahren“, sagt Ellerhoff. Im Krankenhaus Siloah etwa öffnet die Bereitschaftsdienstpraxis montags, dienstags und donnerstags jeweils von 19 bis 24 Uhr, mittwochs und freitags jeweils von 16 bis 24 Uhr und an den Wochenenden und Feiertagen jeweils von 9 bis 24 Uhr.

„Die kassenärztlichen Bereitschaftsdienstpraxen werden von den Patienten gut angenommen“, sagt Detlef Haffke, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. „Auch die Mitarbeiter des Krankenhauses schätzen die Bereitschaftsdienstpraxen. Sie bringen eine deutliche Entlastung für die Notfallaufnahmen der Krankenhäuser. So können die Mitarbeiter Patienten mit weniger akuten Leiden zu den Betriebsstunden in die kassenärztliche Bereitschaftsdienstpraxis leiten.“

Das Gesetz

Das neue Gesetz des Bundesgesundheitsministeriums schafft gemeinsame Notfallleitstellen, die unter 112 oder 116117 erreichbar sind. Diese sollen künftig die Verteilung der Patienten in medizinischen Notsituationen übernehmen. Ein Rettungsdienst, ein Integriertes Notfallzentrum oder eine Arztpraxis übernehmen nach deren Einschätzung die Versorgung. Die Kassenärztlichen Vereinigungen und Krankenhäuser erhalten den Auftrag, ebenjene Integrierten Notfallzentren einzurichten und zu betreiben. Dort soll es eine zentrale Anlaufstelle geben; der ärztliche Bereitschaftsdienst der KV und die zentrale Notaufnahme des Krankenhauses werden ebenfalls integriert. Bereits im Rettungswagen wird entschieden, welches Krankenhaus anzusteuern ist. Die digitale Dokumentation sowie eine bundesweite Echtzeitübertragung der bestehenden Versorgungskapazitäten liefern dazu entscheidende Daten.