Die Dosis macht das Gift

Die Fachstelle für Mediensucht hilft jungen Menschen, das richtige Maß bei der Computernutzung zu finden

Die Dosis macht das Gift

In seiner schlimmsten Phase war Chris wochenlang nicht draußen. Die Schmutzwäsche türmte sich in seinem Zimmer im Studentenwohnheim, eine Zeit lang hat er sich von einer Mischung aus Mehl und Butter ernährt. „Ich wusste nicht mehr was real ist, hatte keine Freunde und Hobbies mehr, sondern habe 16 bis 18 Stunden im Dunklen vor dem Computer gehockt und gedaddelt.“ Chris hat nicht nur körperlich abgebaut in dieser Zeit, „ich konnte nicht mehr denken, nicht mehr richtig leben. Irgendwie habe ich alle Farben verloren.“

Autorin: Susanna Bauch
Foto: iStock.com/monkeybusinessimages

Die Fachstelle für Mediensucht hilft jungen Menschen, das richtige Maß bei der Computernutzung zu finden

Die Dosis macht das Gift

In seiner schlimmsten Phase war Chris wochenlang nicht draußen. Die Schmutzwäsche türmte sich in seinem Zimmer im Studentenwohnheim, eine Zeit lang hat er sich von einer Mischung aus Mehl und Butter ernährt. „Ich wusste nicht mehr was real ist, hatte keine Freunde und Hobbies mehr, sondern habe 16 bis 18 Stunden im Dunklen vor dem Computer gehockt und gedaddelt.“ Chris hat nicht nur körperlich abgebaut in dieser Zeit, „ich konnte nicht mehr denken, nicht mehr richtig leben. Irgendwie habe ich alle Farben verloren.“

Autorin: Susanna Bauch
Foto: iStock.com/monkeybusinessimages

Fachstelle verfolgt präventiven Ansatz

Dass Chris Konsole und Computer mittlerweile kaum Beachtung mehr schenkt, eine Ausbildung und damit ein geregeltes Leben begonnen hat, hat er nicht zuletzt Return zu verdanken, der Fachstelle für Mediensucht in der Nordstadt. Eberhard Freitag und Lucas Göbel gehören hier zum Team, das sich seit elf Jahren Prävention und Problematik von Mediensucht widmet. Hier geht es weniger um Medienkompetenz, sondern um Maßnahmen und Verhalten, die vorbeugend wirken. Obsessive Nutzer vom Bildschirm wieder wegzubekommen, bedarf einer enormen Anstrengung. „Das ist ein Feld ohne klare Diagnose“, betont Sozialarbeiter Lucas Döbel. Das Internet sei nicht grundsätzlich das Problem, der Inhalt allerdings schon.

Schwerpunkt Zocken und Pornografie bei den Jungen

„Außerdem macht die Dosis das Gift“, sagt Sozialpädagoge Eberhard Freitag. Die Schwerpunkte des medialen Suchtverhaltens liegen bei Return in den Bereichen Computerspiele, Online-Kaufsucht und immer öfter auch Pornografie. Der Großteil dieser User sind junge Männer, „allerdings verbringen Mädchen mittlerweile mindestens genauso viel Zeit im Netz – an ihren Smartphones mit Social Media oder sie gucken Serien in Dauerschleife“, sagt Döbel. Im Zocken seien die Jungs vorne, beim Kampf um Aufmerksamkeit die Mädchen.

Fließender Übergang zum Suchtverhalten

Der Übergang von reiner Computernutzung zur Sucht ist fließend. „Die Eltern werden oft hellhörig, wenn die Kinder ihr soziales Leben vernachlässigen“, meint Eberhard Freitag. Wenn Interessen nachlassen, Hobbies, Freunde, Schule und schließlich auch das Äußere und die Mahlzeiten nicht mehr wichtig seien, wird das Spielen am PC pathologisch. „Jungen merken zwar oft, dass sie das reale Leben irgendwie verlassen, aber sie verdrängen es total“, so Döbel. Dosissteigerung sei die Folge genau wie soziale Abgrenzung, körperliche Symptome wie Unruhe oder Herzrasen kommen dann hinzu. „Keiner wollte mehr etwas mit mir zu tun haben“, sagt Karim. Der 18-Jährige hat sich jahrelang in der „Fortnite“-Welt verloren. „Ich hatte an nichts mehr Interesse und keiner hatte mehr Interesse an mir.“ Irgendwann hat er gemerkt, dass er etwas verändern muss. „Aber alleine schafft man das nicht.“

Eberhard Freitag und Lucas Döbel

Zuwendung statt Social Media

Bei Return gibt es eine große Schublade voller Spielkonsolen. „Alle von Leuten, die Schluss machen wollen mit dem dauernden Computerspielen“, sagt Döbel. Für Professor Christoph Möller, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Kinderklinik auf der Bult, ist es daher besser, den Nachwuchs so spät wie möglich mit Smartphone, Computer und Co. alleine zu lassen. „Frühe Medialisierung halte ich für gefährlich. Kinder sind analoge Wesen, die erst mal eine umfassende Sinnesbildung entwickeln und Liebe sowie Zuwendung erfahren müssen.“ Vor allem in der Vorschulzeit habe daher seines Erachtens ein Smartphone nichts zu suchen, Möller hält auch nichts von digitalen Bildschirmmedien in Grundschulen. Und auch zu Hause müsse es nicht unbedingt ein eigenes Gerät sein, ergänzt Freitag. „Wenn die Kinder eines der Eltern ausleihen dürfen, ist die Nutzungszeit automatisch begrenzt.“

Social Media seien eine tolle Ergänzung für den Alltag, aber Kinder und Jugendliche müssten sich erst entfalten, bevor sie es sinnvoll nutzen könnten, meinen Freitag und Döbel. „Prävention bedeutet auch, dass nur etwas zur Verfügung gestellt wird, was an den Reifegrad der Kinder angepasst ist“, betont Freitag. „Jedes Jahr, in dem das digitale Fass zubleibt, ist ein gewonnen Jahr.“ Aber oft hätten auch Eltern Probleme, die digitale Nabelschnur zu kappen. „Das ist kein Gewinn, sondern eher Überforderung“, so Freitag. Die auf lange Sicht auch das Gesundheitssystem belastet – Therapien kosten.

Frustration aushalten

Luca Döbel findet es in Sachen Prävention besonders wichtig, dass Eltern die Bedürfnisse ihrer Kinder im Blick behalten. „Sich Zeit nehmen, möglichst nah an den Kindern dran sein und auch mal aushalten, wenn es nach einem Nein frustriert ist.“ Ziel sei nicht, jede Mediennutzung wegzulassen. Allerdings sollte dem Konsum ausreichend reales Leben entgegengesetzt werden. „Persönlichkeit entwickelt sich im Miteinander“, meint auch Professor Möller. Kinder und Jugendliche müssten Gefühle wie Wut, Glück, Belohnung persönlich erleben, Kommunikation lerne man nicht im Internet. „Medienkompetenz beginnt mit Medienabstinenz.“

Fachstelle Mediensucht Return

Ausstieg unter Aufsicht

Seit 11 Jahren gibt es die Fachstelle Mediensucht Return. Sie finanziert sich durch Honorare, Spenden und Zuwendungen von Unterstützern wie der Sparkasse Hannover oder der Region.

Return bietet Beratung und Information zur Medienerziehung, Abenteuer-Events und Beratung für Jugendliche, Gruppenangebote und Therapie für Betroffene und deren Angehörige sowie Weiterbildung für therapeutische Fachkräfte. In den vergangenen Jahren hat das Team die Erfahrung gemacht, dass neben Computerspielen die Sucht nach pornografischen Inhalten im Netz zugenommen hat. Außerdem wenden sich Eltern immer jüngerer Kinder an die Fachstelle.

Schon Sechs- bis Siebenjährige haben daher zunehmend ein Problem mit ihrem Medienkonsum, insgesamt zeigen rund 3 Prozent der Kinder und Jugendlichen ein mediales Suchtverhalten, Tendenz steigend. Sie werden bei uneingeschränktem Netzzugang mit Inhalten konfrontiert, die außerhalb ihres Beurteilungsvermögens liegen, wie Pornos und Gewaltdarstellungen. Return bietet Eltern und pädagogischen Fachkräften Arbeitshilfen an. Seit der Gründung der Arbeit in 2008 begleitet die Einrichtung zudem Menschen, die aus Medienabhängigkeit aussteigen wollen.