Vernetztes Lernen an der Oberschule Gehrden

Penne voll vernetzt

Autor: Oliver Züchner

Die Oberschule Gehrden zeigt die Zukunft des Lernens

Hassmails und Fake News im Unterricht thematisieren? In der Oberschule Gehrden kein Problem! Die Schüler können im Unterricht mit ihren Tablets auf die Suche gehen. Dem Romanautor etwas zu seinem neuen Werk fragen? Auch kein Problem! Noch im Unterricht schreibt ein Schüler die Mail, während die Mitschüler im Netz durch die Roman-Rezensionen wühlen.

„Wir sind mit den Computern viel flexibler in der Gestaltung des Unterrichts geworden“, sagt Carsten Huge. „Vor allem sind die Kinder viel aktiver und kreativer geworden.“ Der 52-jährige Leiter der Oberschule Gehrden hat mit seinem 80-köpfigen Kollegium erreicht, wovon andere Schulen träumen und Politiker reden: eine voll vernetzte Schule, ausgestattet mit modernster Medientechnik.

Jeder der derzeit knapp 650 Schüler verfügt über einen (von den Eltern angeschafften) Tablets, in jedem Klassen- und Fachraum sind Monitore und elektronische Tafeln installiert. Und natürlich sind alle Geräte über ein schuleigenes drahtloses Netz untereinander und mit dem schnellen Internet verbunden.

Zusammenspiel von Technik und Didaktik

Der Weg zur „digitalen“ Schule war lang. 2008 ging es los. „Damals hatten wir noch Notebooks, die sich als unpraktisch erwiesen. Das Hochfahren der Geräte im Unterricht kostete zu viel Zeit und die Wartung war zu aufwändig“, sagt Huge. Die digitale Schule war für Lehrer, Schüler, Eltern und Schulträger ein langer Lernprozess.

Denn wie sich Lernen und Leben durch die neue Technik verändern, das konnten sich alle Beteiligten bestenfalls ansatzweise vorstellen. „Das ganze Kommunikations- und Lernverhalten hat sich verändert und zwar zum Positiven“, sagt Huge. „Die Schüler bringen sich heute in einem viel, viel höheren Maß aktiv in den Unterricht mit ihren Ideen ein, die sie auch außerhalb der Klassenzimmer diskutieren: auf dem Flur, dem Schulhof und auch zu Hause.“

Schneller als die anderen

Eigentlich verwunderlich, dass die Durchsetzung moderner Medien- und Kommunikationstechnik in den Schulen so zäh verläuft. Ein Gymnasium in Hannover-Südstadt hat gerade erst beschlossen, einen Arbeitskreis zum Thema zu gründen – elf Jahre nach Projektstart in Gehrden.

Leider fehlt es nach wie vor am Geld. Der fünf Milliarden Euro schwere „Digitalpakt“ zur bundesweiten Nachrüstung ist derzeit aufgrund der Streitigkeiten zwischen Bund und Ländern auf Eis gelegt. Bleibt das Interesse der Wirtschaft. Die Deutsche Bahn und vor allem Volkswagen haben das Projekt von Beginn an begleitet.

Ausbilder beider Unternehmen hospitierten regelmäßig in der Schule, um vom Kollegium zu lernen, wie man lehrt – und von den Schülern, wie man lernt. „Das war eine Win-win-Situation“, sagt Huge. „Die Unternehmen konnten die Arbeit ihrer Ausbildungswerkstätten modernisieren, die Kollegen bekamen Anregungen, wie sie den Unterricht praxisbezogener gestalten können. Und unsere Schüler haben bessere Chancen auf einen Ausbildungsplatz.“

Zu sehr – das wird aus Huges Worten deutlich – konzentriert sich Schule noch heute auf die Vermittlung von Informationen, die in Tests und Klassenarbeiten reproduziert werden. „Tatsächlich müssen Schüler darauf vorbereitet werden, sich auf neue Sachverhalte einzustellen, Informationsressourcen sinnvoll zu nutzen und im Team zusammenzuarbeiten“, betont Huge.

Es geht um das tiefere Verständnis von Zusammenhängen, den Umgang mit einer immer komplexeren Welt. Das umzusetzen „ist in der noch immer eher konservativ geprägten deutschen Bildungslandschaft eine große Herausforderung“, so der Schulleiter. Digitalisierung ist für ihn kein Ziel, sondern Mittel zum Zweck.