Quereinsteiger im Lehrerberuf

Quereinsteiger im Lehrerberuf

Eigentlich haben sie einen anderen Beruf ergriffen – und sind dann doch über Umwege im Lehramt gelandet. An Niedersachsens Schulen werden immer mehr Quereinsteiger eingestellt. Wie ist es, plötzlich vor einer Klasse zu stehen?

Autorin: Garmin Wendt

Schwieriger Einstieg

„Das war ein echter Kulturschock.“ So beschreibt Barbara Hahne ihre ersten Monate als Lehrerin. Die 42-Jährige ist promovierte Geophysikerin und war jahrelang in der Forschung tätig. Mit Ende 30 suchte die dreifache Mutter nach einer Veränderung. „Ich hatte nach Vorträgen oft gehört, dass ich gut erklären könnte“, erzählt sie. In Niedersachsen ist der Quereinstieg über zwei Wege möglich: direkt oder über ein Referendariat. Sie entschied sich für das Referendariat, den längeren Weg. „Ich wollte das pädagogische Handwerkszeug lernen“, sagt sie.

Und trotzdem war der Einstieg schwer. „Das war der Hammer, ich musste viel Lehrgeld bezahlen“, erinnert sich Hahne. Mathe und Physik – nicht gerade die beliebtesten Fächer unterrichtet sie im Realschulzweig der Südstadtschule. „Ich bin am Anfang manchmal echt aufgelaufen. Da sitzen 26 Pubertierende und es hört einem keiner zu.“ Zwar habe sie im Seminar viele Tipps mitbekommen, wie man eine Klasse zur Ordnung bringt, am Ende müsse aber jeder seinen persönlichen Weg finden, sich durchzusetzen. „Den zu finden geht nur mit Erfahrung und durch Ausprobieren.“

Mittlerweile ist die Geophysikerin in ihrem zweiten Schuljahr als Lehrerin und kann viele positive Erlebnisse verbuchen. „Es ist immer schön zu sehen, wenn die Schüler ein Aha-Erlebnis haben – wenn ich sehe, dass sie gerade etwas verstanden haben.“  Auch der Umstand, zum ersten Mal im Leben eine dauerhafte feste Stelle zu haben, sei ein tolles Gefühl. „Ich habe den Wechsel nicht bereut. Nur unterschätzt.“

Berufserfahrung außerhalb der Schule

Laut Kultusministerium wurden im Schuljahr 2018/2019 in Niedersachsen 1921 neue Lehrer eingestellt, davon 245 als Quereinsteiger – knapp 13 Prozent. Die meisten Quereinsteiger (101) unterrichten an Gesamtschulen. Elke Helma Rothämel ist Schulleiterin an der Evangelischen IGS Wunstorf. Dort beschäftigt sie bereits neun Quereinsteiger. „Ich habe damit bisher nur positive Erfahrungen gemacht“, sagt sie. Wichtig sei ein sehr sorgfältiges Auswahlverfahren. Durch den Lehrermangel gebe es in vielen Bereichen nicht hinreichend viele Bewerber mit grundständigem Studium. Aber sie stelle Quereinsteiger durchaus gern ein, sagt die Schulleiterin: „Quereinsteiger sind meist hoch motiviert und haben eine ganz andere Expertise. Sie bringen ein ‚Leben davor‘ mit in die Schule und damit viele wertvolle Erfahrungen.“ So habe sie einen ehemaligen Tischler, der das Fach AWT (Arbeit/Wirtschaft/Technik) unterrichte, oder eine Ökotrophologin im Kochunterricht. „Wichtig ist eine gewissenhafte Begleitung der neuen Kollegen“, findet Rothämel. „Und die Schule muss den Kollegen ankommen lassen.“

Unterricht auf Augenhöhe in der Berufsbildung

Auch Wiebke Flotho wagte 2014 einen Neustart. „Es war hart“, sagt die 54-Jährige über ihre Anfangszeit an der Alice-Salomon-Schule. Die Ergotherapeutin arbeitete lange mit psychisch Kranken, studierte und forschte, unterrichtete an einer Hochschule. Als in Hannover der Bildungsgang Ergotherapie aufgebaut werden sollte, sah sie ein neues Arbeitsfeld für sich – sie übernahm direkt die Leitung des Bildungsgangs an der berufsbildenden Schule in Kleefeld. „Das war schon eine außergewöhnliche Mehrfachbelastung“, sagt sie. Sie erarbeitete einen Lehrplan für das neue Fach, gleichzeitig musste sie für ihr Zweitfach Politik noch einige Leistungsnachweise erbringen und sich in die Pädagogik einarbeiten. „Ich habe noch nie ständig so viel gearbeitet“, erzählt sie, „auch jetzt im vierten Jahr noch.“

Den Quereinstieg hält sie in ihrem Fach für besonders sinnvoll, da sie ihre konkrete Berufserfahrung in der Ergotherapie weitergeben kann. Als Vorteil auf der pädagogischen Seite sieht sie, dass ihre Schüler schon im Erwachsenenalter sind und sich die Berufsausbildung selbst ausgesucht haben. „Man unterrichtet oft auf Augenhöhe“, sagt Flotho. „Und ich finde es toll, die Schüler über drei Jahre zu begleiten und ihre Entwicklung mitzuerleben.“ Der Wechsel habe ihr trotz allem eine Lebensqualität gebracht, die sie zuletzt an der Hochschule nicht hatte. „Aber ich bin heilfroh, die ersten Jahre hinter mir zu haben.“