Generation Z braucht mehr Biss

Generation Z braucht mehr Biss

Was Berufsstarter von Unternehmerin Christine Kiefer lernen können Christine Kiefer ist Unternehmerin und Fintech-Expertin. Im Interview verrät sie, auf welche Schwierigkeiten sie in der männerdominierten Finanzbranche gestoßen ist und welchen Tipp sie der Generation Z mit auf den Weg ins Berufsleben gibt.
Interview: Janina Scheer

Wieso haben Sie sich für ein BWL- und Informatik- Studium entschieden?

Ich glaube, dass die spätere Berufswahl von Erfahrungen, die wir in unserer Jugend machen, geprägt wird. Dabei spielt das soziale Umfeld, besonders die Familie, eine wichtige Rolle. Meine Mutter ist Ärztin, war aber schon immer sehr technikaffin. Ich habe deshalb schon früh miterlebt, dass bei uns der Rechner aufgeschraubt wurde, um zum Beispiel eine neue Grafikkarte einzubauen. Mein Interesse an Technik habe ich auf jeden Fall von meiner Mutter. Das gilt auch für den Themenkomplex Finanzen und Börse.

Warum sind Sie nach Ihrem Studium nach England gegangen?

Mein Ziel war es, ein Praktikum in einer Investment-Bank zu absolvieren. Allerdings bin ich da in Deutschland auf große Schwierigkeiten gestoßen. Die Banken versteifen sich hier sehr auf Bewerber von privaten Universitäten. In England habe ich in diesem Punkt einen wesentlich offeneren Umgang erlebt. Dort gilt der Grundsatz: Smarte Köpfe sind immer willkommen – und zwar unabhängig von der Studienrichtung. Diversität ist ein Thema, das jetzt erst langsam in Deutschland ankommt. Dabei geht es nicht nur um berufliche Gleichstellung von Männern und Frauen, sondern auch um die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensläufe. Während meines Berufseinstiegs im Ausland habe ich mir wenig Gedanken darüber gemacht, weil Diversität dort gelebt wurde. Erst bei meiner Rückkehr merkte ich, wie stereotyp hierzulande eingestellt wird.

Womit beschäftigen Sie sich im Bereich der Finanztechnologie genau?

Bei meinem dritten Start-up RIDE Capital beschäftigen wir uns mit der Tokenisierung von Immobilien. Wir stellen Asset Managern im Immobiliensektor eine Plattform zur Verfügung, die Teileigentum von Immobilien für Privatanleger möglich macht. Wir nutzen die Blockchain-Technologie, um Immobilienbesitz digital, einfach und unbürokratisch möglich zu machen.

Wie hat sich gerade dieser berufliche Schwerpunkt bei Ihnen ergeben?

Die Welt der Finanzen hat mich schon immer fasziniert, genauso programmiere ich nun mal leidenschaftlich gern. Als Ethereum bekannt wurde, habe ich angefangen, mich damit zu beschäftigen und Solidity, die Programmiersprache für Smart Contracts, zu lernen. In Immobilien investiere ich privat seit einigen Jahren.

Sie haben mit Fintech Ladies ein Netzwerk für Frauen gegründet, die sich mit Digitalisierung beschäftigen. Was war der Anlass?

Die Fintech Ladies habe ich vor zwei Jahren ins Leben gerufen. Ich stellte fest, dass es nur wenige Unternehmensgründerinnen und weibliche Geschäftsführer gab. Die gesamte Management-Ebene in Start-ups ist überwiegend von Männern besetzt. Wenn ich mich über berufliche Themen austauschen wollte, ging das immer nur mit männlichen Freunden und Bekannten. Um das zu ändern, habe ich zunächst ein kleines Dinner veranstaltet. Ich habe herumgefragt und so eine kleine Runde zusammenbekommen. Jede Teilnehmerin hat dann beim nächsten Treffen einen neuen Kontakt mitgebracht. So ist das Netzwerk schnell gewachsen.

Warum ist dieses Netzwerk so wichtig?

Viele Frauen im Finanzbereich machen die Erfahrung, dass sie die einzige weibliche Person im Team sind. Wenn man zu einer Minderheit gehört, fühlt man sich schnell als Außenseiter und fragt sich, ob man fehl am Platz ist. Umso wichtiger ist es, auf Gleichgesinnte zu treffen, auf Frauen mit ähnlichen Karrierewegen und -aspirationen. Durch den Austausch entwickelt man sich nicht nur fachlich weiter, sondern erfährt auch Bestätigung für den eigenen Karriereweg. Durch die neu geknüpften Kontakte und das in den Deepdives (unsere Veranstaltungsreihe, die in jeder Stadt einmal pro Quartal stattfindet) erworbene Wissen werden die Teilnehmerinnen besser in ihrem Job. Dadurch, dass wir zeigen, wie viele Frauen es doch in der Fintech-Branche gibt, und sie ins Scheinwerferlicht stellen, machen wir vielen Frauen Mut: Mut, selbst eine Gründung zu wagen, oder Mut, den nächsten Karriereschritt zu wagen oder überhaupt erst in die Fintech-Branche zu wechseln.

Woran liegt es, dass es so wenige Gründerinnen gibt?

Das geht meiner Meinung nach ebenfalls auf die Prägung in Jugendjahren zurück. Ich glaube, dass man nicht einerseits Mädchen mit dem Gedanken erziehen kann, Technik sei uninteressant, und dann andererseits erwarten kann, dass sie sich später für Mathe, Technik und Finanzen begeistern und Unternehmen gründen. Das Interesse dafür muss schon früh geweckt werden. Deshalb darf man auch keinen Quantensprung durch irgendwelche Initiativen erwarten. Das Umdenken wird mit dem Generationswechsel kommen. Denn Frauen in meinem Alter erziehen ihre Töchter schon völlig anders und leben ihnen vor, wie viele Optionen ihnen offen stehen.

Was würden Sie als bisher größte Herausforderung in Ihrer Karriere benennen?

Grundsätzlich gilt es bei jedem Neuanfang, viele Hürden zu überwinden. Gerade als Unternehmer muss man sich ständig neuen Herausforderungen stellen. Als ich von London nach Berlin zog, wechselte ich von einem großen, alteingesessenen Unternehmen in ein chaotisches Start-up, wo ich sofort Verantwortung für 60 Mitarbeiter hatte. Bei meinem nächsten Start-up war ich die alleinige Gründerin. Das war ein großer Unterschied zu meinem ersten Start-up, wo wir zu zweit in der Geschäftsführung waren. Derzeit arbeiten wir mit Technologien, die so neu sind, dass sie sich alle drei Monate ändern und zudem nicht einfach zu erklären sind. Wer ständig Neues wagt, begegnet ständig neuen Herausforderungen - aber das macht es gerade so interessant!

Welchen Tipp geben Sie der Generation Z, die jetzt auf den Arbeitsmarkt strömt, mit auf den Weg?

Mir fallen bei den Lebensläufen der jungen Menschen die vielen kurzen Stationen und häufigen Wechsel auf. Es ist selten, dass jemand die ersten fünf Jahre bei einem Arbeitgeber war. Nach einem Jahr hat man, gerade als Berufsanfänger, ein Unternehmen noch nicht wirklich verstanden. Junge Menschen wollen heute in ihrem Beruf etwas bewirken. Doch sie nehmen sich gar nicht die Zeit dafür. Um etwas zu erreichen, braucht es Biss, Ausdauer und auch eine gewisse Leidensfähigkeit. Soziale Medien sehe ich deshalb auch kritisch. Sie sind auf kurzfristige Erfolge und Anerkennung ausgelegt. Aber so kommt man im Beruf nicht weiter.

Über Christine Kiefer

Christine Kiefer wird 1981 in Saarbrücken geboren. Nach dem Abitur studiert sie BWL und Informatik. Auf Jobs bei T-Mobile und Bain & Company folgt eine fünfjährige Anstellung bei der Investmentbank Goldman Sachs in London. 2012 wechselt sie in die Berliner Start-up-Szene. Sie war am Aufbau mehrerer Start-ups beteiligt, darunter BillPay, einem Anbieter für Online-Bezahlmethoden, und Pair Finance, einem digitalen Inkasso-Unternehmen. Sie ist die Gründerin des Blockchain-Start-ups RIDE Capital. 2016 gründet sie die Fintech Ladies, ein Netzwerk für Frauen, die sich mit Digitalisierung und Innovation im Finanzbereich beschäftigen.