Bildung in Zeiten von Industrie 4.0

 

Gunter Dueck:

Bildung in Zeiten von Industrie 4.0

Den Managern bei Daimler hat er die Leviten gelesen, denen beim Versandhändler Otto auch. Gunter Dueck sagt, was er denkt. Und das ist für viele unbequem. Doch gerade das macht den Mathematiker und früheren IBM-Topmanager zum begehrten Redner und Autor, der seinen Zuhörern nicht nach dem Mund redet. Sein Thema: Bildung und Arbeit in Zeiten der Digitalisierung. Während andere vor Big Data und künstlicher Intelligenz warnen und klagen, dass uns Roboter die Arbeit wegnehmen werden, stellt Dueck die einfache Frage: Was muss ein Mensch im Jahr 2030 können?

Autor: Oliver Züchner

Digitalisierung macht viele Tätigkeiten überflüssig

„Viele überflüssige Arbeiten werden verschwinden. Ich brauche keine Beamten mehr, die Grundbucheinträge ändern, wenn ich eine Blockchain habe“, sagt der 66-Jährige, der seine Wurzeln in Groß Himstedt in der Region Hannover hat. „Wir müssen eine breite Diskussion darüber führen, welche Tätigkeiten für den Menschen übrig bleiben, und darüber sprechen, wie wir unsere Kinder darauf vorbereiten.“

Dueck ärgert sich über die gesellschaftliche Debatte, die viel zu sehr auf die Vergangenheit fixiert ist. „Wir reden über Vernetzung, nach mehr als 30 Jahren E-Mail und nach mehr als zehn Jahren Facebook. Das ist eine Schlafmützendiskussion“, sagt er in dem ihm eigenen Duktus. Anstatt mit einer These aufzutrumpfen und sie im Stakkato dem Publikum einzuhämmern, umkreist er seinen Gegenstand: mit leisen Worten, fast wie ein Suchender, ihn langsam pointiert auf den Punkt bringend, Lacher im Publikum inklusive.

Arbeitskräfte leiten Projekte und gestalten den Wandel

„Anstatt uns zu fragen, wie wir unsere Zukunft gestalten wollen, reden wir uns die Köpfe heiß über Lappalien. Die Tabletnutzung an Schulen ist so ein Thema, das im Grunde Nebensache ist“, sagt Dueck. Bleibt die Frage, wie seine Vorstellung von der Zukunft aussieht. „Was Menschen können, was ihnen bleibt, ist managen, verkaufen, Projekte leiten, den Wandel gestalten. Darauf müssen wir die Jugend vorbereiten“, sagt Dueck, der sich einen Kraftakt wünscht, nicht nur im Bildungssystem.

„In den 1960er- und 1970er-Jahren haben wir in der Bundesrepublik umgerechnet 200 Milliarden Euro ausgegeben, um das Land durchweg ans Telefonnetz anzuschließen. Heute ist es nicht möglich, 40 oder 50 Milliarden in ein leistungsfähiges Internet zu investieren“, sagt Dueck, in dessen Zorn über so viel politische Ignoranz sich hier und da ein wenig Resignation mischt.

„Aber ich bin letztlich Optimist“, sagt er. „Wenn Unternehmenshierarchien noch stärker abflachen, wenn Mitarbeiter noch stärker als bislang verantwortlich für ihre Arbeit sind und in ihren Projekten Konflikte produktiv lösen müssen, dann bekommen wir Persönlichkeiten, die unsere Welt zu einem besseren Ort machen.“