Wenn die Rente nicht zum Leben reicht

Wenn die Rente nicht zum Leben reicht

Im Alter wird es eng

„Home, sweet home“, heißt es. Wir lieben und wir brauchen unser Zuhause. Es ist Nest, es ist Zufluchtsort. Doch manches Glück währt nicht ewig. Etwa wenn ein Haus oder eine Wohnung zu teuer wird. Wenn sich die Lebensumstände ändern und das Geld spürbar knapper ist. Beispielsweise wenn einer in Rente geht. So wie Ulrich Brink: Gemeinsam mit Ehefrau Marion in der List zu leben, wird künftig nicht mehr erschwinglich sein. Eine bittere Erkenntnis.

Von Prem Lata Gupta

860 Euro warm für 64 Quadratmeter

Am 16. April war sein letzter Arbeitstag. Seitdem ist Ulrich Brink nach 45 sozialversicherungspflichtigen Jahren ohne Abschläge im Ruhestand. Über seine finanzielle Situation war er schon vorher im Bilde. „Als ich meinen Rentenbescheid gesehen habe, sind mir die Tränen gekommen.“ Der 63-Jährige sagt das nicht weinerlich, sondern kämpferisch. Er und seine Ehefrau schmieden Zukunftspläne. Sie haben noch was vor in ihrem Leben. Allerdings steht für das Paar auch fest, dass ihre gepflegte Zwei-Zimmer-Wohnung am Rande der List nicht mehr lange dazugehört. 860 Euro kostet ihr 64 Quadratmeter großes Zuhause warm im Monat. Rechnet man die Steuern ab von Ulrich Brinks knapper Rente, dann bleiben ihm 1063 Euro. Seine Ehefrau, die krankheitsbedingt 2016 aufgehört hat zu arbeiten, steuert etwa 700 Euro bei.

Fast die Hälfte ihres Geldes

Damit würde das Paar knapp die Hälfte seines monatlich verfügbaren Geldes fürs Wohnen ausgeben – ein bedenklich hoher Anteil. Damit liegen sie, negativ betrachtet, noch über dem Durchschnitt: So hatte eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung 2017 ergeben, dass rund 40 Prozent der Haushalte in Deutschlands Großstädten mehr als 30 Prozent ihres Nettoeinkommens für die Kaltmiete ausgeben. Und nach einer kürzlich veröffentlichten Untersuchung des Pestel-Instituts in Hannover werden 40 Prozent der heute 45- bis 55-Jährigen später weniger als 800 Euro Rente zur Verfügung haben. Institutsleiter Matthias Günther erläutert: „Mit der Rente sackt für diese Menschen das Geld, das sie monatlich zur Verfügung haben, rapide nach unten. Gleichzeitig sind Miet-, Heiz- und Nebenkosten weiter fix.“ Für Betroffene bedeute das als konkrete Gefahr, „sich arm zu wohnen“. Ziemlich genauso erlebt es Ehepaar Brink. Zieht man die Ausgaben für ihre Wohnung von der gemeinsamen Rente ab, ist sein finanzieller Spielraum erheblich eingeschränkt.

500 Euro weniger als früher

„Vergleicht man meinen vorherigen Netto-Verdienst mit der Höhe der Rente, sind das über 500 Euro weniger“, erzählt Ulrich Brink freimütig. Klar, Riesensummen landeten auch vorher nicht auf seinem Konto. Zwölf Jahre hat er bei einem städtischen Unternehmen in Hannover gearbeitet, das in der City zehn Parkhäuser betreibt. Er sei froh gewesen, nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit an diese Festanstellung gekommen zu sein. „Wenn man erst die 50 überschritten hat, ist das gar nicht einfach.“ Und weil das Pendeln von Barsinghausen – wo sie bis dahin lebten – zur Schichtarbeit so umständlich war, hatten die Brinks beschlossen, nach Hannover zu ziehen. Wobei von Anfang an klar: 420 Euro kalt für 85 Quadratmeter wie bei ihrer früheren Miete, so etwas würden sie wohl in der Landeshauptstadt nicht finden.

Eine komfortable Bleibe

Ihre Suche in Hannover war nicht sofort erfolgreich: Eine dichte Bebauung wie in der City oder in Süd, „wo man aus dem Fenster direkt aufs nächste Haus schaut“ oder 3,50 Meter hohe Decken, dafür einen winzigen Balkon – das alles wollten sie nicht. Dafür aber die Wohnung am Rande der List, in der sie jetzt wohnen: mit lockerer Bebauung, einem modernen, sehr gepflegten Mehrfamilienhaus, Einbauküche schon vorhanden, einem großzügigen Bad, einer weitläufigen Terrasse. Vermieter ist ein Versorgungswerk. Dessen Spezialisten nehmen Interessenten besonders streng unter die Lupe. Mag sein, dass nicht das Einkommen, aber die Anstellung bei einem städtischen Unternehmen den Ausschlag gegeben hat. Ulrich Brink sagt: „Wir haben uns beworben und wir wurden genommen.“ Über die Höhe seiner späteren Rente hat er damals nicht nachgedacht.

Die Angst vor Altersarmut

Wenig später zeigte sich, dass die beiden zwar ihr Auskommen hatten, aber scharf rechnen mussten. Das ist bis heute so, beide kennen sich aus mit Preisen, beide jonglieren mit Zahlen. Brink zeigt in eine Richtung: „Da, dort drüben wird gebaut, aber keine Miet-, nur Eigentumswohnungen. Der Quadratmeter kostet 3.000 Euro. Er weiß, was die Mieter links und rechts von ihm monatlich für ihr Zuhause aufbringen müssen. Die junge Familie nebenan hat eine Drei-Zimmer-Wohnung. „Sie kostet 1.200 Euro monatlich.“ Solch ein Betrag wäre bei seiner Rente erst recht nicht drin. Natürlich weiß er, dass die Mieten in Hannover generell stark gestiegen sind: laut offiziellem Mietspiegel zwischen 2011 und 2017 um 11,9 Prozent. Für Neubauwohnungen werden inzwischen auch 12 Euro kalt pro Quadratmeter verlangt. Für Geringverdiener, Rentner und alleinstehende ältere Frauen ist dies ein ernstzunehmendes Problem. Altersarmut ist (leider) zum Top-Thema in Deutschland geworden. Immer mehr Rentner müssen „aufstocken“, weil sie mit ihrer Pension nicht den Lebensunterhalt bestreiten können. Bundesweit waren es 2017 schon 544.090, die die sogenannte Grundsicherung bezogen haben – ein neuer Höchststand.

Sparen gehört zum Alltag

Die Brinks nutzen bewusst Sonderangebote. Sie vergleichen beim Discounter. Und wenn Waren reduziert sind, weil das Haltbarkeitsdatum in ein, zwei Tagen abläuft, greifen sie zu. „Das ist doch völlig egal, wenn das Schnitzel sofort in die Pfanne kommt“, unterstreicht Ulrich Brink. Klaglos hat er fünf, sechs Jahre auf ein Auto verzichtet und ist stattdessen mit dem Rad zur Arbeit gefahren. Über seine Terrassenstühle zieht er beim Aufräumen immer die Abdeckung, darum zeigen sie kaum Gebrauchsspuren. Und wenn schon ein Staubsauger, dann ein richtig hochwertiger, „weil der nämlich 20 Jahre hält“. Gemeinsam erzählt das Paar, dass es Städtereisen mag. Thüringen ist das nächste Ziel, Gotha zum Beispiel haben beide noch nie gesehen. Alle paar Jahre besuchen sie ein Konzert (Peter Maffay, Herbert Grönemeyer) oder ein Musical („Starlight Express“). Wer ihnen zuhört, denkt nicht an Altersarmut, sondern dass sich hier Menschen ihre kleinen Freiräume erhalten wollen – und nicht die halbe gemeinsame Rente fürs Wohnen hergeben.

2019 wollen sie Hannover verlassen

Was also tun, wenn nun mehr als 500 Euro monatlich in der Haushaltskasse fehlen. Ulrich Brink hat mit der Personalchefin seines bisherigen Arbeitgebers gesprochen. Ergebnis: Ab Mai wird er auf 450-Euro-Basis tageweise in seinem früheren Job arbeiten. Geplant ist, das bis nächstes Jahr zu tun. 2019 steht die letzte Nachsorgeuntersuchung bei Marion Brink an. Dann liegt eine Krebserkrankung, die sie gesundheitlich aus der Bahn geworfen hat, fünf Jahre zurück. Diese abschließende Untersuchung, die hoffentlich nur gute Nachrichten bringt, will sie in Hannover bei den Ärzten absolvieren, die sie kennt und denen sie vertraut. Wenn der Befund okay ist, steht der nächste Schritt an. Das Ehepaar wird sich ein neues Zuhause suchen. Es liegt Hunderte von Kilometern entfernt.

Ein neuer Sehnsuchtsort

Der neue Sehnsuchtsort heißt Barth. Er liegt in Mecklenburg-Vorpommern. Vor einigen Jahren ist Marion Brink durch einen Reisebericht darauf aufmerksam geworden. Spontan hat sich das Ehepaar dort umgesehen. „Die Ostsee ist toll“, sagt ihr Mann. Und sie: „Ursprünglich kommen wir doch aus Minden, wir sind gar keine Großstadtmenschen.“ Beide haben Lust auf einen Neuanfang. Der Immobilienmarkt ist dem Städtchen, das keine 9.000 Einwohner zählt, ist entspannt. Hier kann man selbst ein kleines Häuschen für 500 Euro mieten. Beschaulich wirkt diese Welt, die Natur scheint zum Greifen nah. Ulrich Brink: „Es ist herrlich, die Vögel zu beobachten. Wenn ich erst dort bin, fange ich mit Stand-up-Paddling an. Usedom und Rügen sind nicht weit.“ Seiner Ehefrau ist auch nicht bange vor dem Umzug in eine unvertraute Umgebung. „Dann muss man in den Verein gehen, dort lernt man Leute kennen.“ Sie wissen, auch der Umzug wird Geld kosten, bestimmt 2.000 Euro, so schätzen sie. Dafür sparen die Brinks bereits. Aber die Aussicht auf eine sorgenfreie Zukunft – das ist es ihnen wert.