Demenz kann uns mal!

Klang und Leben:

„Demenz kann uns mal.“ Ein so einfacher wie starker Satz. Er stammt von Graziano Zampolin. Er ist Krankenpfleger und Lehrer für Medizinalfachberufe und hatte vor gut fünf Jahren eine so charmante wie beeindruckende Idee: Kann es gelingen, die heute 80- bis 100-Jährigen mit Musik und viel Zuwendung aus der Isolation ihrer Demenz zu holen? Mit dem Fury-Schlagzeuger Rainer Schumann suchte er nach Gleichgesinnten. „Klang und Leben“ ist das Projekt seither überschrieben: Mindestens drei Musiker spielen altbekannte Lieder vorwiegend aus den 1950er-Jahren und holen damit ihre Zuhörer ab aus dem gedanklichen Gefängnis der Demenz.

Inzwischen gehört „Klang und Leben“ nicht nur in der Region Hannover zu einer begehrten Institution in Altenpflegeheimen. Zampolin, ausgebildeter Demenzcoach und in dieser Funktion für die fachliche Begleitung des Projekts zuständig, kommt längst nicht mehr nur als Musiker. Die Sparkasse Hannover finanziert in diesem Jahr eine Reihe von Workshop-Konzerten: Vor der Musik für die Bewohner gibt es eine gut einstündige Fortbildung für die Mitarbeiter und ehrenamtlichen Helfer der Einrichtungen. Seit Gründung des Vereins hat die Combo in mehr als 200 Altenpflegeheimen gespielt.

Von Rebekka Neander

Keine Angst erzeugen

Zampolin macht keinen Hehl: Der Umgang mit Demenz ist schwierig. „Es ist erschreckend, wie schnell heutzutage offizielle Einstufungen durch Ärzte vorgenommen werden“, sagt Zampolin bei einem dieser Workshops. Bei einer Versuchsreihe im vergangenen Jahr in Garbsen spielte er mit seinen Musikerkollegen zwölfmal hintereinander in demselben Heim. „Da kamen irgendwann Besucher auf uns zu und erkannten uns, die uns laut Diagnose eigentlich gar nicht mehr hätten erkennen dürfen.“ Gleichwohl verschweigt er nicht, wie belastend das verstetigte Vergessen gerade Angehörige belaste. Doch auf für die Profis gelte: „Man muss sich auf den jeweiligen Stand der Gedächtnisleistung einlassen. Andernfalls erzeugt man bei dem Betroffenen nur Angst.“

Auch mal Clown sein dürfen

Doch „Klang und Leben“ ist weit mehr als charmanter Schlager. Es zeigt, was Zampolin grundsätzlich erwartet von Mitarbeitern in der Altenpflege. „Wer nicht bereit ist, sich auch mal zum Clown zu machen und etwas Verrücktes zu tun, ist falsch in dem Job.“ Und: „Wer keine Berührung zulässt, sollte den Job lassen.“ Für den Pool der beteiligten Musiker, aktuell der Sänger Oliver Perau, Andreas Meyer am Piano, Karsten Kniep am Schlagzeug und Jens Eckhoff an der Gitarre, heißt das auch: mit den Bewohnern tanzen oder sich „als wiederentdeckter Sohn“ umarmen lassen. Immer und immer wieder. Zampolin ficht das nicht an. Es freut ihn. „Wir sollten Demenz nicht als Krankheit wahrnehmen, sondern einfach als Umstand, dass ein Mensch die letzten Jahrzehnte seines Lebens vergessen hat.“