Alt und gebrechlich – wenn
Heimat unerreichbar wird

Alt? Das sind wir doch noch lange nicht. Nicht morgen und auch nicht übermorgen.
Warum sich also Gedanken machen über Barrieren, über Stolperfallen und die Frage, wie man am schnellsten an Klopapier kommt? Und: Kann man in Hannover überhaupt alt und gebrechlich werden? Natürlich. Aber auch am Leben weiterhin teilhaben? Nun – stellenweise.

Sie wollen mit der Bahn fahren? Dann nehmen Sie sich Zeit. Zumindest, wenn Sie nicht auf den letzten Drücker die Treppen zum Bahnsteig hochsprinten können. „Ein Rollstuhl oder ein Rollator nehmen Platz weg. Und da bietet auch ein Fahrstuhl nicht immer genügend Platz, um sofort einsteigen zu können.“ Andrea Hamann weiß, wovon sie spricht. Die hauptamtliche Beauftragte für Behinderte der Stadt Hannover sitzt selbst im Rollstuhl. „Ganz schlimm ist es, wenn ein Fahrstuhl mehrere Stockwerke bedient. Da müssen Sie schon einmal drei, vier Fahrten abwarten, bis für Sie genügend Platz ist.“ Dabei sind Hannoveraner eigentlich ganz gut dran. Sagt auch Andrea Hammann. Weil Teilhabe wenn noch nicht überall, aber an immer mehr Stellen möglich ist. „Wenn wir ein Projekt planen, dann gleich für alle.“ Und so gibt es in der Flotte der Leihfahrräder eben auch ein Dreirad. Es gibt akustische Hilfsmittel und bei offiziellen Veranstaltungen einen Gebärdensprachdolmetscher. Und für Sehbehinderte gehören taktile Elemente beim Geh- und Haltestellenbau inzwischen selbstverständlich dazu. Broschüren und Schilder berücksichtigen leichte Sprache.

Von Rebekka Neander

Vergessliche Architekten?

Das klingt nett. „Ist in vielen Bereichen aber gesetzlich vorgeschrieben.“ Ein Umstand, der von Architekten gerade im Wohnungsbau aber noch immer gern übersehen wird. Eine Mischung aus Ignoranz und Unwissenheit. „Ein Handwerker bohrt in die Fuge statt in die Fliese, weil er das für sinnvoll hält. Dass damit aber das Klo entschieden zu tief sitzt, ist ihm nicht bewusst.“ Andrea Hammann klingt ein wenig amüsiert-resigniert, wenn sie dies erklärt. Aber sie wird nicht müde: „Barrierefrei ist in der DIN-Vorschrift 18040 Teil 1 und 2 klar definiert: ohne jede Schwelle. Auch keine, die nur zwei Zentimeter hoch ist.“ Das gelte für Bordsteine wie für Balkontüren. Aus gutem Grund. „Rollatoren beispielsweise sind kippsicher gebaut.“ Heißt: „Wer mit einem Rollator also über eine Schwelle auf den Balkon will, muss ihn anheben.“ Eine Anstrengung, die für gebrechliche Menschen nur selten problemlos möglich ist. „Wir erleben die merkwürdigsten Dinge: Da werden Rampen gebaut mit hubbeligem Pflaster. Wie soll ein Mensch am Rollator sich darüberbewegen?“ Hannovers Behindertenbeauftragte treibt diese Missachtung um. „Normalerweise haben DIN-Vorschriften empfehlenden Charakter. Doch die für den barrierefreien Bau sind die einzigen, die eine tatsächliche Vorschrift sind.“ Wenn sich also ein behindertengerechtes Klo hinter einer schwergängigen Tür befindet, ist es nicht barrierefrei. „Es gibt im hannoverschen Hauptbahnhof genau eine einzige Behindertentoilette. Und auch die war über Monate hin geschlossen, weil der passende Klodeckel fehlte.“

Barrierefreiheit – der vergessene Markt

Andrea Hammann kann das nicht verstehen. „Wenn ich Gastronom wäre, würde ich doch mit einem barrierefreien WC werben.“ Ganz einfach, weil „der mich damit sofort als Stammkunden gewinnen würde. Mich und meine Freunde und meine Kollegen und meine Familie. Weil die eben mit mir nur dorthin gehen können.“ Doch Hammann graut – vor den „hippen Kneipen mit ihrem hohen Mobiliar, in dem sich jeder Rollstuhlfahrer wie ein Kleinkind vorkommt“. Vor dem Brotkauf am hohen Bäckertresen „ohne jeden Augenkontakt“. Oder vor dem Kauf von Rollstuhlplatz-Karten fürs Weihnachts-Theater, die rollenden Eltern verwehrt werden, weil diese zu selbstständig sind und keine Begleitperson haben. „Da fließen Tränen.“
Mobilität ist für Andrea Hammann die Grundvoraussetzung für Teilhabe. Beim Blick in die Zukunft ein schwieriges Thema. „Richtig ist, die Anbieter für den Öffentlichen Personennahverkehr rüsten nach. Und zum Glück wächst die Zahl der Hochbahnsteige. Die Silberpfeile der Üstra und die neuen Wagen sind gänzlich barrierefrei.“ Zugleich aber verweigern alle neuen Formen des Car-Sharing und vergleichbarer Mischformen bis hin zum „Schienenersatzverkehr“ bei gestrandeten Bahnen den Transport von Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Mehr noch: „Ich habe das Glück, noch selbständig Auto fahren zu können. Aber wenn mein Auto in die Werkstatt muss, muss ich mir einen Tag Urlaub nehmen. Niemand bietet hier einen Ersatzwagen an, den ich nutzen kann.“ An diesen Stellen ist die Teilhabe gestoppt. „Was machen Menschen, die ihre vielleicht im Rollstuhl sitzende Mutter noch einmal mit in den Urlaub nehmen wollen und nur dafür ein Auto benötigen?“ Gerade vor Weihnachten laufen entsprechende Anfragen in Hammanns Büro auf. Keine trostvolle Zeit.

Aufzüge? Immer und überall zu wenig

Hannover sieht Hammann im Grunde ganz gut gerüstet für den demografischen Wandel. In Zahlen lässt sich dies nur schwer ausdrücken. „Wir kennen die Zahl der Schwerbehindertenausweise. Das sind hier mehr als 50.000.“ Doch nicht jeder beantragt den Ausweis. „Die Dunkelziffer der Betroffenen ist viel größer.“ Schaffen Stationen wie der Kröpcke diesen Ansturm? „Grundsätzlich bräuchten wir immer und überall mehr Aufzüge.“ Einfach, weil eben jeder sie nutzt – und damit im Zweifel blockiert. Und weil sie eben auch kaputtgehen. „Wenn man vom Kröpcke zum Aegi ausweichen muss, ist das für einen beeinträchtigten Fußgänger oder Rollstuhlfahrer eine enorme Strecke.“ Andrea Hammann wird weiter an diesem harten Brett bohren. Teilhabe bleibe ein Prozess. „Vor zehn Jahren waren wir froh über eine Rampe am Hintereingang. Das ist heute nicht mehr vorstellbar.“ Immerhin.