Hand in Hand aus der Einsamkeit

Allein zu Hause – geht das noch gut?

Hand in Hand aus der Einsamkeit

Man wächst mit seinen Aufgaben? Doch was tun, wenn die buchstäblich über den Kopf wachsen? Die defekte Glühbirne zu weit oben, der Rasenmäher zu schwer und das Behördenformular zu unverständlich? Wem dann weder Freund noch Familie zur Seite stehen, dem offenbart sich unweigerlich die schmerzliche Frage: alleine zu Hause – geht das noch gut? Ja – wenn man in Hohenhameln wohnt. Das Projekt „Hand in Hand im Bördeland“ zeigt, wie Dorfgemeinschaft weit mehr bedeuten kann als ein warmes Dankeschön.

Die Generationenhilfe Börderegion

Es klingt zu schön, um wahr zu sein: Wer es nicht allein zum Arzt schafft, wird mitgenommen. Wo die Einkäufe zu schwer sind, wird angepackt. Und wem zu Hause die Decke auf den Kopf fällt, der findet in der Nachbarschaft einen nettenTreffpunkt. Paradiesisches Idyll? Nun, nüchterne Zahlen: Gegründet 2012 mit 73 Mitgliedern zählt das Projekt „Hand in Hand“ am 31. Dezember 2017 satte 425 Teilnehmer. Als aktive Helfer sind heute 46 Personen registriert. Im vergangenen Jahr haben diese gemeinsam 1-476 Mal hilfreich zur Seite gestanden. Das Vereinsheim Mittelpunkt bot im zurückliegenden Jahr 385 Veranstaltungen an, besucht haben sie insgesamt 4.624 Menschen.

Natürlich ist Günther Becker stolz auf diese Zahlen. Kann er auch sein. Vor allem aber muss er sie kennen.Becker ist nämlich nicht nur ehemaliger Gemeindebrandmeister in Hohenhameln. Er ist in der „Generationenhilfe Börderegion“, wie sich der formale Titel des Projekts im Vereinsregister liest, zuständig für den „Bereich Geschäftsführung“ und Herr aller Zahlen. Gezwungenermaßen. Das klingt nach Finanzamt und wenig spaßig. Und ist doch Kern des Erfolgsgeheimnisses – und schenkt Becker dann eben doch gute Laune.

Nix für Amateure

Kurz: Alt zu werden ist nichts für Feiglinge, wie Joachim Fuchsberger sagte. Es ist vor allem nichts für Amateure. „Als sich 2012 in Hohenhameln acht Leute zusammentaten, um sich gegenseitig unter die Arme zu greifen, war klar, dass dies auf vernünftige Füße gestellt werden muss“, sagt Becker. Hilfe gegen Hilfe, wie es ungezählte Tauschbörsen anböten, ginge es ohne Geld nie lange gut. „Nach dem dritten warmen Dankeschön fühlt man sich unwohl und nimmt keine Hilfe mehr an.“ Und deshalb gibt es in Hohenhameln nichts umsonst und nichts geschenkt. „Wer Hilfe in Anspruch nimmt“, sagt Becker, „der muss Mitglied im Verein sein und pro Stunde 8 Euro zahlen.“ Umgekehrt dürfen auch nur Vereinsmitglieder Hilfe anbieten; dafür bekommen sie pro Stunde 6 Euro ausgezahlt. Ganz egal, ob der Rasen gemäht oder nach dem begleiteten Arztbesuch auch gleich das Rezept bei der Apotheke eingelöst wird. „Die Differenz bekommt der Verein, um Versicherungen zu bezahlen und für den Verwaltungsaufwand.“ Wer sich sein Geld nicht auszahlen lässt, spart es für schlechtere Zeiten auf einem Treuhandkonto, dessen jeweiliges Guthaben sogar vererbt werden kann.

Am Ende der Fahrplan-Welt

Der Ausgangspunkt der Initiative und der damit verbundene Leidensdruck eröffnet sich beim Blick auf die Karte: Bördeland umschreibt vielleicht ein touristisches Idyll, nähert sich jedoch mit Blick auf den öffentlichen Personennahverkehr dann doch eher dem Ende der Fahrplan-Welt. „Wir nennen es das Drei-Länder-Eck“, umschreibt es Günther Becker mit liebevollem Spott. Eingekesselt zwischen den Landkreisen Peine und Hildesheim sowie der Region Hannover liegt Hohenhameln am jeweils äußersten Ende der beteiligten Verkehrsbetriebe. „Entsprechend schwierig ist es, von hier mit dem Bus zu einem Facharzt oder einer übergeordneten Behörde zu kommen.“ Wer nicht (mehr) mobil ist, wird abgehängt.

Besonders attraktiv scheint die Gemeinde Hohenhameln, bestehend aus elf Ortsteilen mit insgesamt knapp 10.000 Einwohnern, bei den Verkehrsplanern jedenfalls nicht. Doch anstatt den Kindern in irgendeine große Stadt hinterherzuziehen, möchten viele Alteingesessene gerne im Vertrauten bleiben. „Auslöser des ersten Zusammentreffens war eine Fernseh-Reportage“, erzählt Becker. „In der Reportage ging es um die Gemeinde Riedlingen in Baden-Württemberg.“ Auch dort geht es bis heute unter dem Motto „Gut alt werden in Riedlingen“ um solidarisches Bürgerengagement. „Die acht Initiatoren organisierten deshalb eine Fragebogen-Aktion: Gibt es Interesse an einem solchen Angebot?“ Die erste Resonanz war offenkundig beeindruckend. Bei der Gründungsversammlung 2012 zeichneten 73 Mitglieder einen Aufnahmeantrag. Dass der Verein vom ersten Tag an das Grundkonstrukt auf rechtlich sehr stabile Füße stellte, führt Becker auf professionelle Beratung zurück. „Im Rahmen des integrativen ländlichen Entwicklungskonzepts für die Börderegion hatten wir hochkompetente Leute an unserer Seite“, erzählt er. „Wir haben das Rad deshalb hier nicht neu erfunden, sondern konnten auf viele Erfahrungen und Ratschläge zurückgreifen.“

Hilfsbedürftig mit Brief und Siegel

Was nach stupidem Formalismus aussieht, gibt dem Verein eine solide Basis: Becker führt Statistiken über fast alles. „Wir müssen vor dem Finanzamt alles, was wir machen, akkurat belegen.“ Der Verein verfügt über eine Betriebshaftpflicht. Alle Helfer werden über eine Dienstreise-Versicherung bei ihren Fahrten geschützt. Hilfe in Anspruch nehmen dürfen nur Menschen, die qua Gesetz „alt“ sind. In Zahlen heißt das: jenseits des 75. Geburtstags. Oder die per Pflegegrad als hilfsbedürftig eingestuft sind. „Oder, denen ein Arzt kurz- bis mittelfristige Hilfebedürftigkeit bescheinigt hat.“ Ganz egal, ob ein frisch geborener Säugling im Haus ist oder sich jemand das Bein gebrochen hat. Dass selbst das ausgeklügeltste Regelwerk dabei nicht vor Unsinn schützt, zeigt dann aber doch die Erfahrung. „Einer unserer Helfer war gerade dabei, bei einer älteren Dame den Rasen zu mähen, als ihn ein jüngerer Mann über den Zaun etwas entgeistert fragte, was er da treibe.“ Becker schüttelt amüsiert den Kopf über die Anekdote. „Naja, sagte der Helfer, er mähe den Rasen. Aber wer denn sein Gesprächspartner sei? – Na, der Sohn der alten Dame.“ Seither, so Becker, prüften sie die Hilfsanfragen noch ein wenig präziser. „Rasen mähen wir da jedenfalls nicht mehr. Das überlassen wir gerne dem Sohn.“ Aus zwei Gründen: Klare Vorgabe des Helfer-Engagements sei, den örtlichen Betrieben keine Konkurrenz zu machen. „Und wir müssen sehr aufpassen, dass wir unsere Helfer nicht als billige Arbeiter verheizen.“

Mit den Jahren wuchs der Verein und mit ihm seine Angebote. Inzwischen verfügt er mitten im Ortskern Hohenhamelns über das Vereinsheim Mittelpunkt, an dessen Miete sich die Gemeinde beteiligt. Unter den nunmehr 425 Mitgliedern tummelt sich auch der versammelte Gemeinderat. „Durchaus als moralische Unterstützung“, sagt Becker. Längst gibt der Verein nicht nur den vermeintlich offenkundigen Hilfeempfängern Tat und Rat. Auch die Helfer fühlen sich gut aufgehoben. „Viele sind selbst bereits Rentner“ – und wollen ihrer Familie zu Hause nicht auf die Nerven gehen. Becker darf so etwas sagen: Er nennt sich selbst einen „Betroffenen“. Nach seinem Ausscheiden aus der Elektronik-Abteilung eines Verkehrsbetriebs und seinem Abdanken als Feuerwehrchef suchte Becker eine neue Beschäftigung – und rutschte bis in den Vereinsvorstand.

Gar nicht uncoole Alte

Im Mittelpunkt hat sich ein reges Veranstaltungsprogramm etabliert; der Treffpunkt dient damit längst allen Menschen in Hohenhameln, die einfach mal ein Wort mit anderen wechseln wollen. „Alle Angebote darin sind ehrenamtlich.“ Für Speisen und Getränke werden – auch aus steuerrechtlichen Gründen – nur Spenden entgegengenommen. Eine Preisliste gibt es nicht. Weder für „Udos Kochclub“ noch für „Bewegung im Sitzen“ oder „Fit für Körper und Geist“. Schüler der örtlichen Haupt- und Realschule erteilen Computer-Nachhilfe. Mit einer anderen Klasse hat „Udos Kochclub“ ein Kochbuch zusammengestellt. Mit entsprechendem Erkenntnisgewinn: „Die Alten sind ja doch gar nicht so uncool“, zitiert Becker die jugendlichen Lehrkräfte. „Und: Ok, das kann man ja auch essen!“ Die Erfolgsliste des Projekts „Hand in Hand“ ist beeindruckend: „Wir haben viele Ausschreibungen mit Preisgeldern gewonnen.“ Ein Bus wird gesponsert. Profis unterstützen das Theaterprojekt im Mittelpunkt. Die Telefonzentrale für die Hilfsvermittlung ist an jedem Wochentag besetzt. Durch einen ehemaligen Profi-Telefonisten: „Der Mann ist blind.“ Becker ist Gastredner auf diversen Netzwerktreffen – und hat seine Mission bereits in Berlin und in Hannover vorgestellt. Sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene erntet er dabei jedoch stets dieselben Kommentare: hohes Lob für den Erfolg, aber leider kein Geld zum Mitnehmen.

Und wer hilft dem Verein?

Dabei könnte der Verein inzwischen durchaus selbst Hilfe gebrauchen. „Wir haben uns längst vom Kaninchenzüchter- zum Profi-Verein gewandelt“, sagt Becker. Mit dem niemand Erbarmen kennt. Auch nicht die im Mai in Kraft getretene neue Europäische Datenschutz-Grundverordnung. „Die ist für uns ein ziemliches Brett“, klagt Becker, dem erste Fortbildungen gehörigen Respekt eingeflößt haben. Eine professionelle Hilfestellung von staatlicher Seite wäre für Vereine wie diesen eine enorme Hilfe. „Oder ein Sammelvertrag bei der Gema für gemeinnützige Vereine.“ Becker schwärmt vom „Handbuch Generationenhilfe“, welches das Land Hessen vergleichbaren Initiativen anbietet. Oder von der „Fachstelle Altern und Pflege im Quartier in Brandenburg“, kurz „Fapiq“, einem Förderprojekt des dortigen Sozialministeriums. Derlei könnte sich Becker auch sehr gut in Niedersachsen vorstellen. Zumindest, solange „Parallelstrukturen“ wie der Bördelandverein nicht vom Staat übernommen würden. Becker sieht organisierte Hilfe wie „Hand in Hand“ im selben nicht unkritischen Kontext wie die Tafel-Vereine. „Der Staat verlässt sich mehr und mehr darauf, dass Ehrenamtliche diese Aufgaben übernehmen.“ Nur bei einem Detail kann nun wirklich niemand von außen helfen. „Wir werden auch älter.“ Günther Becker lacht. Er selbst ist Rentner, der Büroleiter sei 75 Jahre alt – „noch sind wir alle topfit“, hält Becker fest. „Aber wir brauchen dringend neue, jüngere Helfer.“ Damit es weitergeht – Hand in Hand im Bördeland.