Räume für Kinder

Sicher spielen

Kinder erleben die Welt anders als Erwachsene. Sie sind neugierig und spontan – und weniger gefahrenbewusst. Darum ist es wichtig, Kindern ihren eigenen Raum zu geben. Gar nicht so selbstverständlich im Stadtgebiet, denn hier ist der Platz knapp. Während die Stadt Hannover sich um die Planung und Gestaltung von Spielplätzen viele Gedanken macht, fordert ein Lindener viel radikalere Methoden: Weg mit den Autos, mehr Platz für Kinder!

Von Garmin Wendt

Unbelastete Flächen zum Spielen

„Grundsätzlich sind natürlich alle Grünflächen für Kinder geeignet, die Fantasie haben“, sagt Gesina Schindler. Beim Grünflächenamt der Stadt Hannover ist sie für die Planung und Gestaltung von Spielplätzen zuständig. Sei ein Platz aber explizit Kindern gewidmet, gebe es dort bestimmte Regeln – etwa ein Rauch- oder ein Hundeverbot. Außerdem ist der Platz nur bis 18 Jahre zugelassen. So sollen unbelastete Flächen entstehen.

„Nach Möglichkeit versuchen wir, die einzelnen Flächen miteinander zu vernetzen“, erklärt Schindler. Etwa durch sichere Straßenübergänge oder Fußwege. Einzäunen möchte Schindler die Spielplätze nicht: „Wir möchten keinen Käfig. Mit gewissen Gefahren umzugehen, müssen Kinder in der Stadt einfach lernen“, glaubt sie. „Aber das vertiefte Spielen abzusichern, da wird schon drauf geachtet.“

Mehr als nur Spielplätze

Oliver Thiele ist das nicht genug. „Kinderfreundliche Räume sind sichere Räume, in denen Kinder sich selbstständig bewegen können“, sagt er – möchte diese Räume aber nicht auf speziell ausgewiesene Spielplätze beschränkt sehen. Für den Architekten und dreifachen Vater sind lebenswerte Räume für Kinder eindeutig mit dem Thema Mobilität verknüpft: „Nur wo keine Autos fahren, können Kinder sich frei bewegen.“

Thiele wirbt darum für autofreie Quartiere in der Stadt. Mit seinem Projekt „PlatzDa!“ versucht er, den Lindener Marktplatz autofrei zu bekommen. „In autofreien Siedlungen gehen Kinder einfach raus“, erklärt er. In unserem Alltag müssten die meisten Kinder warten, bis ein Elternteil sie nach draußen begleitet. „So machen wir die Kinder von uns abhängig und rauben ihnen damit die Freiheit und ein Stück Kindheit.“

Viele familienfreundliche Angebote

Neue Vorhaben für völlig autofreie Quartiere hat Stadtgestalter Thomas Göbel-Groß (Foto) zwar nicht auf dem Plan. Aber viele verkehrsberuhigende Maßnahmen. „An vielen Stellen reduzieren wir den Platz für Autos auf das Notwendigste und schaffen mehr Raum für Fußgänger“, berichtet er. Fußwege werden verbreitert, es wird für bessere Beleuchtung gesorgt, neue Bäume sollen Schatten spenden. Zum Beispiel in der City am Hohen Ufer oder am Marstall: „Dort haben wir die Straßenquerschnitte deutlich reduziert.“ Göbel-Groß findet: „Was für Fußgänger gut ist, ist natürlich auch für Kinder gut.“

Der Landschaftsarchitekt sagt, Hannover hätte großes Interesse an einer belebten Innenstadt. „Wir wollen das Wohnen im Innenstadtbereich wieder attraktiv machen und die Leute aus dem Speckgürtel in die Stadt zurückholen.“ Deshalb arbeite die Stadt daran, viele familienfreundliche Angebote zu machen. Am Klagesmarkt etwa sei das gut gelungen: Das Wohngebiet biete eine großzügige Grünfläche, einen Spielplatz und eine Kita im neuen Wohnquartier. In der Wasserstadt Limmer zum Beispiel sei auch ein verkehrsberuhigtes Wohnumfeld mit Anliegerstraßen geplant. „Grundsätzlich sollten möglichst viele Räume in der Stadt für Kinder nutzbar sein.“

Auch Kinder haben Recht auf die Flächen

Architekt Thiele (Foto) stört sich aber auch an parkenden Autos, die den Kindern die Sicht raubten und den Platz wegnähmen. „Haben Kinder nicht auch ein Recht auf die Flächen? Warum immer nur die Autofahrer?“, fragt er sich. „Gibt es etwa ein gesetzliches Recht auf Parkplätze?“ – „Parkplätze sind ein schwieriges Thema“, weiß auch Gesina Schindler vom Grünflächenamt. „Wir arbeiten in der Planung darum immer mit viel Bürgerbeteiligung.“

So habe es zum Beispiel am Wedekindplatz in der List Pläne gegeben, die bei den Anwohnern auf viel Kritik gestoßen seien. Am Ende habe man das Vorhaben dann verworfen. Positive Beispiele hat sie aber auch: den Velvetplatz in Linden zum Beispiel. Gemeinsam mit den Anwohnern habe man ein Konzept entwickelt, bei dem die Anwohner auf eine Durchfahrt und einige Parkplätze verzichteten. „Dadurch ist der Platz jetzt so viel schöner geworden, es ist immer was los“, sagt Schindler nicht ohne Stolz. „Dort ist auch der Spielplatz sehr gut mit dem öffentlichen Raum vernetzt.“ Nur einige Meter vom Spielplatz entfernt und gut erreichbar sind Grünflächen mit viel genutzten Tischtennisplatten. Um das möglichst oft so hinzubekommen, arbeitet das Grünflächenamt eng mit Verkehrsplanern zusammen.

Pro Einwohner 2,55 Quadratmeter Spielfläche

Damit es genügend Spielflächen gibt, hat die Stadt eine Richtlinie vorgegeben: Pro Einwohner sollen 2,55 Quadratmeter Spielfläche vorhanden sein. In Neubaugebieten wie am Kronsberg oder der Wasserstadt werden diese Richtwerte auch umgesetzt. In den älteren Vierteln ist es manchmal schwierig, dafür Platz zu finden. „Wir haben die Stadt in Spielbezirke aufgeteilt und rechnen dann nach“, so Schindler. Am Rand sei die Versorgung sehr gut, je weiter man in die Innenstadt komme, desto weniger Spielflächen gebe es.

Vor allem in der Südstadt und der Oststadt sieht Schindler noch Bedarf. Bei der Planung oder Modernisierung von Spielplätzen dürfen Anwohner und vor allem Kinder mitbestimmen. Auf Bürgerbeteiligungsterminen wird notiert, in welchen Altersgruppen die Kinder sind. Und sie dürfen Wünsche für den Platz angeben. Immer vorne dabei: Klettergerüste, Rutschen und Schaukeln. „Ziele für Spielplätze sind Bewegung und die Entwicklung von Fähigkeiten“, sagt Schindler. Jeder Spielplatz hat dafür einen besonderen Schwerpunkt. „Uns ist auch Kommunikation wichtig“, sagt die Landschaftsarchitektin. „Wir versuchen das so einzurichten, dass die Kinder miteinander reden.“

Mehr Lebensqualität für alle

Oliver Thiele glaubt, dass eine kinderfreundliche Umgebung immer zu mehr Lebensqualität für alle führt. „Wir müssen die Stadt so umgestalten, dass wir mehr draußen sind. Wenn wir Erwachsenen mehr draußen sind, sind automatisch auch die Kinder mehr draußen.“ Sein Kiezprojekt Jamiel (https://bit.ly/2uQs0in) beschäftigt sich mit einer lebenswerten Nachbarschaft der Jacobs-, Minister-Stüve- und Eleonorenstraße in Linden-Mitte. „Kinder sind ein guter Maßstab, wie Städte sein sollten“, findet Thiele. „Wenn der Kiez unattraktiv ist, gehen die Leute nicht raus und begegnen sich nicht“, meint der Architekt. „Das ist also auch ein wichtiger Faktor für die Gesellschaft – ja, für die Demokratie.“