ÜberMorgen in der Wedemark

Gemeinsam stark

Am 17. Oktober fand im vollbesetzten Bürgerhaus in Bissendorf die vierte ÜberMorgen-Regionalveranstaltung statt.

Moderiert von Jan Sedelies, Redakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, sprachen die Experten auf dem Podium unter anderem über die Verkehrsentwicklung in der Region, das Engagement junger Menschen auf dem Land, Co-Working-Spaces und interkommunale Kooperation.

Lesen Sie nachfolgend die interessantesten Zitate der Veranstaltung.

Hohe Lebensqualität

Eine Lanze fürs Land!

Thore Carstens ist Landesvorsitzender der Landjugend Niedersachsen. Der knapp 30-jährige Landwirt aus dem Kreis Verden ist leidenschaftlicher Verfechter des Lebens auf dem Land – die Gemeinschaft und die Nähe zur Natur seien eben Lebensqualität. Im vergangenen Jahr konterte Carstens auf einen Beitrag der „Bild“-Zeitung („Lohnt es sich wirklich, mehr für Bio auszugeben?“) mit einem vielbeachteten Erklärvideo auf Facebook. In Bissendorf sagte er unter anderem:

„Unternehmer wie Landwirte sind viel flexibler und agiler als Kommunalpolitiker. Wir leben das ÜberMorgen bereits.“

„Nachbarschaftlicher Zusammenhalt ist das große Plus auf dem Land.“

„Mein Trecker ist schon zu 99 Prozent autonom – da haben wir Landwirte einen technischen Vorsprung.“

„Ich würde das Landleben nie gegen ein Leben in der Stadt eintauschen wollen.“

„Morgens erlebe ich ganz bewusst den Sonnenaufgang. Und dafür werde ich auch noch bezahlt!“

Klaus Geschwinder

E-Mobilität? Perfekt fürs Land!

Klaus Geschwinder ist Verkehrsmanager der Region Hannover. 2012 wurde er gemeinsam mit seiner Kollegin Tanja Göbler für den „Verkehrsentwicklungsplan pro Klima“ ausgezeichnet. Um einen verringerten CO²-Ausstoß zu erreichen, setzt Geschwinder auch in der Region unter anderem auf mehr Radverkehr, ÖPNV und „Shared Mobility“.

„In der Verwaltung wird für Fahrradschnellwege im Umland gekämpft. Allerdings fehlt es noch an Fantasie bei den Beteiligten.“

„Die Belastung im überregionalen Verkehr nimmt weiter zu. Ohne ein intelligentes Verkehrsmanagement geht es nicht.“

„Wir setzen auf ein neues Navigationssystem, damit die Verkehrsteilnehmer auf unterschiedliche Routen verteilt werden.“

„Das Mobilitätsverhalten im Umland orientiert sich sehr am Auto.“

„Nutzen Sie doch die S-Bahn: In unserer Region wohnen 40 Prozent der Bevölkerung maximal einen Kilometer von der nächsten S-Bahn-Station entfernt.“

„E-Mobilität wird immer nur im Kontext von Städten diskutiert – dabei ist sie dort gar nicht so einfach umzusetzen. Hier auf dem Land dagegen haben Sie doch alle Garagen und könnten da bequem Ihr Fahrzeug laden.“

„Für die Zukunft des ÖPNV sehe ich weniger starke Achsen und mehr Angebote in den Zwischenräumen.“

Mitbestimmung

Die Jugend mit einbeziehen

Als Gemeindejugendpflegerin in der Wedemark koordiniert Ellen Bruns unter anderem Jugendtreffs und tritt für Partizipationsmöglichkeiten selbst von Grundschülern ein.

Derzeit werde ein Kinder- und Jugendservicebüro eingerichtet. Für 2019 sei ein Kinderrathaus geplant, das nicht im eigentlichen Rathaus, sondern innerhalb einer Schule untergebracht werden soll. Sie sagt:

„Jugendliche wollen Treffpunkte. Sie wollen nicht institutionalisiert betreut werden.“

„Junge Leute wollen wahrgenommen werden, sie müssen mitbestimmen können.“

„Wenn ein junger Mensch hier sein Umfeld mitgestalten kann, dann kommt er irgendwann auch gerne wieder in die Region zurück.“

„Ein Projekt wie ,Pimp your Town‘ wird von Ratsmitgliedern begleitet: Sie bringen die dort formulierten Ideen in das politische Geschehen ein.“

„Jugendliche haben viele Ideen: Sie wünschen sich ein Kino, eine Paintball-Halle oder auch einen Überseecontainer, wo sie sich ohne Aufsicht treffen können.“

Wilhelm Klauser, Regio-LAB

Leerstand effektiv nutzen

Wilhelm Klauser ist Gründer von Initialdesign Berlin und hat für das Calenberger Land in Gehrden das Projekt Regio-LAB entwickelt.

„Wenn Breitband auf dem Land vorhanden ist, sind große Städte nicht die Orte, in denen die Leute übermorgen leben und arbeiten.“

„Warum Lebenszeit mit Pendeln verschwenden, wenn man dank Internet auch zu Hause im Homeoffice arbeiten kann?“

„Dezentrale Arbeitsmodelle erhöhen die Work-Life-Balance und die Motivation. Chefs müssen das lernen.“

„Zentren von kleineren Städten lassen sich wiederbeleben: Es gibt genügend Potenzial, die Dinge anders aufzuzäumen.“

„Bisher leerstehende Ladenflächen kann man umgestalten und darin Co-Working-Spaces und Beratungsräume installieren: Auch das fördert Begegnung und Austausch.“

„Bei der Telekom werden für zehn fest angestellte Mitarbeiter nur noch drei Büroarbeitsplätze vorgehalten.“

Interkommunale Kooperation

Wünsche, die Bürger verbinden

Oliver Kuklinski ist Landschaftsarchitekt, Stadtentwickler und Politikberater. Er arbeitet auch im hannoverschen Bürgerbüro Stadtentwicklung und steht für interkommunale Kommunikation und Kooperation.

Kuklinskis Themen sind Planungsprozesse und Stadtentwicklung unter dem Aspekt: Wie beziehe ich wesentliche Akteure vor Ort mit ein? Gerade auf dem Land, so der Stadtentwickler, sollten junge Nachbarn den Älteren Nachhilfe bei der Digitalisierung geben. So gehe ÜberMorgen.

„Es brennt auf dem Land: Fachkräftemangel und -nachwuchs sind ein Riesenproblem.“

„Es gibt genügend Wünsche, die Bürger verbinden: Die Grundschule soll erhalten bleiben, das schöne Ortsinnere mit seinen Fachwerkbauten soll nicht verfallen.“

„Es geht darum, sich für eine Sache zusammenzutun – und nicht darum, sich zusammenzuschließen, weil man gegen etwas ist.“

„Wenn sich Kommunen zusammenschließen und Kompetenzen bündeln, kommt man gemeinsam besser an öffentliche Fördermittel.“

Dorf mit Zukunft

Selbst ist das Landvolk

Michaela Oldeweme vom Dorfladen Bolzum steht für das Thema „Dorf mit Zukunft“.

Nach der Schließung des letzten Geschäfts in Bolzum 2012 wurde der Dorfladen in Eigen-
initiative und mit Eigenkapital auf die Beine gestellt. Der im März 2015 eröffnete Laden bietet bevorzugt regionale Erzeugnisse und schreibt schwarze Zahlen. Sie berichtet:

„Es gab gar nichts mehr – kein Geschäft, nicht mal mehr eine Dorfkneipe. Deshalb ist unserem Dorfladen auch ein Café angeschlossen.“

„Um das Kapital für unseren Dorfladen aufzubringen, haben wir Anteilsscheine verkauft: Wir haben 200 stille Gesellschafter.“

„Wir waren sehr nah dran an den Bürgern. Bevor wir unser Projekt gestartet haben, fand eine Befragung im Dorf statt: Was würdet Ihr bei uns einkaufen?“

„Wir haben 20 Lieferanten und 2.500 verschiedene Produkte.“

„Unser Dorfladen stellt einen Treffpunkt dar, der sehr gut angenommen wird.“

„Es gibt keine Zukunft auf dem Land, wenn man nicht aktiv wird.“