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Urban Gardening

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Von Rebekka Neander

Hat Ihr Schrebergarten eine Homepage? Nein? Das ist aber blöd. Denn dann ist er leider nicht hip. „Urban Gardening“ zieht sich seit einigen Jahren wie ein immer dicker werdender grüner Faden durch die Großstädte. Was in der Bäckerkiste illegal auf dem Dach begann, stellt heute in Extremfällen längst jede Kleingartensatzung in den Schatten. Doch was treibt die Städterhände in die Gartenerde? Sind ihre Beete die Zukunft? Oder ist alles doch nur ein alter Hut?


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Langenhagen. Eine Stadt am Rande Hannovers. 55.000 Einwohner. Tendenz steigend. Eine Stadt wie viele derzeit in Deutschland. Die Menschen zieht es weg vom Land und das Geld hinein in die Immobilien. Alles wächst, nur eines schrumpft: Platz für Gärten bleibt in den Städten dieser Tage nicht mehr viel. Die Menschen nehmen dies zunächst in Kauf, langfristig aber nicht hin.  

Im Langenhagener Ortsteil Kaltenweide gibt es deshalb jetzt einen Gemüsegarten. Der Grund gehört eigentlich der Stadt - allerdings beackert ihn ein gutes Dutzend Einwohner. Dass sie etwas gemeinsam haben mit Hobby-Gärtnern in Metropolen wie Berlin, New York oder Paris, wissen sie vielleicht nicht. Vermutlich interessiert es sie nicht einmal.

Das Kaltenweider Kleinod zählt zu aktuell knapp 30 Gemeinschaftsgärten in und um Hannover, die das Gartennetzwerk Hannover (www.gruenanteil.net) erfasst hat. In welcher Stadt diese Initiative ihren Ursprung fand und wo heute die meisten dieser Gärten sind, ist nicht wirklich dokumentierbar. Ein gewisser Rest des anarchischen Ansatzes hält sich dann doch.

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Kaltenweide ist eigentlich ziemlich grün. Und doch darf der öffentliche Gemüsegarten, den der Bürgerverein einst initiiert hat und heute betreut, getrost jenem Trend zugeordnet werden, der unter dem Siegel „Urban Gardening“ seit ein paar Jahren weltweit stellenweise kuriose Blüten treibt. Denn egal, ob in den Berliner „Prinzessinnengärten“ samt Homepage und Blog (http://prinzessinnengarten.net), in der Gemüse-Akademie für Schüler (www.startnext.com/ackern) oder bei den „Urban Garden Piraten“ (http://gartenpiraten.net): Den allermeisten Neu-Gärtnern geht es beim Säen und Ernten um Gemeinschaft, um Austausch, um den Kontakt zur Natur und den Menschen darin.  

Und da liegen dann Kaltenweides Gemüsebeet und Manhattans Dachgärten plötzlich doch dicht beieinander. Da, wo viele verschiedene Nationalitäten dicht aufeinander sitzen, hilft gemeinsames Gärtnern auch, Konflikte zu lindern. Beispiele dafür gibt es zuhauf. Auch der Verein Internationale Stadtteilgärten in Hannover (www.isghannover.de) weiß davon zu berichten. So grün Kaltenweide auch sein mag: 80 verschiedene Nationalitäten haben in den Wohnungen und Reihenhäuschen inzwischen ihre (neue) Heimat gefunden. Seit Kurzem auch in einer städtischen Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete. Ihre Integration war für den Bürgerverein letztlich der Anlass, bei der Stadt um die Brache zu bitten.

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Bei Licht betrachtet ist dies alles nicht neu. Deutschland gilt als Wiege und Heimatland der Kleingärten; eine Tradition, die nach den beiden Weltkriegen schlicht in Vergessenheit geraten ist. Die Notwendigkeit, sich im eigenen Garten die eigenen Nahrungsmittel heranzuziehen, schwand mit dem Aufbau des Wohlstandes und dem Ausbau der Infrastruktur.  

Das Bundesamt für Naturschutz zählt dieser Tage in einer Studie „Urbane Gärten für Mensch und Natur“ in Deutschland immerhin rund eine Million Kleingärtner auf insgesamt 45.000 Hektar  (www.nagelschmitz.com/bundesamt-fuer-naturschutz-studie-urbane-gaerten-fuer-mensch-und-natur). Das klingt viel – und wird weniger. Auch die Stadt Langenhagen musste unlängst darauf dringen, dass jahrzehntelang geduldetes Grabeland zu räumen sei. Es wird dort ein Containerdorf für fehlende Klassenräume entstehen müssen. Jene, die dort Jahr um Jahr gegärtnert haben, stehen nun (wieder) auf der Straße. Die Wartelisten bei den existierenden Kleingartenkolonien sind lang.

Und dies bundesweit. Kein Wunder, dass man Brachgrundstücke und Baulücken inzwischen geplant begrünt, anstatt sie von Unkraut überwuchern zu lassen.

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Die wachsende Sehnsucht nach echter, eigener Handarbeit wirkt neben dem akuten Nachwuchsmangel im Handwerk geradezu paradox. Gleichwohl schwärmen fast alle größeren Gemeinschaftsgärten auf ihren Blogs und Internetseiten von der Entschleunigung des rasanten Büro-Irrsinns, vom kontemplativen Wirken beim Bereiten des Saatgutes und der Pflanzfläche. In Kaltenweide geht es dabei noch geradezu robust zu: Gemeinsames Gärtnern, der Austausch mit Angehörigen (bislang) fremder Nationen und ihren bevorzugten Nahrungsmitteln (und Anbaumethoden) – insbesondere aber das gegenseitige Kennenlernen stehen in Kaltenweide hoch im Kurs.

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Farbe hineinzubringen in das triste Stadtbild – das war das Anliegen von Guerilla-Gardening-Pionier Richard Reynolds (www.guerrillagardening.org), als er 2004 eines Tages auf die Beete vor seiner Londoner Stadtwohnung Saat für Primeln ausbrachte als Zeichen des zivilen Ungehorsam gegen die Vermüllung seiner Nachbarschaft. Das war und ist, auch in Deutschland, nach geltendem Recht Sachbeschädigung.  

Doch aus diesem Guerilla Gardening, dem eigentlich illegalen Bepflanzen von öffentlichen Flächen, ist inzwischen ein prosperierender Markt samt „Bausatz zum Fertigen von Samen-Bomben“ (Seed Balls) geworden –  nebst professionellem Online-Shop  (www.diestadtgaertner.de). Außerdem entwickelte es sich – nun allerdings höchst legal – zu einer Form der Bürgerbeteiligung finanzklammer Kommunen.

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Selbsternannte Beet- und Baum-Paten sind übrigens auch in Langenhagen willkommen. Sie sollen, so die Hoffnung der Stadt, dafür sorgen, dass Müllsäcke nicht in den teuer bepflanzten Beeten landen, oder auch mal jene Bäume wässern, bis zu denen die großen Wasserwagen nicht hinkommen.

Sogar die Stadtplaner haben das Urban Gardening für sich entdeckt: Weiß eine Kommune nicht sofort, was sie mit einer Fläche anfangen soll, weist sie diese als „Landschaft auf Zeit“ aus und lässt sie von den Bürgern gestalten.

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