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So_geht_Dorfladen

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Was tun, wenn das letzte Geschäft im Ort endgültig seine Pforten schließt und der nächste Supermarkt kilometerweit entfernt ist? Ein neu gegründeter Dorfladen kann Versorgungslücken schließen. In Bolzum ist diese Initiative geglückt. Ein Comeback des Tante-Emma-Prinzips also? Experten erklären, warum zum Erfolg auch Strategie gehört.

Von Prem Lata Gupta



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Der Lebensmitteleinzelhandel konzentriert sich zunehmend. Mehr als 75 Prozent der Geschäfte sind seit 1970 verschwunden: Damals gab es 160.000, heute sind es weniger als 40.000 (Quelle: Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels). Dennoch hat sich die Verkaufsfläche erhöht. Und zwar von 26,1 Millionen Quadratmetern im Jahr 2000 auf aktuell 28,9 Millionen. Der Anstieg betrifft nur Discounter und Verbrauchermärkte, bei kleinen Geschäften verlief der Trend umgekehrt.

Laut einer Erhebung von Edeka stehen Bewohnern von Städten rund 1,7 Quadratmeter Verkaufsfläche zur Verfügung. Der Durchschnitt bundesweit liegt bei 0,36 Quadratmeter.  

Und dann gibt es noch Dörfer wie Bolzum: Da war man 2012 bei 0,0 angelangt. Wer hier lebte, zählte fortan zu den acht Millionen „unterversorgten“ Einwohnern (Quelle: IOW-Studie im Auftrag des Bundesverbands der Verbraucherzentralen).  

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Kein Geschäft mehr, kein Gasthaus. Dann verödet ein Ort. Man könnte auch sagen: Die Lebensqualität verschlechtert sich, wenn der letzte Laden geschlossen hat. Genau das ist in Bolzum, wo 1.300 Menschen leben, Ende 2012 passiert. Ein Team von mehr als 15 betroffenen Bürgern ergriff darum die Initiative. Zu dieser Gruppe gehörten auch Michaela Oldeweme und Frauke Lehrke (im Foto links). Gemeinsam wollten sie etwas ändern. Und einen Dorfladen gründen.

Doch vorher befragten sie die Einwohner – ob diese sich solch eine Einkaufsmöglichkeit wünschten und welche Waren ihrer Meinung nach angeboten werden sollten. Die Initiatoren checkten, ob es Bäcker oder Fleischer in der Nähe gab, mit denen man kooperieren könnte. Beim Dorfladen-Netzwerk fanden sie einen Berater, mit dessen Hilfe sie eine professionelle Machbarkeitsanalyse plus Finanzierungskonzept erstellten: So lässt sich klären, ob sich das Projekt umsetzen lässt.

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Nach vielen positiven Rückmeldungen aus der Bevölkerung beschloss das mutige Team, einen bürgerschaftlich betriebenen Dorfladen zu gründen, der nicht profitorientiert arbeitet. Mitstreiter und Sympathisanten konnten Anteilsscheine erwerben. Mehr als 200 stille Gesellschafter fanden sich, jeder steuerte mindestens 300 Euro bei – so viel kostet ein Anteilsschein. So kam das Startkapital von 75.000 Euro zusammen.

Zunächst jedoch musste ein Standort gefunden werden. Die Wahl fiel auf ein 200 Jahre altes Bauernhaus: Die Grundsanierung zahlte der Besitzer, ehrenamtliche Helfer übernahmen Maler-, Elektro- und Fliesenarbeiten. Ohne langen Atem geht es nicht: Von der Bürgerbefragung bis zur Fertigstellung im März 2015 vergingen zwei Jahre (Foto von den Bauarbeiten).

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Nicht immer müssen die Initiatoren alles alleine stemmen. Frauke Lehrke, Sprecherin des Beirats der stillen Gesellschafter: „Mancherorts beteiligen sich auch Gemeinden an der Neugründung, indem sie beispielsweise eine Immobilie zu fairen Konditionen bereitstellen. Oder es können EU-Fördergelder in Anspruch genommen werden.“

Als Rechtsform für den Betrieb haben sich die Gründer für eine Unternehmergesellschaft (UG) entschieden. Dabei müssen die Gesellschafter weniger Eigenkapital aufbringen als bei einer GmbH. Michaela Oldeweme, Geschäftsführerin und ebenfalls Gesellschafterin, rät, nicht am falschen Ende zu sparen: „Eine Ladeneinrichtung kann man gebraucht kaufen. Wichtig sind moderne, energieeffiziente Kühlgeräte, sonst fallen jeden Monat hohe Stromkosten an.“

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Am 21. März 2015 eröffnete der Dorfladen, in den auch ein kleines Café als Treffpunkt integriert ist. Das Geschäft bietet über 2.000 unterschiedliche Artikel. Viele kosten ebenso viel wie im Supermarkt. Manche Produkte stammen von ausgesuchten Anbietern und sind ein wenig teurer. Aber hier steht die Nachhaltigkeit im Vordergrund: Regionale Produzenten sollen gestärkt und lange Transportwege vermieden werden. Weil bürgerschaftliche Dorfläden nicht gewinnorientiert arbeiten, kann ein höherer Anteil der prozentualen Handelsspanne in die Personalkosten fließen.

Neun festangestellte Mitarbeiter sind für den Dorfladen Bolzum tätig, die meisten als Quereinsteigerinnen. Dazu kommen 20 ehrenamtliche Helfer. Zum intensiven Kundenkontakt tragen Services und Aktionen bei – etwa die Bereitstellung von Getränken auf Kommissionsbasis für Privatfeiern, köstliche Erdbeeren zum Probieren am 1. Mai, ein Apfelfest im Herbst oder die Teilnahme des Dorfladens am lebendigen Adventskalender.

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Dorfläden liegen im Trend. In Mariensee, einem Ortsteil von Neustadt, laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Ein weiteres Gründer-Team hat sich in Bierbergen (Kreis Peine) gefunden. Dann kommt oft Wolfgang Gröll ins Spiel. Er ist für das bundesweite Dorfladen-Netzwerk landauf landab unterwegs. „Vor 20 Jahren waren es maximal fünf Neueröffnungen pro Jahr, jetzt macht jeden Monat ein neuer Dorfladen auf.“ Er kennt die Erfolgskriterien: „Die Bürger müssen dahinterstehen. 1.000 Unterschriften nützen nichts, wenn niemand bereit ist, Anteile zu zeichnen.“

Das Sortiment müsse vollständig sein und das Basisprogramm nicht teurer als im Supermarkt. „Auch auf eine schnelle, freundliche Bedienung kommt es an. Strategisches Erfolgspotenzial kommt durch regionale und frische Produkte – etwa durch Wildspezialitäten, weil die Betreiber mit einem Jäger kooperieren.“

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Qualitätsorientierte, individuelle Angebote machten den entscheidenden Unterschied. Ein zum Dorfladen gehöriges Café oder Bistro würde die Kunden ebenfalls binden, besonders durch gute Ideen wie selbstgemachte Salate und Kuchen oder etwa einen Glühweinausschank zur Weihnachtszeit.

Und zwei bis drei Highlights pro Jahr wären wichtig, Feste mit einem Motto wie „Erntedank“ oder „Nacht der Rosen“. Gröll: „Letztlich ist ein Dorfladen ein Bürgerbeteiligungsprogramm. Es geht nicht nur darum, Waren zu verkaufen, sondern auch um eine gesellschaftliche Aufgabe und menschliche Bindungen.“

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Auch Petra Rempe (Foto) verfolgt eine klare Strategie. Die Inhaberin der Backstube Bundschuh in Stöckendrebber verfügt zwar über kein Vollsortiment. Aber seit der Gründung ihres Unternehmens 1993 hat sie ihr Portfolio beständig erweitert: Neben Brot, Baguettes und Kuchen führt sie Käse, Öle, Brotaufstriche, Nudeln, Milchprodukte und Naturkosmetik.

„Mein Hauptantrieb war, etwas anzubieten, was es bis dahin hier nicht gab.“ Das hat die diplomierte Ernährungswissenschaftlerin eruiert, bevor sie loslegte mit ihrer Biobäckerei. Außerdem hält sie „innere Klarheit“ für elementar. „Man sollte wissen: Was kann ich gut? Was liegt mir am Herzen?“

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Dinkel, Weizen und Roggen bezieht Petra Rempe von ihrem eigenen Mann, Friedrich Bohm (Foto). Er ist Landwirt und baut das Getreide ohne den Einsatz von Fungiziden und Herbiziden an. Backstube und Laden befinden sich Tür an Tür in einem bis dahin leerstehenden Gebäude auf dem Hof. „Mir war von Anfang an bewusst, dass ich zusätzliche Vertriebswege nutzen will, sonst würde sich das Geschäft nicht tragen.“

Ihr Standort befindet sich in einer Seitenstraße des Dorfes, Stöckendrebber zählt gerade mal 320 Seelen. Petra Rempe: „Ich habe gleich zu Beginn das Reformhaus im Nachbarort angesprochen und andere Hofläden als zusätzliche Abnehmer.“ Grundsatz von Anfang an: Beide Partner legten Wert darauf, unabhängig voneinander erfolgreich zu sein. Also keine Querfinanzierung, um aus Rücksicht den anderen zu stützen.  

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Heute ist die Backstube Bundschuh mit zwei eigenen Verkaufswagen auf sieben Wochenmärkten vertreten, außerdem beliefert sie ein- bis zweimal pro Woche aktuell 24 sogenannte Wiederverkäufer. Ein Bäckermeister und ein Bäckergeselle sind festangestellt. 13 Mitarbeiter gehören zum Team, dazu kommen zwei weitere Beschäftigte in der Landwirtschaft.

Die Backstuben-Inhaberin: „Alle werden gehört bei Besprechungen. Jeder erfährt Wertschätzung. Das hat zur Folge, dass sich alle verantwortlich fühlen. Vor Kurzem hat eine Marktfahrerin einen Bewerber im Netz gesehen, der für uns interessant wäre, und mir sofort davon erzählt. Das ist toll.“ Um den Absatz auszubauen, „muss man sich Gleichgesinnte suchen und Synergie-Effekte nutzen“, erklärt Petra Rempe. Sie und ihr Mann gehören zu den Mitbegründern des Bauernmarkt-Vereins in Hannover.

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Petra Rempe hat ihre ganz eigenen Überzeugungen. „Es gab Phasen, da bin ich körperlich an meine Grenzen gegangen, weil ich nachts gebacken habe und zudem tagsüber gearbeitet. Das tut nicht gut.“ Besser findet sie es, sorgsam mit den eigenen Ressourcen umzugehen. „Wir wollten uns nie finanziell überfordern und sind darum langsam gewachsen.“ Gerätschaften wie eine Knet- oder eine Anschlagmaschine tun auch gebraucht gute Dienste, sagt sie. „Aber unsere Verkaufswagen haben wir neu gekauft. Schließlich soll unsere Ware optimal präsentiert werden – und auch unsere Mitarbeiter sollen sich darin wohl fühlen.“

Sich von Niedrigzinsen zu hohen Krediten verleiten zu lassen – so etwas kann sie sich gar nicht vorstellen. „Das ist gleichbedeutend mit dem Zwang, etwas abbezahlen zu müssen. Lieber will ich jederzeit frei entscheiden können, wie es weitergeht.“

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