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Ein Interview mit Prof. Dr. Axel Haverich, Direktor der Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover, über die Folgen, die Feinstaub für die Gesundheit hat. Und Maßnahmen, die Großstädte wie Hannover ergreifen sollten.

Von Christian Bärmann


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Es gibt mittlerweile viele internationale Studien, die einen massiven Effekt des Feinstaubs vor allem auf das Herz-Kreislauf-System beschreiben. Das war bis vor fünf Jahren noch fast unbekannt. Bis dahin wussten wir eigentlich nur, dass Menschen, die in einem Steinbruch oder einem Bergwerk arbeiten, ein Riesenproblem mit der Lunge bekommen.

Doch dann kam ein Befund nach dem anderem, inzwischen ist die Datenlage so glasklar, dass wir wissen, dass mit jedem zehnten Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter die Herzinfarkt- und Schlaganfallrate steigt, ebenso wie die Zahl der Alzheimer- und Diabeteserkrankungen. Diese Daten gelten für Mexiko City und Shanghai genauso wie für Hannover.

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In China wurden die Bewohner eines Studentenwohnheims in zwei Gebäudehälften aufgeteilt. In der einen Hälfte wurde der Feinstaubanteil von 50 auf 25 Mikrogramm reduziert. Zwei Wochen später haben die Bewohner ihre Gebäudehälften getauscht. In der Hälfte mit dem reduzierten Feinstoffanteil wurden bei den Bewohnern jeweils ein niedrigerer Blutdruck, ein besserer Zuckerstoffwechsel sowie eine geringere Adrenalinausschüttung gemessen.

Das sind Belastungsgrößen, die durchaus auch in Hannover auftreten. Man kann also nicht sagen, dass uns die Problematik nichts angeht.

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Und umweltfreundlichere und möglichst emissionsfreie Autos. So kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, dass Taxen immer noch mit Diesel durch die Stadt fahren. Viele Taxiunternehmen würden vermutlich sogar auf ein Elektrotaxi umsteigen, aber es ist offenbar noch sehr schwierig, den Taxameter an einen Elektromotor anzuschließen.

Genauso wenig habe ich Verständnis dafür, wenn 28-Tonner oder Tieflader durch die Stadt fahren. Wenn der Lieferverkehr so wichtig für die Wirtschaft ist, würde ich der Politik vorschlagen, die Lieferfahrzeuge kleiner und elektrisch machen.

Ich habe übrigens im März meinen Diesel gegen einen Hybrid ausgetauscht. Außerdem fahre ich seit zehn Jahren mit dem Fahrrad zur Arbeit, und zum Glück kann ich von der List bis zur MHH durch die Eilenriede fahren. Aber wenn ich morgens über die Walderseestraße möchte, muss ich manchmal 100 Autos aus beiden Richtungen abwarten – in denen meisten nur eine Person sitzt. Angesichts der Studien sollten die Leute möglichst mindestens zu zweit in einem Auto zur Arbeit zu fahren. Dadurch würde die verkehrsbedingte Feinstaubbelastung um 50 Prozent reduziert.

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Absolut – wie in London, wo an bestimmten Wochentagen nur Autos fahren dürfen, deren Nummernschild mit einer geraden Zahl endet. Und an den anderen Tagen jene mit einem ungeraden Nummernschild. Das hat dazu geführt, dass die Leute sich entweder zusammentun oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt fahren.

Ich würde also in jedem Fall anregen, die Autodichte dieser Stadt auf die Hälfte zu reduzieren – aus ärztlicher Sicht kann ich gar nichts anderes empfehlen. Am vernünftigsten wäre natürlich die Einsicht derjenigen, die die mit 150 PS unter der Motorhaube morgens und abends alleine in die Stadt fahren. Da appelliere ich an jeden einzelnen.

Auch deswegen sollten die relevanten Informationen viel deutlicher vermittelt werden: Wenn noch mehr Menschen wüssten, welchen Schaden sie anrichten, wenn sie mit ihrem Auto in die Stadt fahren, würde auch die Bereitschaft wachsen, von sich aus etwas verändern zu wollen. Denn weniger Abgase bedeuten ein gesünderes und längeres Leben.

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Ich kann das sofort nachvollziehen. Wir haben aus unserem „Rebirth Cluster of Excellence“ heraus für Mitarbeiter der MHH das Sportprogramm „Rebirth Aktiv“ entwickelt. Dabei beziehen wir große Kontrollgruppen mit jeweils 1.000 Leuten ein, und die Resultate sind eindeutig: Wenn wir dieses Trainingsprogramm ein halbes Jahr durchführen – mit 30 Minuten jeden Tag –, sind die Menschen halb so häufig krank wie die Menschen in der Kontrollgruppe, die es nicht gemacht haben.

Die Einsparungen allein für das Gesundheits- und Sozialversicherungssystem sind immens, denn die Menschen sind weniger erkältet, haben weniger Rückenschmerzen und sie bekommen weniger Depressionen.

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Natürlich. Aber es gibt Stadtwälder wie die Eilenriede und die Möglichkeiten, Kernbereiche zu meiden. Ich muss mit dem Rad auf dem Weg in die Stadt nicht zwingend die Marienstraße nutzen. Bei aktuellen japanischen und chinesischen Studien wurden Menschen drei Tage lang in den Wald „geschickt“. Anschließend wurden ein reduzierter Blutdruck sowie verbesserter Zuckerstoffwechsel und Adrenalinwechsel festgestellt.

Und in London wurde ein Vergleich erstellt zwischen zwei Stunden Spazierengehen im Hyde Park und zwei Stunden Spazierengehen auf der benachbarten Oxford Street: Auch wenn das geografisch kaum ein Unterschied ist, ergab die Untersuchung massive Unterschiede in Bezug auf die Lungen-, Herz- und Kreislauffunktionen. Nur zwei Stunden Spazierengehen im Grünen, selbst in der Stadt, helfen also immens, die gesundheitsschädlichen Faktoren herunterzudrücken.

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