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Dorfstrukturen_Stadt

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Lange Zeit ließen Lärm, Dreck und fehlendes Grün die Menschen aufs Land ziehen, das Nähe und Gemeinschaft versprach. Doch heute zieht es die Bürger wieder zurück. Die Menschen haben die Vielfalt der Stadt neu zu schätzen gelernt. Was bleibt, ist der Wunsch nach einem sozialen Miteinander, das die Anonymität der Großstadt überwindet und Menschen in einer globalisierten Gesellschaft Wurzeln schlagen lässt. Dorfstrukturen gibt es längst auch in Hannover, nicht nur im Stadtteilbauernhof im Sahlkamp (Foto). 

Von Oliver Züchner



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Mitten im Gewerbegebiet an der Fössestraße herrscht reges Leben. Dort, im Containerdorf des PLATZprojekt e.V. (www.platzprojekt.de), können Menschen eigene und ungewöhnliche Projekte umsetzten. „So viele neue Ideen haben in der Stadt keine Chance, weil Regeln und Vorschriften sie behindern, von überhöhten Mieten ganz abgesehen“, sagt Lena Reckewerth, die in den vergangenen zwei Jahren einen Überseecontainer in Eigenarbeit zum Massagestudio umgebaut hat. 

„Das Grundkonzept ist größtenteils innerhalb eines Tages entstanden“, sagt sie, lacht und öffnet die Tür, vor der schon die Teilnehmer eines Meditationskurses warten. „Die Massagebox kann einfach übers Internet gemietet werden und wird momentan für Physiotherapie, Yoga, Massage und Meditation genutzt“, sagt sie, die selbst nebenbei Vollzeit in einer Marketingagentur arbeitet. „Fast jedes Projekt wird ehrenamtlich umgesetzt. Die meisten Leute hier arbeiten oder studieren. Einige sind bereits selbstständig.“   

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Lena lebte mehrere Jahre in Montreal, war eigentlich nur zu Besuch in Hannover. Dann ließ sie kurzerhand ihren Rückflug sausen, weil ihr beim Frühlingsfest auf dem Platz die Idee zur Massagebox (https://massagebox-linden.de) kam. „Woanders wäre das kaum möglich gewesen“, sagt sie. Auch andere sehen im Platzprojekt die Chance, ihre Träume in die Tat umzusetzen. Wie Benni, der junge Architekturstudent, der mit den anderen im Planerbüro aufwendige Skaterparks entwirft. Oder Sven, der Tischler, der mit Enthusiasmus an der neuen Veranstaltungshalle des Platzprojekts (Foto) arbeitet.

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Gute Ideen gibt es viele in dem kleinen Containerdorf. Die Brauer von der Brauereikiste brauen nicht nur Bier, sondern bieten Kurse für jedermann an. Die Jungs von Piratecyclex (https://piratecyclex.wordpress.com) produzieren maßgeschneiderte Bikes. Andere planen Windkraftanlagen oder bauen am Gewächshaus. Dazu gibt es eine offene Werkstatt und offene Büros, die Existenzgründer anlocken. Eine Kooperation mit Hannovers Hafven ist ebenso geplant wie ein veganer Cateringservice, mit dem sich zwei 20-Jährige selbstständig machen wollen.  

Das Platzprojekt wurde 2014 als Verein gegründet, angeschoben mit 100.000 Euro Fördergeld vom Bund. „Das ist aufgebraucht, vor allem für den Ausbau des Platzes, für Wasser- und Stromanschluss“, sagt Lena. Jetzt steht das Projekt auf eigenen Füßen.

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Das ungeschliffene Äußere des Platzprojekts täuscht über die Energie hinweg, mit der sich Menschen hier an neuen Formen des Zusammenlebens versuchen. Die „Massagebox“ und die Brauerei, das Minihotel Trekkers Huus und das Vereinscafé: Das alles ist mehr als eine Ansammlung von Gewerben. 

„Wir wollen Stadt anders, von unten organisieren. Lebendig, nicht hierarchisch und durchkommerzialisiert, sondern mit Raum für gemeinschaftliche Projekte“, umreißt Lena die Idee. Sie gehört zum Vorstand des Platzprojekt e. V., bildet mit knapp 20 Mitgliedern den harten Kern des Projekts. Aber auf derlei Formalitäten legt sie wenig Wert. Wichtiger ist ihr ihre Ausbildung zur Massagetherapeutin. „Damit könnte ich den Raum, den ich gebaut habe, auch selbst nutzen. Ein Traum.“

Das Platzprojekt zeigt, wie anders sich Stadt organisieren könnte. Die Welt erscheint im steten Fluss: ein produktives Chaos, das mehr wird als ist, mit flachen Hierarchien und lockeren Strukturen. Es gibt Männer und Frauen, Vereinsmitglieder und gewerbliche Nutzer, Feierabendbastler, Anhänger und Vollblutengagierte – und Leute, die irgendwie von allem etwas sind.

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Wie organisiert und strukturiert war dagegen die Bürgerbeteiligung, die in den 1970er-Jahren entstand. Damals war Willy Brandt mit seiner Forderung, mehr Demokratie zu wagen, zum Bundeskanzler gewählt worden. Eine neue, offene Gesellschaft sollte entstehen, abseits der Starre der Nachkriegszeit. Auch Hannover wurde von dieser Bewegung erfasst. Freizeitheime und Stadtteilbibliotheken sollten das Wir-Gefühl in den Vierteln der Halbmillionenstadt stärken.

Da erfanden Stadtplaner die Bürgerbeteiligung, die in Hannover bis heute hochgehalten (wenn auch keineswegs immer umgesetzt) wurde. Bürger sollten mitentscheiden, wenn es um Straßen und Plätze ging. Das Konzept ist bis heute aktuell, berichtet Sid Auffarth.

„Wenn von Dorfstrukturen die Rede ist, geht es um das Miteinander in der Nachbarschaft, im eigenen Viertel“, sagt der Architekt und Stadtbau-Historiker, der sich in der jüngeren Geschichte Hannovers wie nur wenige auskennt. „Vereine, Initiativen, gemeinschaftliche Wohnprojekte: Das alles macht Stadtteile lebendig, bindet Menschen an ihre Umgebung und lässt sie Verantwortung übernehmen.“ Dabei wäre Auffarth kein Architekt, wenn er die gebaute Stadt, ihre Straßen und Plätze nicht als Katalysator eines gemeinschaftlichen Miteinanders begriffe – und damit als wertvollen Raum, der viel zu schade ist, um ihn dem Autoverkehr zu überlassen.

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„Der Streit um Gestaltung und Funktion von Straßen und Plätzen lässt Bürger den Wert des eigenen Lebensraums und damit ihre eigene Verantwortung erkennen“, sagt der 79-Jährige, der seit den 1970er-Jahren unzählige Bürgerbeteiligungen als Wissenschaftler oder Moderator begleitete. Er lobt den Fiedelerplatz in Döhren mit seiner lebendigen Nachbarschaft und dem aktiven Vereinsleben, ebenso die Plätze der Südstadt, die Kristallisationspunkte nachbarschaftlichen Lebens sind –, auch weil sie nicht vorrangig nach ästhetischen Aspekten gestaltet wurden. Er berichtet von der Bürgerinitiative Wasserstadt Limmer (www.wasserstadt-limmer.org), die sich laut Auffarth vergeblich gegen eine dichte Bebauung des neuen Quartiers eingesetzt habe – und ihre Realisierung nun kritisch begleiten wolle.

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Auffarth sieht auch das Engagement der Stadt, die viele Plätze neu gestaltet hat – wenn auch nicht immer mit Rücksicht auf die Bürger. Er lobt die Verantwortlichen, die die Nachbarn intensiv in die Planung des neuen Baugebiets am Kronsberg einbezogen, in dem einmal 8.000 Menschen leben sollen (das Foto zeigt Stadtbaurat Uwe Bodemann). Selbst eher abgelegene Stadtviertel wie Hainholz können in diesem Sinne eine gute Entwicklung nehmen. Dort entstanden, gefördert vom Programm Soziale Stadt, Mieter- und Gemeinschaftsgärten und ein Kulturtreff. Kunstaktionen signalisierten Aufbruch.

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„In Hainholz ist viel erreicht worden. Die bürgerschaftliche Beteiligung ist deutlich stärker als zuvor“, erzählt Auffarth. Aber das Viertel zeigt auch die Grenzen auf. „Hier ballen sich zu viele soziale Randgruppen, ähnlich wie in den Sozialbauten am Sahlkamp“, sagt der Architekt. „Das sind Menschen, die wenig Interesse haben, gemeinschaftlich zu handeln und betreuungsbedürftig sind. Ein mühsames Geschäft.“  

Überhaupt ist Bürgerbeteiligung so eine Sache, denn sie bleibt immer Thema einer Minderheit. „Wenn sich von 1.000 Einwohnern fünf aktiv einbringen, ist das schlecht. Sind es zehn, läuft es gut“, sagt Auffarth. Aber er verweist auf die Multiplikatoren, die die Diskussion in die breite Öffentlichkeit tragen. „Die BI Wasserstadt Limmer hat vielleicht 20 Aktive, aber oft viel mehr Bürger in die AGs und Workshops einbezogen.“

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Ausgerechnet im Ihme-Zentrum erwecken engagierte Bürger ebenfalls eine Dorfgemeinschaft zum Leben. 2016 gründeten sie die Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum e.V. (www.ihmezentrum.info), um den Dialog zwischen Großeigentümer und Projektentwickler Intown, der Stadt, den Wohnungseigentümern und Nutzern des Ihme-Zentrums und den Bürgern der Stadt voranzubringen. „Die hatten sich eingegraben. Dabei braucht es für die Sanierung allein aus rechtlichen Gründen die Einstimmigkeit aller Eigentümer“, sagt Gerd Runge, Architekt und Mitglied des Vereins Zukunftswerkstatt  (Foto).

Und so fing die Zukunftswerkstatt an, sich einzumischen, entwickelte Ideen und Nutzungskonzepte für das Zentrum, über das schon so lange wie ergebnislos diskutiert wird. 

„Es gab Kritik aus dem Bezirksrat, warum so viele unserer 80 Mitglieder nicht im Ihme-Zentrum wohnen“, sagt Runge. „Dabei benötigen wir den Blick von außen. Ein Konzept kann nur funktionieren, wenn es das Ihme-Zentrum in den Stadtteil integriert – baulich und gesellschaftlich.“

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Die Vereinsmitglieder und Helfer beließen es nicht bei Ideen und Vorschlägen, sondern eröffneten im Juni 2017 ein 230 Quadratmeter großes Nachbarschafts- und Kulturzentrum (Foto): für die Vereinsarbeit, aber auch für die Bewohner. „Die Räume können gegen wenig Geld für Kunst- und Kultur, aber auch für Geburtstagsfeiern gemietet werden“, sagt Runge, der sich über die rege Beteiligung, aber auch über die öffentliche Resonanz freut.  

„Viele unserer Mitglieder sind Eigentümer und Mieter im Ihme-Zentrum. Sie wollen hier wohnen bleiben und endlich sehen, dass es vorangeht“, sagt der Architekt mit einem Seitenhieb gegen die Stadt. Die unterstützt die Werkstatt zwar finanziell, die Vereinsmitglieder werfen ihr aber vor, lange so getan zu haben, als ginge sie der Betonklotz wenig an (https://experimentihmezentrum.wordpress.com). Dabei ist sie selbst Miteigentümerin und Mieterin.

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Die Zukunftswerkstatt scheint ihrer Zeit voraus. Lange Zeit wurde versucht, die überdimensionierten Einzelhandels- und Büroflächen zu halten. „Dabei brauchen wir Wohnungen, aber auch Räume für Existenzgründer, Selbstständige und Kleingewerbe“, sagt der Architekt. So entwickelte die Zukunftswerkstatt die Idee der Produktiven Stadt.  

„Lidl und Edeka ziehen an die jeweiligen Enden des Zentrums bzw. seines Sockelbereichs. Dazu kommen am Küchengarten Flächen für Kunst und Kultur und an die Blumenauer Straße die Nutzungen der Produktiven Stadt.“

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Geht es nach Runge und seinen Mitstreitern wird das Ihme-Zentrum eine Stadt im Stadtteil: kleinräumig, sozial vernetzt, eine lebendige Vielfalt durch das dichte Nebeneinander von Funktionen und Lebensentwürfen, wie man es in der City mit ihrer Shopping-Ödnis schmerzlich vermisst.  

Auch soll der riesige Block durch neue Rad- und Fußwege besser an die Umgebung angeschlossen werden. Ein durchgehender, nicht von Straßen unterbrochener breiter Radweg an der Ihme entlang ist ebenso vorgesehen wie ein großzügiger Durchbruch vom Küchengarten zur Ihme. „Seit 13 Jahren reden wir darüber. Jetzt hat der Großeigentümer die Idee des Durchbruchs aufgenommen“, sagt Runge. „Es scheint, dass wir vorankommen. Endlich.“

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So stellt sich die Zukunftswerkstatt den Umbau des Ihme-Zentrums vor:  

Öffentliche Grünverbindung vom Küchengarten an die Ihme mit Rad und Fußwegen in Richtung Goethekreisel. 

Übersichtliche Rad- und Fußwegverbindung von der Gartenallee in Richtung Calenberger Straße –  
uferbegleitender Radweg entlang der Ihme. 

Fassadennutzungen mit Fenster „als Augen“ entlang der Spinnereistraße und der Blumenauer Straße. Einzelhandel, Büro, produktive Stadt statt Garagendeck.  

Neubau von über 100 Wohnungen und großer Gewerbeflächen auf dem Rampengrundstück für die ehemalige Fußgängerbrücke.  

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Auch der Stadtteilbauernhof Sahlkamp (www.stadtteilbauernhof-hannover.de) bringt das Dorf in die Stadt – und damit Natur und Tiere zu den Kindern. Und das bereits seit 1999, für Kinder zwischen 6 und 17 Jahren. „Dass Milch von der Kuh kommt ist eher bekannt. Aber trotzdem haben Kinder zu Nutztieren immer weniger Bezug“, erklärte Sozialpädagogin Angelika Bergmann der HAZ. Hier sollen Kinder erleben, wie es wirklich ist im Leben.

„Die vielen handfesten Tätigkeiten auf einem Bauernhof regen dazu an, sich zu verwurzeln und mitzugestalten. Gegenseitige Hilfe und Übernahme von Verantwortung spielen dabei eine große Rolle, denn bei der Pflege der Tiere müssen alle Bedürfnisse bedacht sein und jeder, der mithilft, kann dazu lernen“, heißt es auf der Homepage. Besonders berücksichtigt werde dabei, dass Kinder aus unterschiedlichen Kulturen und Sprachen, Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen und gemeinsam neue Erfahrungen machen. Auch Stallausmisten gehört dazu.

Zu den Sponsoren des Stadtteilbauernhofs gehört die Sparkasse Hannover, deren Vorstandsvorsitzender, Dr. Heinrich Jagau, die Förderung wie folgt begründet: „Wir wollen dazu beitragen, dass Stadtkindern das Landleben zum Anfassen ermöglicht und ihnen vermittelt wird, wo Nahrungsmittel ihren Ursprung haben.“ Außerdem unterstütze der Stadtteilbauernhof das Gefühl einer Dorfgemeinschaft, in der sich nicht zuletzt auch Kinder gut aufgehoben fühlen und sozial interagieren können.

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